Fast Lane Im Bett mit CNN

24-Stunden-Nachrichten-Sender genießen eine merkwürdige Bedeutung. Für den Geschäftsreisenden sind sie beispielsweise willkommene Vertraute in seinem ansonsten von fehlender Routine gekennzeichneten Leben: In Europa geht man mit CNNs Anna Coren ins Bett, während man in Asien mit Jonathan Charles von BBC World einschläft. In London erkennt man die Lunch-Zeit daran, dass Bloombergs Betty Liu mit ihren eigenartigen Haarkreationen und den ersten Eindrücken vom amerikanischen Börsenstart auf den Bildschirm springt. Und ich weiß, dass es höchste Zeit ist, zu al Jazeera umzuschalten, wenn CNNs süßer Wirtschaftsmoderator jeglichen den Sauerstoff aus meinem Hotelzimmer zu saugen scheint.

Bei mir läuft fast immer irgendein Nachrichtenprogramm. Im Büro ist es eine Mischung aus Sky News, France24 und al Jazeera (ich kann den BBC News Channel nicht ertragen, er ist zu sehr auf britische statt internationale Themen ausgerichtet). Auf Reisen quer durch Europa ist es BBC World oder CNN International. In Amerika zappe ich auf meinem Laptop zum World Service oder NPR, da CNBC, Fox News und CNNS auf ihren regionalen Stationen offenbar keine Menschen mit Pass mehr beschäftigen. In Asien ist es wiederum eine Mischung aus BBC World und CNN, wobei keiner der beiden den Kontinent befriedigend abdeckt.

Da sich der internationale Ableger von CNN nicht entscheiden kann, ob er nun ernsthafte Nachrichten liefern oder doch lieber auf seichte Unterhaltung setzen möchte, ist die Herausforderung, einen gut informierten, zuverlässigen Informationskanal für die Gegend zu finden, groß. Ich bin der Meinung, dass die BBC sich zu sehr auf Indien und Pakistan konzentriert und dabei die Vorstandsetagen in Hongkong, die Nebenschauplätze Taipehs und Japans Design-Zentren sowie die Werften Busans außer Acht lässt. Der Geschäftsbericht aus Singapur mutet unterbesetzt und klaustrophobisch an und ein ordentlicher Bericht in Form von Matt Freis nächtlichen Nachrichten aus Washington scheint in Anbetracht der Tatsache, dass in Asien die zweit- und drittgrössten Wirtschaftsmächte der Welt zu Hause sind, erstaunlich häufig zu fehlen.

Da Geschäftsreisen inzwischen zweimal pro Monat an der Tagesordnung sind, suche ich nach einem Nachrichtensender, der die breaking news abdeckt, einen regional beeinflussten Blick auf die Welt im Angebot hat, die Wirtschaft brillant analysiert, attraktive Wetteransager hat und jeden Tag auch ein paar Minuten dem neuesten Pop-Talent widmet. Merkwürdigerweise hat sich bisher niemand dieser Herausforderung gestellt, obwohl ich davon überzeugt bin, dass es eine riesige Nachfrage gäbe - mal ganz zu schweigen von Dollar, Baht, Won und Yen in Form von Sponsoren- und Werbegeldern.

Hilfe für Japans bürokratisierte, arrogante TV-Sender

Ich dachte über diese auf Asien konzentrierte globale Nachrichtenmaschinerie nach, als ich gerade an der NHK-Zentrale in Tokio vorbeifuhr. Die Zahl der Satellitenschüsseln auf dem Dach ließ mich in eine leichte Depression verfallen. Wenn Sie das Pech hatten, mal über Japans Sender für internationale Nachrichten und Informationen zu stolpern, wissen sie, wovon ich spreche. Falls nicht, erlauben Sie mir, es Ihnen zu erklären.

NHK verfügte früher über ein starkes Netz an Berichterstattern und Büros in der ganzen Welt, hunderte von Korrespondenten und Produzenten mit großer Reichweite. Seine Form der visuellen Darstellung ließ allerdings nicht vermuten, dass Japans Elektronik-Konzerne in den letzten Jahrzehnten in irgendeiner Form an der Entwicklung von Videotechnik beteiligt gewesen wären. Den Kanal als rückständig zu bezeichnen, wäre noch freundlich. Die Darstellung ist hölzern, die Grafik in den 80ern stehen geblieben, die Programmgestaltung unerträglich, die Wirtschaftsberichterstattung lückenhaft, und Text und Voice-overs erinnern an Aufklärungsfilme aus der Nachkriegszeit.

Obwohl NHK, auch durch die Beiträge anderer Sender, mit seinen Nachrichten durchaus eine regionale Bedeutung erringen könnte, schmeißt es stattdessen Milliarden Yen weg für "Talent", überflüssige Einspielungen und Satelliten-Zeit. Zu einer Zeit, in der Japan Strategien entwickeln sollte, um seine Stimme und seinen Einfluss in der Welt zu erhöhen, produziert es ein Fernsehprogramm, das viele der negativen Seiten, unter denen sowohl die Regierung als auch die Wirtschaft Japans leiden, widerspiegelt: starr, bürokratisch, langsam, realitätsfern, arrogant, introvertiert, veraltet und nicht sonderlich international.

Ein kluger Kopf aus dem Außenministerium des Landes sollte sich bei der Regierung von Premierminister Naoto Kan dafür einsetzen, den Sender komplett einzustellen. Das Ziel: die Gründung eines internationalen, kommerziellen Netzwerks, das nur teilweise von der öffentlichen Hand abhängig ist; ein neuer, verbesserter Sender, der nicht nur von Tokio aus sendet, sondern auch regional aus Taipeh, Seoul, Peking, Singapur und Jakarta sowie international aus London, Washington, Los Angeles und Sao Paulo. Die aktuellen Hauptmoderatoren würden durch einige international bekannte Namen sowie eine neue Generation von Super-Moderatoren - vor allem aus Korea - ersetzt, die aufgrund ihres messerscharfen Vortrags, ihres etwas hageren Aussehens sowie reizenden Lächelns ausgewählt worden wären.

So wie die Koreaner längst die Film-, Musik- und Telenovela-Szene Asiens dominieren, könnte der Sender eine ähnliche Karte ausspielen, um sicherzustellen, dass seine Top-Moderatoren international bewundert werden. Gleichzeitig würden die Besten und Klügsten unter ihnen wegen ihrer Kontakte, ihrer Interview-Techniken und ihrem Handchen für eine Exklusivmeldungen eingestellt werden.

Es besteht dringend Bedarf an einem neuen Sender, um die asiatischen Länder untereinander zu verbinden, mal ganz abgesehen vom Rest der Welt. Die Zuschauer warten.

Autor:
Tyler Brûlé