Tansania Der Medizinmann aus Sansibar

Der Strom ist schon seit Stunden ausgefallen, lediglich eine Kerze erhellt die kleine Kammer im Hause des Medizinmannes. Gerade hat er den Raum mit kargen weißen Wänden und Schimmel unter der Decke betreten. Sein Oberkörper ist nackt und er trägt ein silbernes Tablett in der Hand. Irgendwie stellt man sich einen afrikanischen Medizinmann anders vor, mit Gewand oder langem Bart, mit aufwändigem Schmuck oder Federn. Dieser hier mutet eher so an, als sei er gerade von seinem Surfbrett im nahe gelegenen Meer gestiegen.

Der mit rotem Tuch und weißen Perlen umwickelte Kuhschwanz auf dem Tablett sieht schon eher nach Voodoo und Zauber aus. Ebenso die zahlreichen kleinen Töpfchen, bedeckt mit speckigen Spuren der farbenfrohen Substanzen, die sie beinhalten. Sie gehören zu Hassan Suleimans Grundausstattung: Die Essenz aus Kuhdung hilft gegen Probleme mit der Lunge, eine Paste gemixt aus jungen Kokosnüssen und anderen Zutaten lindert Herzprobleme. "Ich habe gegen jedes gesundheitliche Problem eine Medizin. Jeden Tag gehe ich hinaus und sammle Kräuter, Blätter, Wurzeln und Pflanzen", so der Wunderheiler.

Hassan ist ein Mann vieler Worte. In akzentschwangerem Englisch erklärt er, dass er die Tradition seines Vaters fortführe. Bereits der war Medizinmann im kleinen Dorf Jambiani an der Südostküste in Sansibar. Wie der Vater in vergangenen Tagen, so genießt auch der Sohn ein hohes Ansehen in seiner Heimat. Oft stehen sie schon frühmorgens vor seinem Haus. Menschen, die dringend Hilfe brauchen, große Schmerzen haben und das Wartezimmer eines klassischen Mediziners nicht als erste Wahl ansehen. Derzeit ist eine Frau in Behandlung, die keine Kinder bekommen kann und ein Mann mit Erektionsstörungen - die beiden sind übrigens kein Paar.

Die medizinische Versorgung der Hilfesuchenden ist das eine. Das andere ist Hassans Gabe mit Geistern sprechen zu können. Spontan gibt er eine Kostprobe. Die Kuhschwanzpeitsche drückt er fest auf seine Nase. Dann hebt er den Kopf, geht umher und zischt Zaubersprüche auf Swahili. Offensichtlich halten sich gerade zwei Geister im Raum auf, die es zu verscheuchen gilt. Nach fünf Minuten machen sie sich auf den Weg nach draußen. Behauptet zumindest der Wunderheiler und nimmt wieder Platz.

Die Situation hat für westliche Gemüter etwas Unwirkliches. "Touristen sind immer ziemlich ungläubig. Aber es gibt viele, denen ich geholfen habe. Gerade gestern war noch ein Freund von mir aus Jugoslawien hier. Er hatte Probleme mit dem Rücken." Auch gegen Angst vor Dieben und Einbrechern hat Hassan etwas. Er zeigt uns einen Topf mit dunklem Pulver. "Das verstreut man im Haus, oder man lässt es in einem Rucksack mit Wertsachen. Diebe hält das ab. Von dem Pulver geht ein schlechtes Karma aus." Das Mittelchen kostet umgerechnet stolze 50 Euro. Ein hoher Betrag für afrikanische Verhältnisse.

In Afrika werden Wunderheiler verehrt, manchmal auch gefürchtet. Ihre Dienste sind schwer gefragt. Das zeigt auch der Hype um Babu wa Loliondo. Der pensionierte lutherische Pastor und jetzige Wunderheiler will das Rezept für seinen Heiltrank von Gott im Schlaf erhalten haben. Dabei handelt es sich um einen Tee, der aus Wurzeln des Baumes Muragira aufgebrüht wird. Jeder Pilger bekommt einen Becher für umgerechnet 25 Cent und die Hoffnung von chronischen Krankheiten geheilt zu werden.

Hunderttausende Menschen aus aller Welt haben sich schon auf die Reise in den Norden Tansanias gemacht. Mehr als achtzig Pilger haben den Weg mit ihrem Leben bezahlt. Oft harren die Menschen tagelang in kilometerlangen Warteschlangen aus, teils unter unmenschlichen Bedingungen.

Ein weiteres Problem: Viele Menschen, die den Heiltrank zu sich genommen haben, stoppen die Einnahme von Medikamenten, da sie sich von nun an für unverwundbar halten. "Auch in unserem Dorf nehmen kranke Menschen den Weg nach Loliondo auf sich. Sie alle glauben fest an die Wirkung des Tranks. Hier gibt es derzeit kein anderes Thema." Constanze aus Lahnau, die im Rahmen eines Freiwilligenjahres in einem kleinen Dorf westlich vom Viktoriasee lebt, hält dort ihre Meinung zu Wunderheilern lieber zurück. "Da kann man sich auch ganz schön in die Nesseln setzen." Während sie das sagt, wird in Loliondo der nächste Becher ausgetrunken, im Dienste der Gesundheit.

Autor:
Alexandra Tapprogge