Fast Lane Ein Paradies für Prane-Spottas

Nichts bringt mich normalerweise dazu, mich tatsächlich - wie empfohlen - bereits zwei Stunden vor Abflug am Flughafen einzufinden. Aber hier war ich nun und spazierte gut gelaunt an einem frühen Mittwochmorgen im TIAT herum - Tokios fabrikneuem Internationalen Flughafen. Ein neuer Terminal, der das Reisen möglicherweise verbessert, findet generell mein Interesse. Diesmal sah ich mir jedoch selbst mit einer gewissen Überraschung dabei zu, wie ich in weniger als 30 Minuten aus dem Bett hüpfte und runter zum Auto schlurfte.

Für regelmäßige Besucher Tokios ist die Eröffnung des neuen Terminals im Haneda Airport in der vergangenen Woche nichts weniger als revolutionär. Nun sind innerasiatische Tagesausflüge eine echte Option für jeden, der Tokio mal kurz für ein paar Meetings oder ein bisschen Shopping verlassen möchte.

Jahrzehntelang hatte die Entscheidung der japanischen Regierung, den gesamten Langstrecken-Flugverkehr ausschließlich über den Narita Airport abzuwickeln (an einem verkehrsarmen Tag eine 45-minütige Taxi- oder eine einstündige Bahnfahrt von der Innenstadt entfernt), den Besuch Tokios zu einem lästigen Pflichtprogramm gemacht. Während Reisende auf Inlandsflügen die Vorteile des perfekt am Hafen neben dem Stadtzentrum gelegenen Haneda Flughafen genießen konnten (15-minütige Fahrt in die Stadt sowie drei Start- und Landebahnen, bzw. vier, wie letzte Woche), erwarb Narita sich einen Ruf als teure und zeitraubende Komplikation - auch wegen der Erschwernis durch die begrenzten Betriebszeiten und Start- und Landebahnen. Seit dieser Woche ist jedoch alles anders und Tokio steht eine neue Waffe zur Verfügung, um der Versuchung, über Hongkong, Singapur und Seoul zu fliegen, etwas entgegenzusetzen.

Wie viele Dinge in Japan geht auch die Eröffnung eines neuen Terminals nicht gerade glatt über die Bühne. Im Moment sind Langstreckenflüge auf nächtliche An- und Abflüge beschränkt, Mittelstreckenflüge finden tagsüber statt. Das bedeutet, die Abflugzeiten der neuen Langstreckenrouten nach Paris, New York und Los Angeles werden Richtung Mitternacht geschoben und landen dann früh morgens am Zielort - eine willkommene Alternative für all die Passagiere, die nun die Möglichkeit haben, einen ganzen Tag lang ihren Geschäften in Tokio nachgehen zu können, allerdings nicht sehr wirtschaftlich für Luftfahrtgesellschaften, die ihre Flugzeuge den ganzen Tag auf dem Boden stehen lassen müssen.

Kein kitschiges Potpourri des alten Japan

Ich fuhr kurz vor 6.15 Uhr am Terminal vor. Alles war noch ruhig - der morgendliche Ansturm stand jedoch kurz bevor. Die Architekten haben eine hoch aufragende, offene Check-in-Halle geschaffen, in der man sich schnell zurechtfindet und die frei von übermäßigem visuellem Schnickschnack ist. Seikos elegante Uhrentürme und Check-in-Schalter haben Gepäckbänder, die sich fast auf dem Niveau des Bodens befinden, so dass die Koffer kaum hochgehoben werden müssen.All diese Facetten des Terminals wurden von massenhaft Menschen dokumentiert, die die allerneueste Foto-Ausrüstung mit sich herumtrugen und sich Notizen machten. "Inspektoren, die für die Flughafenverwaltung arbeiten?", fragte ich die Dame am Check-in-Schalter.

"Nein, nein. Das sind prane-spottas! Hier gibt es so viele Leute, die einfach mal den neuen Terminal sehen wollen, aber nirgendwo hinfliegen", sagte die Frau. "Ahh, plane-spotter", nickte ich. "Ja, es scheinen so viele Tagestouristen hier zu sein wie tatsächliche Passagiere."

Ich fühlte mich schon selbst wie einer dieser mit Lumix Kameras und Rhodia Notebooks ausgerüsteten Männer mittleren Alters (es gab auch viele weibliche Plane Spotter) und entschied ich mich dafür, den Shopping-Bereich auszuchecken statt gleich zur Sicherheitskontrolle zu gehen. Als ich mit dem Fahrstuhl ein Stockwerk höher fuhr, empfingen mich statt des Geruchs nach frischer Farbe und Putz die würzigen Duftnoten von Hinoki-Holz und die weißen oder stählernen Oberflächen wurden durch hölzerne Wände und schwarze Fliesenpaneele ersetzt. Anstellte inmitten einer Menge verschiedener Gastronomiebetriebe mit japanischer und internationaler Durchschnittskost fand ich mich verblüfft in einem modernisierten Marktdorf im Edo-Stil wieder.


Was auch leicht ein kitschiges Potpourri des alten Japan hätte werden können, war in Wirklichkeit eine gemütliche Ansammlung kleiner, laternengesäumter Gassen mit einer eleganten Beschilderung und niedrigen Dächern. Hinter den Schiebewänden und hölzernen Wandteilern befindet sich eine gut durchdachte Mischung aus Läden und Restaurants. Wo die meisten Flughäfen den umgekehrten Weg einschlagen und auf einen schnellen Wiedererkennungseffekt setzen, sind dem Management von TIAT so kuriose wie interessante Kombinationen in einer wunderschön gestalteten und gleichzeitig sehr japanischen Umgebung gelungen.

Hinter dem Edo-Dorf können Plane-Spotter zu ihrem ganz persönlichen Paradies emporsteigen - einer massiven, hölzerne Outdoor- Aussichts plattform mit einem Blick über das ganze Flugfeld bis hin zu den nationalen Terminals. Da ich schon immer etwas für den Geruch von Kerosin übrig hatte, begab ich mich nach draußen, um mich in die Sonne zu setzen und den Ausblick zu genießen. Als eine JAL 777 im Steilflug über den Hafen startete, fragte ich mich, wie viel das angrenzende Restaurant wohl an Pacht zahlte. Angesichts der großen Anzahl an Leuten, die bereits an einem Mittwochmorgen um 7 Uhr unterwegs war, konnte ich mir nur vorstellen, dass die Betreiber des kleinen Cafés den vielleicht besten kleinen Cateringauftritt des Pazifikraums haben.

Zurück im Abflugbereich brachte ich die Sicherheitskontrolle (die immer noch Kinderkrankheiten hat) hinter mich und begab mich dann in die Lounge. Eine Schüssel Nudeln und zwei Kaffees später ging ich zum Gate gegenüber und betrat das Flugzeug auf diese unkomplizierte, nahtlose Art, die nur in Japan möglich ist. Nun benötige ich nur noch den täglichen Flug von Heathrow in einer japanischen Fluglinie, um das zu einer regelmäßigen Gewohnheit zu machen.

Autor:
Tyler Brûlé