Fast Lane Zauber Italiens - im Gegensatz zur Schweiz

Normalerweise beginne ich mich ab Mitte Februar auf das Osterwochenende und die damit einhergehenden Rituale zu freuen. Dabei können meine Gewohnheiten zwischen Karfreitag und Ostermontag durchaus auch das Rumlümmeln vor dem Fernseher am Ostersonntag einschließen, um etwa Papst Benedikt dabei zuzusehen, wie er Tausenden von Vatikan-Besuchern seine Fremdsprachenkenntnisse vorführt. Weil ich mich aber von meinen katholischen Wurzeln doch zu sehr entfernt habe, habe ich dem Pontifex dieses Jahr nicht allzu viel Sendezeit zugebilligt.

Viele der Ostertage in den letzten zehn Jahren habe ich in der Schweiz verbracht, konnte dort zu meiner Lieblingsconfiserie pilgern und mich auf den größten Schokohasen in der Auslage stürzen - wobei ich nicht so scharf auf Schokolade bin und die Eier und Hasen deshalb gerne anderen überlasse. Und so sehr ich auch ein großes, typisch estnisches Ostermahl für meine Freunde veranstalten möchte: Zur Umsetzung bräuchte ich die genaue Anleitung meiner Mutter und Großmutter - und die blieben in diesem Jahr in Kanada.

Der Beginn des Osterfestes bedeutet dafür eine Wallfahrt anderer Art. Als Verbeugung vor meiner katholischen Erziehung gehört dazu eine Reise nach Italien sowie - um im Geist der Jahreszeit zu bleiben - auch jede Menge Schokolade, allerdings eher in der gefrorenen Variante, jene nämlich, die in meiner bevorzugten Gelateria zubereitet wird.

Am vergangenen Samstag flog ich also von St. Moritz runter nach Como, meiner halbjährlichen Wallfahrt zu meinem Lieblingsgeschäft für Männermode. Mats wägte ab, welche Sakkos und Hosen er für die kommende Saison braucht. Alex dachte über Frühlingshüte und Pullover nach. Und Emily sah sich einige Cocktailkleider an für die anstehenden und von ihr organisierten Veranstaltungen, wie etwa die Eröffnung der "Monocle"-Shops in Hongkong und Tokio.

Wir stiegen erst im Villa d'Este ab und wagten uns dann in die Stadt. Wie in den meisten anderen Jahren auch war der Ablauf stets der gleiche, nur die Gäste und das Wetter war in den letzten Jahren unterschiedlich.

Ein Teil des Zaubers von Italien besteht darin, dass alles dazu tendiert, mehr oder weniger so zu bleiben, wie man es vor einem Jahr, einer Dekade oder einem Jahrhundert verlassen hatte. Wo so viele Länder versuchen, einander mit eingängigen Slogans zu übertrumpfen, um so viel Euro, Dollar oder Rubel wie möglich von den Touristen einzubehalten, sollte Italien es vielleicht mal mit etwas in der Art von "Italien. Genau so, wie Sie es verlassen haben" oder "Italien. Völlig unverändert" versuchen.

Auch wenn diese hartnäckige Abneigung gegen Veränderungen jeder Art nicht jedem passen mag - mir kommt sie sehr entgegen, auch, da ich grundsätzlich kein großer Freund von Überraschungen bin. Und wenn ich mir das recht überlege, könnte sie in mehrfacher Hinsicht sogar zu einer ganz neuen Ausrichtung von Italiens globaler Vermarketungsstrategie führen.

Und so sah mein Plan für Samstag aus:

... und hier folgt Tylers Plan für Samstag

10 Uhr: Eintreffen im Villa d'Este, einen Tisch fürs Mittagessen reservieren und ein Taxi rufen

10.05 Uhr: Das Taxi ist da und bringt uns ins Zentrum von Como

10.15 Uhr: Ankunft im Stadtzentrum, Fahrer bezahlen und direkt ins Maya zum Kaffeetrinken gehen

10.17 Uhr: Rein ins Maya, Cappuccino, Cornetto und frischen Orangensaft bestellen

10.19 Uhr: (Abweichung von zwei oder drei Minuten möglich) Ich entdecke einen der Monti-Brüder vom Geschäft A Gi Emme und wir begrüßen uns.

10.30 Uhr: Mats, Alex und ich fallen bei A Gi Emme ein, während Emily auf das Damengeschäft zusteuert

Die nächsten 90 Minuten sind eine konzentrierte Übung: Kleidung, Accessoires und Schuhwerk für die Sommersaison auswählen.

Alberto Monti, Einkaufsleiter des Geschäfts und Chef, wirbelte mit Sakkos, Pullovern, Jeans, Desert Boots, Polohemden, leichten Schals und anderen Schmuckstücken seiner Sommerkollektion herum und nach kurzer Zeit stapelten sich drei kleine Kleiderhaufen im Schaufenster.

Erwartungsgemäß schockierte Alberto mit seiner Auswahl nicht, es gelang ihm aber irgendwie doch wieder, den Kunden zu überreden, eher zwei statt drei Knöpfe zu nehmen, einen umgeschlagenen Saum einem normalen vorzuziehen oder bei der Hose einen Farbton zu wagen, von dem man eigentlich annahm, dass er nur für Italiener infrage käme, bei dem man dann aber sicher ist, dass er auch in Tokios Marunouchi-Viertel gut ankommen wird.

Bevor es Zeit für die Rechnung wurde, wurde die Auswahl noch einmal einer endgültigen Prüfung unterzogen (Werde ich diesen dicken Pullover wirklich im Sommer tragen? Sind die Jeans nicht doch einen Tick zu eng an der Hüfte?) und dann, während alles zusammengelegt und eingepackt wurde, ging es noch mal auf einen Sprung rüber ins Maya auf eine Runde frischen Kaffees.

Die Einkaufstüten in der Hand spazierte man anschließend zu dem schicken kleinen Lebensmittelladen Visini, um ein Festmahl fürs Abendessen zu bestellen.

Während parmigiana melanza, vitello tonnato und polpettine eingepackt werden, widmet man sich den vier eisgekühlten Gläsern prosecco, die in der kleinen Stehbar in der Mitte des Ladens warten. Kurz bevor es an der Zeit ist, ein Taxi zurück zur Villa d'Este zu nehmen, wird noch kurz am Kiosk angehalten, um sich mit den neuesten Zeitschriften für den späten Nachmittag einzudecken, der faulenzend in der Wohnung in St. Moritz verbracht wird.

Das Mittagessen im Villa d'Este war schnell und köstlich, die Flasche Weißwein aus Alto Adige spritzig und binnen kurzem lagen die Wonnen Italiens hinter uns und der Kaffee wurde dünner, als wir die Grenze zur Schweiz wieder überquerten.

Übersetzung für MERIAN.de: Andrea Fonk

Autor:
Tyler Brûlé