Italien Zu Fuß durch Neapel

In Neapels Unterwelt bietet einzig Francescos bunter Strickpullover Orientierung. Mit einer Kerze in der Hand führt der Guide von "Napoli Sotterranea" 40 Meter unter der Erde durch das Zisternensystem der alten Römer. Kalt und feucht ist es hier unten. Manche Gänge sind so niedrig, dass man den Kopf einziehen muss. Francesco erzählt von heimlichen Treffen von Nonnen und Mönchen in dem Höhlenlabyrinth. Und mehr als 9000 Menschen, die sich hier während des Zweiten Weltkrieges vor Luftangriffen versteckten. 

Wieder an der Oberfläche angelangt, deutet Francesco auf ein Wohnhaus, unter dem Archäologen vor elf Jahren die Garderobenräume eines alten römischen Theaters freilegten. Wo sich heute eine Garage befand, übte Kaiser Nero vor 2000 Jahren seine Reden ein. Der Kontrast zwischen Alt und Neu ist allgegenwärtig in Italiens südlichster Metropole - Neapel. Überall bricht die Vergangenheit aus der Stadt hervor. Autos quälen sich um Ausgrabungsstätten herum, und in Museen laufen Schulklassen in bunten Turnschuhen über unter Glas liegende Friedhöfe aus der Römerzeit.

Will man Neapel begreifen, muss man tief in das Gassengewirr der Altstadt eindringen. Die Sonnenbrille kann man hier abnehmen, denn in die engen, hohen Gassen dringt kaum ein Strahl. Nie weiß man, was einen in den dunklen Häuserschluchten erwartet. Mal grüßt ein zahnloser Mann von seinem Balkon, mal glaubt man, gerade Zeuge eines Drogendeals geworden zu sein. Und ein paar Schritte weiter stößt man auf Secondhand-Läden wie "Frendo Vintage", in denen sich junge Hipster mit Retro-Taschen von Fendi und abgewetzten Lederjacken eindecken, oder Studentenkneipen wie Perditempo, aus denen laute Electrobeats dringen. 

Durch die engen Gassen Neapels drängen sich die Vespas 

Fast immer flattert bunte Wäsche von den Balkonen, und an jeder zweiten Wand hängt ein Heiligenschrein mit einer Marienstatue, umrankt von frischen Blumen und bestückt mit den Fotos kürzlich Verstorbener. Die Gassen können noch so schmal sein, vor den Vespas ist man nirgendwo sicher. Wie die Geister in einem "Pac-Man"-Spiel greifen sie von allen Seiten an.

Es ist, als befände sich die Stadt in einem kollektiven Koffeinrausch. Hier passiert so viel gleichzeitig und so schnell, dass es sich lohnt, sich in ein Café zu setzen und einfach nur zu beobachten, was um einen herum abläuft. Auf der Piazza San Domenico in der Nähe der Universität kann man Stunden damit verbringen, Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen zu zählen oder darüber zu staunen, wie viele Personen auf einem einzigen Moped Platz finden. Fünf Gehminuten von hier entfernt in der Via Tribunali bei "Di Matteo", einer Pizzeria aus dem Jahre 1936, kneten breitschultrige Männer mit tätowierten Armen den Teig für die beste Pizza der Stadt. Verteilen eine Sugo aus blutroten Tomaten darauf, streuen Büffelmozzarella und Basilikum darüber, bevor sie den Teigfladen in den ältesten Pizzaofen der Stadt schieben. "Weich in der Mitte, knusprig am Rand und vor allem billig muss sie sein", erklärt Rosaria, die in der Geburtsstadt der Pizza aufgewachsen ist und hier als Fremdenführerin arbeitet. Wie die meisten Neapolitaner zerteilt sie ihre Pizza erst mit dem Messer und führt sie dann aufgerollt mit den Händen zum Mund.

Größtes Problem der Stadt: die Mafia

Vor der Kirche Santa Maria delle Anime all Purgatorio, auch "Schädelkirche" genannt, deutet Rosaria auf einen bronzefarbenen Totenschädel, dem Passanten immer wieder über den Kopf streichen. "In der Kirche befinden sich die Knochen von Choleraopfern, deren Geister man so beschwichtigen will", raunt sie. "Ein Totenkult, der längst verboten ist." Aber wer beachtet in Neapel schon Gesetze?

"Unser größtes Problem ist die Mafia", sagt Rosaria. "Man erkennt Mafiosi sofort an ihren teuren Schuhen von Logan und ihren dunklen Sonnenbrillen. Achte mal drauf." Im Spanischen Viertel, durch das wir auf dem Weg in die Oberstadt Vomero laufen, wimmelt es nur so vor solchen Männern im Al-Pacino-Look, hier in Kampanien Camorra genannt. Wer ist gut, wer ist böse? Es ist eine Frage, die man sich in Neapel ständig stellt und als Außenstehender kaum beantworten kann. Rosaria kennt sich besser aus. Sie deutet auf 15-Jährige auf Mopeds, die eigens dafür eingestellt seien, Drogendealer vor der Polizei warnen. "Die Mafia überschwemmt nicht nur die ganze Stadt mit billigem Kokain, sondern bestimmt auch, was es im Supermarkt zu kaufen gibt." Zudem blühe das Geschäft mit Warenfälschungen in den Taschenmanufakturen am Fuße des Vesuvs. Die Kopien sähen so täuschend echt aus, dass sie sogar bei Gucci oder Prada in den Regalen stünden. Seit ich den ersten Toten auf der Straße habe liegen sehen, weiß ich wie groß die Macht der Mafia ist", sagt Rosaria. "Diese Stadt hat so viele Probleme, dass sie gar nicht an die Zukunft denken kann."

All die Schwierigkeiten, mit denen Neapel zu kämpfen hat, lassen sich nur erahnen, wenn man hoch oben über der Stadt auf dem Castello San Elmo steht. Hier duftet es nach salziger Meeresluft, und von der Stadt ist nur ein dumpfes Rauschen zu hören. In der Ferne ragt der Vesuv auf, und im Dunst lassen sich die Umrisse von Capri erkennen. Rechts liegt das teure Villenviertel Chiaia, links erstreckt sich bis zum Horizont nichts als Stadt. Der nächste Tag ist ein Sonntag. An der Uferpromenade steht alle paar Meter ein knutschendes Pärchen, Jungs stürzen sich mit freiem Oberkörper ins Wasser.

Weihrauch und Feuerwerkskörper zur Feier von Schutzpatron San Gennaro

In der Altstadt ist von dieser Idylle nichts mehr zu spüren. Hier drängen alle in Richtung Dom, wo heute Neapels Schutzpatron San Gennaro mit einer Prozession geehrt wird. "Einer der wichtigsten Feiertage der Stadt", erklärt Rosaria. Vor dem Gotteshaus thronen silberne Statuen des Schutzheiligen über der Menschenmenge. Es duftet nach Weihrauch, und auf ein Zeichen des Priesters hin bekreuzigen sich alle gleichzeitig. Feuerwerkskörper schießen in den Himmel, bevor sich die Prozession in Bewegung setzt und endgültig dafür sorgt, dass es in der Innenstadt kein Vorankommen mehr gibt. Über ein paar Seitenstraßen gelingt es uns dennoch, die Kirche

Pio Monte della Misericordia zu erreichen. Dort hängen die Barockgemälde von Neapels berühmtem Maler Caravaggio. "In den Bildern spiegelt sich die ganze Seele der Stadt wider", flüstert Rosaria. "Licht und Schatten, Liebe und Hass, Himmel und Hölle – genau das ist Neapel." 

INFOS

Napoli Sotteranea: Führungen durch Neapels Untergrund, Piazza San Gaetano 68, napolisotterranea.org
Pizzeria Di Matteo: Via dei Tribunali 94, pizzeriadimatteo.it
La Taverna del Buongustaio: Kleine Trattoria mit hervorragender neapolitanischer Küche, in die sich kaum ein Tourist verirrt. Via Basilio Puoti 8.
Gay Odin: Schoko-Zimt oder Pistazie: Vor dem besten Eisladen der Stadt stehen Nonnen und Kinder Schlange. Via Toledo 427, gay-odin.it
Antica Pizzeria: Die älteste von insgesamt 12 000 Pizzerias in Neapel. Via Port’ Alba 18.

HOTELTIPPS 
Hotel Miramare: Zimmer mit Blick aufs Meer und den Vesuv. Via Nazario Sauro 24, DZ ab 135 Euro, www.hotelmiramare.com

Suite Partenopea: Im historischen Zentrum gelegen. Piazza Pilastri 7, DZ ab 50 Euro, www.suitepartenopea.it

Hotel Neapolis: Kleine, liebevoll eingerichtete Zimmer. Via Francesco del Giudice 13, DZ ab 70 Euro,www.hotelneapolis.com

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Autor:
Aileen Tiedemann