Fast Lane Gedämpftes Licht im Neon-Land

Das ist eigentlich nicht die Kolumne, die ich diese Woche schreiben wollte - oder überhaupt je. Ich sitze in der JAL-Lounge am Haneda Airport in Tokio und werde gleich mit Cathay Pacific nach Hongkong fliegen, dann geht es weiter nach Mailand.

Am Flughafen herrscht kein Chaos, die Schlangen sind nicht länger als sonst und eigentlich würde ich wirklich gern noch hier bleiben. Ursprünglich sollte es auch erst am Freitag weitergehen, durch die ganzen Verschiebungen wurde ich nun zu einem früheren Abflug gezwungen. Und so schaue ich raus auf die Bucht von Tokio und ziehe eine Bilanz der vergangenen Tage.

Der ANA-Flug am Dienstag um 16.35 Uhr von Seouls Flughafen Gimpo, mit dem ich am Dienstag nach Tokio kam, ist normalerweise zu fast 100 Prozent ausgelastet - für die Business-Klasse gibt es meist sogar eine Warteliste. Als ich mich am Dienstagnachmittag dem Schalter näherte, war jedoch im gesamten Check-in-Bereich von ANA kein einziger anderer Passagier zu sehen. Dafür stürzte ein Manager ganz eifrig herbei, um seine Angestellten bei der Check-in-Prozedur zu unterstützen. Während die Bordkarten und die Gepäck-Aufkleber ausgedruckt wurden, fragte ich, ob der Flug denn voll sei. Eine Sekunde lang lächelte er automatisch, dann verfinsterte sich der Blick und er sagte, der Flug NH 1164 sei "leer".

Den größten Teil der vergangenen 96 Stunden hielt ich engen Kontakt mit unseren Mitarbeitern im Tokioter Büro, um deren Gemütslage einzuschätzen. Gleichzeitig verfolgte ich die Stimmung der fünf aus der Londoner Zentrale gekommenen Kollegen, die mit mir zusammen in Seoul saßen. Eigentlich waren insgesamt fünf von uns für die Reise nach Tokio vorgesehen. Als nun am späten Montagnachmittag ein Foto-Shooting, das für Mittwoch angesetzt war, nach hinten verschoben wurde, stellten einige die Notwendigkeit des Trips nach Japan infrage. Unterdessen unterrichtete uns das Team in Tokio kontinuierlich über die aktuellen Entwicklungen und bewertete die Durchführbarkeit des Terminplans.

Bei mir verstärkte sich aber zunehmend der Eindruck, dass meine Truppen nicht allzu scharf darauf waren, jetzt nach Japan zu fliegen. Die Zeit zwischen diversen Meetings nutzte ich, um ein paar schnelle E-Mail loszuschicken, die die Situation erklärten. Ich schrieb, dass jeder, den der Gedanke an eine Reise nach Japan zum jetzigen Zeitpunkt beunruhigen würde, natürlich nach London zurückkehren könne. Auf der anderen Seite hätten wir jedoch auch eine moralische und professionelle Verantwortung dafür, unsere Kollegen in Japan zu unterstützen, wenn die schon wie immer ihren Geschäften nachgehen und einfach weiterarbeiteten. Als ich das Gate erreichte, war ich allein.

Nur noch zwei andere Passagiere saßen in der Business-Class, die Economy Klasse war allerdings recht ausgelastet - größtenteils mit japanischen Mädchen, die von einem verlängerten Shopping- und Barbecue-Wochenende in Korea zurückkehrten. Ich richtete mich häuslich auf meinem Platz ein, überflog die japanischen Zeitungen in englischer Sprache und verbrachte dann die folgenden zwei Stunden damit, aus dem Fenster zu starren und mich zu fragen, was die Zukunft wohl für Japan bereithielt.

"Journalisten sind im Moment die einzigen Leute, die nach Japan reisen"

Ich hoffe nur, dass sie nicht so düster und ausgestorben aussieht wie meine Ankunft in Haneda. Als das Flugzeug die Wolkendecke über sich gelassen hatte, konnte man kaum glauben, dass wir kurz davor standen, in Tokio zu landen: die ganze Stadt wirkte wie heruntergedimmt. Die langen Gänge im Terminal waren menschenleer, auch an der Passkontrolle musste man nicht anstehen. Der Beamte, der meinen Ausweis überprüfte, lächelte, als er auf meine Berufsangabe stieß. "Journalisten sind im Moment die einzigen Leute, die nach Japan reisen", sagte er.

An der Rezeption des Grand Hyatt fragte ich den Manager, ob sie viel zu tun hätten und bekam die Antwort, dass sich viele japanische Gäste in dem Hotel aufhalten würden (vor allem in ganz Asien arbeitende Manager), die extra eingeflogen worden waren, um die Unternehmer aus dem Westen zu ersetzen, die die Stadt verlassen hätten. In den kommenden Wochen und Monaten wird das sicherlich bei regionalen Sitzungen noch Gegenstand erregter Diskussionen werden: Japanische Angestellten werden wissen wollen, warum es für die britischen, französischen und australischen Bosse in Ordnung war, das Land zu verlassen, während die lokalen Angestellten zurückgelassen wurden, um die Stellung zu halten.

Ein paar Stunden später bei einem gemeinsamen Abendessen im Maur (ein tolles Restaurant in Aoyama) fragte sich ein Kollege laut, warum die Leute, die sich Sorgen über die Qualität der Luft machen, dann ausgerechnet nach Peking oder Hongkong flüchten würden. Das führte zu brüllendem Gelächter - und dieser Ton wurde auch für den Rest des Abends beibehalten, während japanischer Weißwein in rauen Mengen konsumierte wurde, nur unterbrochen von häufigen Blicken auf die Wettervoraussage, um zu sehen, in welche Richtung die Radioaktivität geweht wird. Bei solchen "Should I stay or should I go"-Situationen entsteht schnell ein besonderer Kameradschaftsgeist, stellte ich fest.

Normalerweise haben meine Kollegen Noriko und Masumi ein Händchen dafür, mir einen besonders ausgefuchsten Terminplan zusammenzustellen, der gewöhnlich mindestens acht Meetings, zwei Abendessen und eine Runde Getränke einschließt - gefolgt von Gesang. Diesmal hatte ich jedoch einen ruhigen Mittwoch erwartet, bis Masumi-san dann das Programm rausholte und der Tag mit so vielen Meetings wie sonst auch vollgestopft war. Der Verkehr war nicht ganz so dicht wie sonst, viele Tankstellen blieben geschlossen und wir klebten am Fernseher, mit dem Norikos neuer Toyota-Hybrid ausgestattet war, während sie von einer Verabredung zur nächsten fuhr - bestimmt ein größeres Risiko als die Strahlung? Obwohl es eine merkwürdige Erfahrung war, an einer Ampel stehend das Erdbeben in Chiba zu spüren, das wiederum parallel im Fernsehen übertragen wurde, ging die Fahrt als business as usual durch.

Der einzige Unterschied zu sonst bestand darin, dass die meisten Unternehmen, die ich besuchte, die Beleuchtung etwas heruntergefahren hatten, mit weniger Mitarbeitern besetzt waren und einem entspannteren Zeitplan folgten. Nichts hielt sie aber von der Überzeugung ab, dass die Geschäfte erledigt werden mussten, und so wurde kaum Zeit mit Diskussionen über das Desaster verbracht. Nur der Geschäftsführer und Gründer einer großen japanischen Einzelhandelsgruppe war die Ausnahme von der Regel: Er erzählte mir, dass fast ein Dutzend seiner Fabriken in und rund um Miyagi betroffen seien. "Einige von ihnen sind okay, andere völlig zerstört. Ich kooperiere mit einem sehr kleinen Unternehmen, in dem nur eine Handvoll Schneider arbeiten, die fertigen jedoch die allerschönsten Anzüge an, mit praktisch perfekter Schulterform. Sie sind fantastisch", sagte er, und: "Niemand geht dort ans Telefon."

Überhaupt würden sich in der betroffenen Region viele kleine Firmen mit talentierten, handwerklich begabten Mitarbeitern befinden - er wüsste gar nicht, was er ohne die tun würde. Tatsächlich wird die komplette Zerstörung einiger dieser Nischen-Erzeuger erst ans Licht kommen, wenn die Zentralen in Tokio ihre normalen Geschäfte wieder aufnehmen und feststellen, dass wichtige Handwerker und Kunsthandwerker, von denen sie beliefert wurden, verschwunden sind - für immer.

Autor:
Tyler Brûlé