Japan Tokio - zurück zu alter Blüte

Shibuya

Nach dem ohrenbetäubenden Knall in tiefschwarzer Dunkelheit wird es hinter dem schweren Samtvorhang endlich ein bisschen ruhiger. Doch bevor ich wieder Herr der Lage werden kann, klicken schon Handschellen an meinem Gelenk. Begleitet von einer lauten Sirene, verstörenden Rhythmen aus dem Deckenlautsprecher und einer im knappen Minirock bekleideten Politesse werden Chika Komiya und ich in eine winzige Zelle gesteckt - ausgestattet mit Funzellicht, zwei Stühlen und einem Tisch. Erst jetzt bekommen wir einen Moment zum Durchatmen. Man reicht uns die Speisekarte.

Nein, in Tokio geht man nicht einfach nur essen. Man erlebt den Besuch im Restaurant. Das Spaß-Gefängnis "The Lockup" ist nur eines von zahlreichen gastronomischen Highlights in Japans Megametropole, bei denen man dem Gast den Magen umdreht, bevor man ihn füllt. "Vielleicht liegt es an unserem strikten, disziplinierten Alltag, dass wir in der Freizeit extremer als andere unterhalten werden wollen", sagt Chika. Die 23-jährige hatte ihrer Heimatstadt während eines vierjährigen Filmstudiums den Rücken gekehrt und Erlebnisse dieser Art in Europa manchmal vermisst.

Bewaffnete Männer simulieren einen Gefängnisausbruch

Noch bevor wir thematisch passende Speisen wie Pasta, auf der ein essbarer Augapfel thront, und Getränke wie mit Schnaps gefüllte Selbstmordkapseln bestellen können, wird es stockfinster und die laute Sirene ertönt erneut. Bewaffnete Männer mit Horrorfilmmasken simulieren einen Gefängnisausbruch. Während sie umherirren und mit Platzpatronen um sich schießen, hört man aus den hinteren Zellen die lauten Schreie anderer Gäste. Mein Blick wandert zu Chika, doch ich sehe sie nicht mehr. Sie hat sich aus unserem Tisch und ihrer Handtasche eine Barrikade gebaut. Sicher ist sicher.

Wie viele andere Vergnügungsorte liegt auch "The Lockup" mitten in Shibuya, wo eines der Herzen der 35-Millionen-Metropole schlägt. Wer sich nur mal eine halbe Stunde in den ersten Stock von "Starbucks" an der berühmten Straßenkreuzung setzt, kann als einflussloser Beobachter das energiegeladene Stadtleben auf sich wirken lassen: Erst schießen bunte Busse, Taxen und LKW am Fuße der LED-blinkenden Häuserfront vorbei. Und dann plötzlich, als würde jemand den Schalter umlegen, halten die Fahrzeuge an, und aus zehn verschiedenen Richtungen strömen Tausende von Menschen von A nach B nach C nach D. Ein faszinierender Schmelztiegel aus Chaos und Ordnung, in den nach Japans schwerwiegender Katastrophe vor gut zwei Jahren längst wieder Normalität eingekehrt ist.

Bei dem Seebeben vor der Küste Tōhokus im März 2011 kam es in vier Reaktorblöcken des Kernkraftwerks Fukushima I, etwa 250 Kilometer nordöstlich von Tokio, zur Kernschmelze. Die Folgen: Bis zu 150.000 Menschen mussten – zumindest vorübergehend – ihre Heimat verlassen, erstmals gingen Hunderttausende Menschen bei Anti-Atom-Demos auf die Straße. Und die Touristen blieben schlagartig aus. Nur einen Monat nach dem Vorfall waren die Besucherzahlen um mehr als 60 Prozent eingebrochen.

Japan, das ressourcenarme Land braucht Energie

Um wieder an erfolgreichere Zeiten wie das Rekordjahr 2010 mit knapp sechs Millionen Besuchern alleine in Tokio anknüpfen zu können, hat die städtische Tourismusbehörde "Go Tokyo" Anfang 2013 die Ergebnisse einer neuen Studie zur Strahlenbelastung veröffentlicht. Das Ergebnis laut Untersuchungsleiter Prof. Rolf Michel von der Leibniz-Universität Hannover: "Die Belastung in Tokio entsprach Ende 2012 etwa dem Wert Niedersachsens." Tatsächlich würden zum Beispiel New York, London und Berlin höhere Strahlenwerte aufweisen als Japans Hauptstadt. Lediglich Bambussprossen und Süßwasserfische aus der Präfektur Fukushima seien noch immer mit Werten belastet, die die zulässige Grenze überschreiten.

Hiroshima-Ehrendenkmal im Friedenspark
Buddhika Weerasinghe/Getty Images
Eine Hiroshima-Gedenkfeier beim Ehrendenkmal im Friedenspark.
Die Japaner gehen weitaus gelassener mit dem Risiko atomarer Strahlung durch den Betrieb von Kernkraftwerken um als andere Nationen - was die meisten westlichen Besucher wundert. Schließlich hat das Land in Hiroshima und Nagasaki hautnahe Erfahrungen mit der verheerenden Wirkung atomarer Verstrahlung gemacht. Noch heute stehen Angehörige schweigend vor dem Ehrendenkmal im ruhigen Friedenspark in Hiroshima und trauern um ihre Lieben. Am Fuße des Mals stehen in verschiedenen Sprachen Worte, die nach dem jüngsten Beben auch heute wieder gültig sein könnten: "Mögen alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden die Katastrophe nie wieder zulassen." Die friedliche Nutzung der Kernenergie hingegen war bis zum Super-GAU weitestgehend gesellschaftlich akzeptiert. Das ressourcenarme Land braucht Energie. Und die im März 2012 gewählte rechtskonservative Regierung setzt wieder eindeutig auf Atomstrom.

Orientierung trotz Sprachbarriere

Keine Frage: Als europäischer Fremder kann man sich in Ballungsräumen wie Tokio schnell verlieren. Weniger in gemütlichen Nachbarschaften wie den Gärten des Kaiserpalasts oder Asakusa, wo Wahrsagerinnen rund um den Sensō-ji-Tempel ihre Tische auf den Gehweg stellen und von Menschen gezogene Kutschen durch die Straßen rollen. Sondern vielmehr dort, wo es wirklich wuselt. Wo die einzigen Menschen, die einen interessiert anschauen, kleine Kinder sind, weil sie noch nie ein europäisches Gesicht gesehen haben. Die Anonymität in den Großstädten kann gewaltig sein. Doch lässt sie sich auch ganz einfach aufbrechen.

Mit einem Stadtplan in der Hand und einem fragenden Blick im Gesicht treffe ich in Kyoto auf einen Mann im adretten Anzug, der sich gerade eine Teepause gönnt. Ich spreche ihn auf Englisch an, woraufhin schnell klar wird, dass ihm die Sprache nur mäßig geheuer ist. Durch reichlich Handarbeit gelingt es uns dennoch, auf einen Nenner zu kommen: Er zeigt mir den gesuchten Weg, und wir kommen ins Gespräch. Fehlende Sprachkenntnisse sind hier nicht das grundsätzliche Problem, Englisch wird in der japanischen Mittelstufe als erste Fremdsprache gelehrt. Nur fehlt es vielen an Übung. Das sorgt in Sachen Wortwahl und Aussprache manchmal für Fragezeichen. So bittet der Mann immer wieder um einen Moment Geduld, um mithilfe der Übersetzungs-App in seinem Smartphone nach den richtigen Worten zu suchen. Derweil bestelle ich neuen Tee.

Grundsätzlich funktioniert die Orientierung als Reisender auch ohne Japanischkenntnisse, da die wichtigsten Orte auch mit lateinischen Buchstaben beschriftet sind. Einfaches Zurechtfinden sieht dennoch anders aus. Beispiel: Zug fahren. Wer mit Geschwindigkeiten von bis zu 320 Stundenkilometern im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen durchs Land fahren will, möchte im Vorfeld doch manchmal an den scheinbar kryptisch gestalteten Fahrplänen verzweifeln. Immer genau dann, wenn man es nicht gebrauchen kann, ist weit und breit kein internationaler Plan in der Nähe. Gerade mal die Uhrzeit lässt sich erkennen, vielleicht noch die Zugnummer. Aber das Fahrziel in japanischer Schrift? Das richtige Gleis? Schwierig. Zum Glück helfen die Mitarbeiter in den Ticketboxen mit verständlichem Englisch, suchen die nächste Verbindung heraus und drucken die wichtigen Infos auf kleine Karten. Mein Ziel: Japans heiliger Berg.

Fuji-san
iStock/Thinkstock
Der Fuji-san Berg
Fujis rosafarbenes Kleid

Mit einem Affenzahn schießt der Shinkansen auf der Fahrt nach Westen durch zahlreiche Tunnel, in denen die Ohren knacken und der Blick in die Ferne unterbrochen wird - bis hinter der Fensterscheibe plötzlich die berühmte weiße Kuppe zum Vorschein kommt, die über allem zu schweben scheint. Noch bis spät ins Jahr hinein ist Fuji-san mit Schnee bedeckt. Den mit 3776 Metern höchsten Gipfel des Landes sollte man daher nur im Juli und August besteigen - und das laut Ansicht der Japaner zumindest einmal im Leben. Doch auch von unten lässt er sich bestaunen, wenn im ausgehenden Frühjahr an den Knospen der zahllosen Kirschbäume die letzte zartrosafarbene Blüte sprießt.

Zweifellos gilt die Periode der üppigen Kirschblüte nicht nur am Fuji als Top-Reisezeit. Doch Sato Hitoshi ist die Saison egal. Der 70-jährige Hobbyfotograf mit Brille und Baseballcap macht sich das ganze Jahr über auf, um seinen Fuji zu sehen - mindestens zweimal pro Woche. "Die schönsten Orte befinden sich an den Ufern der fünf Fuji-Seen", erzählt Sato, als wir uns um fünf Uhr morgens gemeinsam auf den Weg zum Kawaguchi-See machen, um den Berg bei Sonnenaufgang zu erleben. Wir sind an diesem Sonntagmorgen bei weitem nicht die einzigen Schaulustigen am Ufer. Zahlreiche Japaner haben ihre Stative bereits in tiefster Dunkelheit in Stellung gebracht, um den Moment nicht zu verpassen.

Die weiche Silhouette der umliegenden Gebirgskämme umgibt bereits ein tiefes Orange, kurz darauf klicken die ersten Apparate. "Jetzt, schau!", ruft Sato. Ich drehe mich um und blicke auf die Bergspitze, die vor Sekunden noch blassgrau in der klaren Morgenluft lag und nun plötzlich im kräftigsten, scheinbar glühenden Rosa strahlt. Es ist mucksmäuschenstill, keiner der Anwesenden sagt einen Ton. Und auch ich verstumme.

Autor:
Christoph Pfaff