Izmir Hafenstadt an der Ägäis

"Teşekkürler!", bedanke ich mich laut und stolz auf Türkisch, als mir der Kellner eine bunte Kaffeetasse reicht. Er lächelt und stellt einen kleinen Porzellanteller mit Süßigkeiten auf den niedrigen und mit einem Teppich bedeckten Holztisch: Lokum. Das sind kleine, weiche und vor allem sehr süße Würfel in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Europäer kennen sie auch als Turkish Delight. "Lokum" leitet sich vom türkischen Wort "Lokma" ab. Und das wiederum bedeutet soviel wie Bissen oder kleiner Happen. Na dann. Ich schiebe mir ein Stück in den Mund - Granatapfel-Pistazien-Geschmack - und nicke anerkennend. Das ist wirklich lecker.

"My name is Murat", sagt der Kellner und tippt sich an die Brust. "Welcome to Izmir, my friend". Und schon sind wir also Freunde. Das geht hier schnell. Murat schwärmt von Izmir, die "Perle der Ägäis" ist aber nicht seine Heimatstadt. Er stammt aus Istanbul, sagt er, studiert hier Tourismus und jobbt in diesem Café, das den Namen Sükrü Bey trägt, "Herr Sükrü" - und das ist der Inhaber, wie ich erfahre. Das Leben in Izmir genießt Murat in vollen Zügen. "Ich lerne viele interessante Menschen kennen, sie kommen aus aller Welt", erzählt er auf Englisch, dann lacht er: "Melting pot Izmir".

Es ist früher Nachmittag, und ich habe bereits einen längeren Fußmarsch durch das Stadtzentrum hinter mir. Los ging es im Altstadtviertel Alsancak mit seinen beeindruckenden Gebäuden und Palästen. Die zum Teil sehr alte, maurische Architektur bewundernd und am berühmten Kültürpark vorbei schlendernd, habe ich nur durch Zufall in diese Gasse gefunden. Murat verrät mir, dass ich mich auf dem legendären Kemeraltı Bazaar befinde. Ziemlich versteckt ist der historische Markt, irgendwo zwischen den Stadtteilen Çankaya und Konak.

Kemeraltı Bazaar ist eine Herausforderung für alle Sinne

Verschiedenste Farben, Formen, Geräusche und Gerüchte prasseln auf mich ein. Meine Sinne sind leicht überfordert, ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hinschauen soll. Blubbernde Wasserpfeifen verströmen ihren süßlichen Duft. Bücher, Schmuck, Uhren, Kleidung, frisches Gemüse und kulinarische Köstlichkeiten to go - wie Börek mit Spinat und Schafskäse - gibt es hier an jeder Ecke. Ich verabschiede mich von Murat, er rät mir noch, ein paar getrocknete Sultaninen und Feigen zu kaufen - die sind hier typisch.

Ein Schmuckverkäufer hebt resignierend die Hände, als eine junge Türkin versucht, den Preis für eine silberne Kette noch etwas zu drücken. Er schüttelt scheinbar verärgert den Kopf, grinst dann aber. Die Frau hat gewonnen, sie zahlt - charmant lächelnd - und geht. Ich schaue ihr nach. Sie hat langes, pechschwarzes Haar, das grüne Samtkleid steht ihr ausgezeichnet und umschmeichelt ihre weibliche Figur. Eine Katze bahnt sich durch die Beine der Massen hindurch ihren Weg und schnappt nach einem Fischkopf, der auf dem Boden neben einem Restaurant liegt. Schnell springt das Tier mit seiner Beute davon.

In jedem Laden, in jeder Nische hängen Konterfeis von Mustafa Kemal, dem Gründer der modernen Türkei. Alle lieben "Atatürk", wie sie ihn liebevoll nennen. Übersetzt heißt das: Vater der Türken. Aus einer Moschee ganz in der Nähe dringt leidenschaftlicher Muezzin-Gesang. Zusammen mit dem Orientflair des Marktes verursacht er mir eine Gänsehaut. Tausendundeine Nacht. Ich versinke in meinen Gedanken und stelle mir vor, wie es in diesen Gassen wohl einmal ausgesehen haben mag. Früher, als Izmir noch Smyrna hieß und griechisch war. Heute ist die Geburtsstadt Homers die drittgrößte Stadt der Türkei und hat den zweitgrößten Hafen des Landes. 

Großstadtidylle entlang der Seepromenade

Ich lasse mich treiben und erreiche die palmengesäumte Seepromenade, die sich kilometerweit an der Drei-Millionen-Metropole entlang zieht. Links fährt ein Pferdewagen an mir vorbei, rechts im Golf von Izmir tuckert ein Boot - vielleicht ist es auf dem Weg nach Karsiyaka, einem Viertel auf der anderen Seite.

Auf einem Fischerstuhl nahe dem Fährhafen sitzt ein Straßenmusiker und spielt mit geschlossenen Augen auf seiner Bağlama, einer Art türkischen Gitarre. Er singt Volkslieder, und fast alle handeln von der Liebe. Ich kenne noch nicht viele türkische Wörter, doch eines ist mir schnell hängengeblieben, weil man es immer und überall hört: âşk - Liebe. Und wer über die Liebe singt, ist hier der Aşık - der Liebende. Der Musiker stimmt das Volkslied "Istanbul" an. Ich bleibe stehen, Melancholie macht sich plötzlich in mir breit, soviel Gefühl liegt in seinem stimmgewaltigen Gesang. Eine Zigeunerfrau kommt auf mich zu. Sie hat ein buntes Kopftuch um ihr schmutziges Gesicht geschlungen. Zähne hat sie nicht mehr viele, aber sie strahlt mich an. Ein Päckchen Taschentücher soll ich ihr abkaufen, ich lehne lächelnd ab. Ironie des Schicksals, denke ich, denn ich bin tatsächlich den Tränen nahe.

Auf dem Rasen nahe dem berühmten Konak-Platz mit seiner farbenfroh gefliesten Moschee aus dem 18. Jahrhundert hat sich eine türkische Großfamilie zum Picknicken niedergelassen. Käse, Oliven, gebratene Sucuk und Simit - türkisches Brot in Form eines großen Bagels - liegen auf einer großen Decke zum Verspeisen bereit. Die Kinder spielen mit einem Ball, die Eltern unterhalten sich, lachen und genießen die Sonnenstrahlen. Es ist Sommer geworden in Izmir. Anfang Juni herrschen hier bereits Temperaturen um die 30 Grad. Es soll sogar noch heißer werden im Juli und August, doch die für Izmir so bekannte mediterrane Frischluft soll hier niemals abreißen, so habe ich es zumindest im Reiseführer gelesen.

"Hallo, nicht träumen! Sie müssen dort hinüber schauen", spricht mich ein junger Türke in nahezu perfektem Deutsch an. Er zeigt auf den Uhrenturm, das Wahrzeichen der Stadt. "Der Saat Kulesi ist eine wichtige Sehenswürdigkeit. Maurisch-spätosmanischer Stil. Der Turm wurde 1901 im Auftrag von Sultan Abdülhamid gebaut. Und die Uhr da dran ist ein Geschenk von eurem Kaiser, Wilhelm II."

Er zwinkert mir fröhlich zu und geht weiter. Woher weiß er, dass ich Deutsche bin? Hat er geraten oder einfach nur verdammt gute Instinkte? Ich lächele, fühle mich pudelwohl in dieser Stadt. Ich erreiche das jüdische Stadtviertel Asansör - benannt nach dem 51 Meter hohen Aufzug aus dem 19. Jahrhundert. Auf der Aussichtsplattform gibt es ein Restaurant, in das ich mich zum Abendessen setze. Ich habe einen wundervollen Ausblick und genieße diesen bei einem Glas Kırmızı şarap, Rotwein. Die Sonne versinkt allmählich hinter den Bergen, doch nicht ohne zuvor Izmir in ein wärmendes, beruhigendes Licht zu tauchen. Vor fast 2000 Jahren muss der Geschichtsschreiber Herodot wohl denselben Anblick gehabt haben: "Ich habe die ganze Welt bereist'", schrieb er einst. "Das schönste Gebiet und der schönste Himmel ist in Ionien.'' Und dieser Himmel zeigt jetzt einen Farbverlauf von Orange über Tiefrot bis hin zu Schwarz. Iyi geceler, Izmir. Schlaf gut.

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Autor:
Anja Polaszewski