Fast Lane Verstrahlter Humor

"Soll ich jetzt nach Japan fahren? Ist es wirklich sicher dort? Sollte ich lieber bis nächsten Monat warten? Oder nächstes Jahr?" Solche Mails landeten in den vergangenen Wochen massenweise in meinem Eingangsordner. Die Fragen kamen von jungen Ehepaaren, die ihre Hochzeitsreise nach Nagano schon vor Monaten gebucht hatten, von Touristen, die regelmäßig zur Sakura (Kirschblüte) kommen, um unter den blühenden Bäumen Kyotos spazieren zu gehen, und auch von erfahrenen Diplomaten, von denen man eigentlich annehmen sollte, dass sie besser informiert seien. Eine Flut von Lesern, die sich Sorgen über die Nahrungsmittelversorgung, den Zustand der Infrastruktur, die Radioaktivität und die allgemeine Stimmungslage machten.

Ich landete letzten Freitag in Tokio - genau vier Wochen nach dem "schwersten Erdbeben in der Geschichte Japans", wie es nun immer heißt - und freue mich berichten zu können, dass die Stimmung auf der Straße sich im Vergleich zu meinem Besuch vor einem Monat sehr verbessert hat: Die Lichter sind wieder ein bisschen heller geworden, die Schlangen vor Tokios Tankstellen verschwunden, die Öffnungszeiten haben sich normalisiert, und die meisten meiner Lieblingsrestaurants und Bars sind gut besucht - nur ein paar bleiben leider aufgrund von Nachschubproblemen und weniger Laufkundschaft geschlossen.

Die Hauptnachrichten der öffentlichen Rundfunkanstalt NHK widmen sich immer noch hauptsächlich den Aufräumarbeiten, Fukushima und den Aufgaben des neu eingerichteten "Reconstruction Design Council". Die Verunsicherung über das Ausmaß der Verstrahlung hat sich jedoch gegeben. Sie wird einfach als ein weiteres alltägliches Risiko wahrgenommen - so wie das Überqueren einer Straße, Skifahren ohne Helm, das Essen von Austern oder das Veröffentlichen zu vieler persönlicher Informationen auf Facebook.

Für Leute, die aus Japan sofort zurück in den Westen flüchteten, kursiert nun der Begriff "Flyjin" (ein Wortspiel mit der japanischen Bezeichnung für Ausländer: "gaijin"). Überhaupt ist den Gesprächen Einheimischer eine Art verstrahlter Humor anzumerken, in dem versucht wird, der Krise etwas Positives abzugewinnen. Ein Kollege merkte an, dass die ganze Radioaktivität sich sogar vorteilhaft auf den Wettbewerb auswirken könnte, da die japanischen Bauern größere Früchte ernten würden. Und in einem Land, das sich mit einer solchen Besessenheit der Hautpflege widme, sei es nur eine Frage der Zeit, bis jemand Fukushima-Erde für Gesichts- und Ganzkörperpackungen anbiete.

Meine Reise nach Japan hatte zwar in erster Linie wichtige geschäftliche Gründe, aber unabhängig davon hatte ich schon während meines letzten Besuchs beschlossen, so bald wie möglich wiederherzukommen: Ich wollte mich ein wenig für den Sommer einkleiden, ein Wochenende in meinem hochgeschätzten Ryokan verbringen, in ein paar Lieblingshotels einchecken und Kunden besuchen. Genau das habe ich in den vergangenen Tagen auch getan - außerdem nahm ich an einem Diskussionsforum in der australischen Botschaft teil, in dem es um Medienfragen und die Zukunft Japans als Marke ging, und wo ich unseren Botschafter in Tokio traf.

Niemand will die Kirschblüte sehen? Von wegen.

Auch wenn es nicht leicht ist, den Entwicklungen der vergangenen Monate irgendetwas Positives zu entlocken: Der Nachdruck und die Dringlichkeit, mit der nun über die Marke Japan nachgedacht wird, ist begrüßenswert. Während die meisten internationalen Medien die schlechten PR-Fähigkeiten Japans und allgemein die mangelnde Qualität der Nachrichten kritisierten, waren die Japaner wiederum empört über die unverantwortlichen und unrichtigen Angaben von Ereignissen und Fakten sowie die Darstellung der Gesamtsituation im Land.

Noch in der letzten Woche wollten uns britische und amerikanische Fernsehsender glauben machen, dass kein Japaner sich in diesem Jahr für die Kirschblüte interessieren würde. Dabei musste man nur mal kurz mit dem Taxi in Kagoshima und später Tokio vorbeifahren, um zu sehen wie Familien sich in den Parks und den Boulevards drängten und sich über die zarten, durch die Luft wirbelnden Blüten freuten.

Sicher, man sieht weniger Ausländer auf den Straßen Tokios, aber das bedeutet nicht, dass die Stadt dadurch weniger lebendig wirkt. Die Chinesen trauen sich aus falscher Furcht vor Verstrahlungen vielleicht noch nicht wieder her, um in Ginza shoppen zu gehen. Die Franzosen mögen ihre Verstecke erstmal nicht verlassen und auch die üblichen Massen an jungen Koreanern, die in Harajuku einkaufen, fehlen. Aber die Geschäfte in Marunouchi und Aoyama waren voll von japanischen Kunden, die fest entschlossen waren, Geld auszugeben.

Premierminister Naoto Kan hatte das Land Anfang der Woche dazu aufgerufen, zum Alltag zurückzukehren. Er verpasste dabei allerdings die ausgezeichnete Gelegenheit, auch den Rest der Welt dazu zu bewegen, den Blick auf Japan wieder zu normalisieren. Dabei wäre es einfach gewesen, einen ersten Schritt zu tun, um die nationale Marke Japan zu stärken: Während er seine Mitbürger dazu ermutigte auszugehen und Geld auszugeben, hätte er der Welt gleichzeitig für die großzügige Unterstützung und Spenden danken können - verbunden mit der Aufforderung, nicht nur Geld zu schicken, sondern lieber ein Flugzeug zu besteigen, ein Hotel zu buchen, Meetings anzusetzen und dem Land einen Besuch abzustatten.

Der schnellste Weg, um Japan zu rehabilitieren, besteht darin, aufzuzählen, was ich für das Beste an Essen, Getränken, Service, Gastfreundschaft, Infrastruktur, Einzelhandel und Landschaft halte: Die Tohoku-Region hat einen schweren Weg vor sich, aber die Taxifahrer in Osaka tragen immer noch Handschuhe und Fliege; Isetan wird in zwei Wochen ein riesiges Einkaufszentrum in der Stadt eröffnen; das Hühner-Sashimi ist eine Köstlichkeit im südlichen Kyushu; man steht immer noch Schlange für einen Cappuccino an Omotesandos Koffee's kleinem Stand; und wenn Sie sich beeilen, kommen Sie gerade noch rechtzeitig zur Kirschblüte oben in Hokkaido.

Autor:
Tyler Brûlé