Maremma Wo die Toskana ihre rauhe Seite zeigt

Kein Wort zu viel im violetten Morgenlicht. Leder knirscht unter den harten Griffen der Reiter, Pferde schnauben leise. Sonst ist kein Laut zu hören über den blassgrünen Wiesen. Eine würzige Brise weht vom nahen Meer herüber. Die Männer schwingen sich schweigend in die Sättel, dann ein Druck mit den Fersen, das Klappern der Hufe - und sie reiten fort, zu ihren Rinderherden, die irgendwo im Schwemmland des Ombrone-Deltas grasen.

Mit dabei ist Stefano Pavin, ein blonder Mann mit kantigem Kinn, 44 Jahre alt. Schon als Junge stand er hier an den Weidezäunen und träumte vom Leben der butteri - so nennt man in Italien die reitenden Rinderhirten. Mittlerweile ist Pavin selbst einer dieser Toskana-Cowboys, seit 22 Jahren schon. Er arbeitet in der traditionellen butteri-Region, der Maremma, einer wilden Landschaft südlich von Livorno, die sich von der Küste rund 30 Kilometer weit bis in die Berge erstreckt.

Wenn man Stefano Pavin und seine Kollegen in haushohen Staubwolken den Rindern hinterherjagen sieht, könnte man denken, man sei in den Dreh eines Hollywood-Films geraten. Und tatsächlich ist heute vieles in der Maremma, was mit den butteri zu tun hat, nur noch Show: An fast jeder Ecke sieht man Pseudo-Cowboys, die zwar deren Kleidung tragen - Leinöljacke, gepflegtes Hemd, Ledergamaschen -, aber ihr Geld ausschließlich damit verdienen, sich von Touristen fotografieren zu lassen.

Pavin aber ist echt. Er arbeitet für die Azienda Alberese, den letzten großen Agrarbetrieb der Region, der auf die Gründung eines Benediktiner-Klosters im 12. Jahrhundert zurückgeht und seit 1976 vom Staat geführt wird. Pavin ist einer von vier Hirten und betreut zusammen mit seinen Kollegen 550 der typischen, langhörnigen Maremma-Rinder.

Schon Pavins Vater arbeitete für die Azienda, seine Urgroßeltern kamen in den zwanziger Jahren im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms aus Venetien hierher, um das Sumpfland im Ombrone-Delta fruchtbar zu machen - genau die Gegend also, in der heute ihr Urenkel reitet. "Ich sitze fast jeden Tag im Sattel", sagt Pavin, "bei jedem Wetter". Zäune reparieren, kranke Tiere versorgen, sich um trächtige Kühe kümmern - all das gehört zu seinen Aufgaben. In der Maremma zu arbeiten, das sei ein Privileg. "Ich liebe dieses raue Land. Hier wachsen Myrte, Meerkirschen, Wein und Oliven. Am Strand kann man Meeresschildkröten sehen, am Himmel kreisen Schlangenadler - und in den Wäldern jagen Wölfe."

Manchmal, wenn er nach Dienstschluss entspannen möchte, reitet er allein weiter, vorbei an Pinienhainen und Mastix-Büschen bis zu einem menschenleeren Strand südlich von Marina di Alberese. Wenn dann spätnachmittags der Mistral die silbrige See zerstäubt und über Baumstämme weht, die sonnengebleicht auf dem Sand liegen, verlieren für ihn momentelang Raum und Zeit völlig an Bedeutung.

Doch Pavin weiß, dass seine Zukunft alles andere als sicher ist. Seit die Azienda von einem jungen Betriebswirtschaftler als Bio-Betrieb geführt wird, schreibt sie zwar wieder schwarze Zahlen. Aber Pavin hat schon zu spüren bekommen, dass modernes Management auch bedeutet, mit Traditionen zu brechen - zum Beispiel mit der Ochsenzucht. "Ich brauchte immer nur zwei Nachmittage pro Woche, um die Ochsen ans Joch zu gewöhnen. Jahrhundertelang wurden sie so zu perfekten Arbeitstieren." Doch der Daumen von Signor Direttore ging nach unten, die Ochsen wurden verkauft.

So wie es aussieht, ist Pavin einer der letzten Vertreter seines Berufs. Es sei paradox, sagt er: "Die butteri werden immer populärer, Bilder von uns stecken in jedem Postkartenständer, mit unserer Kleidung gelten wir als Mode- Ikonen." Nur eines fehle: "Jungs, die uns morgens am Zaun bei der Arbeit zuschauen wollen - die haben wir schon lange nicht mehr gesehen."

Besoffene Wildschweine und esoterische Sinnsucher

Während hier an der Küste womöglich gerade eine Tradition untergeht, entsteht an anderen Orten der Maremma Altes wieder neu - zum Beispiel in den Wäldern um den Monte Amiata. Schon die gut eine Stunde Fahrt von Alberese dorthin hat etwas Märchenhaftes: Schwefelschwaden steigen an vielen Stellen wie dichter Nebel aus dem Boden - der gut 1700 Meter hohe Amiata ist ein ruhender Vulkan, aus dessen Nebenadern immer noch heiße Gase entweichen.

Dank der sauren Vulkanerde gedeihen Kastanien hier besonders gut. An den Flanken des Berges findet man einen der dichtesten Kastanienwälder Europas; die Früchte zählten jahrhundertelang zu den wichtigsten Landwirtschaftsprodukten der Region. An diese Geschichte wollen die Brüder Luca und Michele Ragnini wieder anknüpfen. 1991 begannen sie, den mehr als 300 Jahre alten, inzwischen aufgegebenen Kastanienhof ihrer Großeltern neu zu beleben.

"I Rondinelli" heißt das Anwesen und liegt zwischen dem Monte Amiata und dem Nachbarberg Labbro. Auf 130 Hektar bauen die Ragninis heute Obst, Oliven und Kastanien an, züchten Schafe, Pferde - und die besonders tüchtigen Amiata-Esel. "Unser Großvater ließ die Eselhengste früher immer kostenlos auf Stuten der anderen Höfe springen", erzählt Luca Ragnini und lacht. "Ich weiß nicht, warum er das gemacht hat. Möglicherweise war es ein patriotischer Akt" - die Amiata-Esel wurden, so hat es ihm der Großvater erzählt, von Mussolini im Zweiten Weltkrieg bei den Kämpfen in Afrika eingesetzt.

Die Ragninis betreiben heute ein Restaurant im alten Eselstall, als Spezialität servieren sie dort "Besoffenes Wildschwein" in Rotweinsoße auf Kastanien-Polenta. Wer länger bleiben will, kann sich ein Gästezimmer im ehemaligen Kastanien-Trockenhaus mieten und mit Ragnini zu Pferd auf Trekking-Tour gehen. Den Pferden gegenüber hat Ragnini eine dezidiert andere Haltung als die butteri. "So wichtig sie für die Maremma sind - mit ihrem männlichen Getue haben die butteri die Pferde doch ein bisschen versaut."

Wer mit den Tieren richtig umgehen wolle, müsse in ihrer Gegenwart weiblich sein. Klingt esoterisch - und passt gut in diese Berggegend, die seit mehr als hundert Jahren Sinnsucher und Exzentriker anzieht. Vor allem der Monte Labbro ist dabei sehr beliebt: In Sommernächten pilgern Menschen auf den gut 1100 Meter hohen Gipfel, um dort zu beten, singen und meditieren. Unterhalb von Ragninis Hof kann man außerdem das ganze Jahr über Gestalten in orangefarbenen Gewändern über die Hänge laufen sehen: buddhistische Mönche, die vor fast 30 Jahren hier ein Meditationszentrum gegründet haben, ihren Tempel hat 1990 der Dalai Lama eingeweiht.

Und Luca Ragnini selbst spürt religiöse Gefühle, wenn er mit der Wünschelrute über den Monte Labbro läuft und nach Wasseradern sucht: "Ich fühle mich dabei so, als wenn ich in der Kirche am Hochaltar stünde." Steigt man auf den Berg hinauf, müssen selbst sehr rational veranlagte Menschen zugeben, dass der Ort etwas Magisches hat: Weit geht der Blick über die Tiefebene und das Ombrone-Delta hinaus aufs Meer, wo aus dem gleißenden Wasser die Höhenzüge der Insel Giglio herausragen - wie die Silhouette eines übergroßen Wals.

Auf dem Monte Labbro sind auch die Reste vom Lebenswerk des Davide Lazzaretti zu sehen. Dem Fuhrmann aus dem nahe gelegenen Ort Arcidosso soll 1868 hier die Jungfrau Maria erschienen sein. Nach diesem Erlebnis fühlte er sich zum Propheten berufen und gründete die Gemeinschaft Giurisdavidici ("Vom Recht Davids"), eine Art christlich-sozialistische Kommune. Lazzaretti baute auf dem Labbro eine Kirche, einen Turm und Wirtschaftsgebäude. 80 Familien folgten seiner Lehre, betrieben gemeinsam Landwirtschaft und teilten allen Besitz. Doch bald wurde er der katholischen Kirche suspekt. Sie ließ ihn exkommunizieren und erklärte seine Schriften zur Häresie. Als Lazzaretti sich am 18. August 1878 bei einer Prozession am Ortseingang von Arcidosso weigerte, zum Monte Labbro umzukehren, erschossen ihn Carabinieri.

Heute hat Lazzarettis Gemeinschaft noch genau vier Anhänger, einer von ihnen ist Mauro Chiappini. Im Hauptberuf arbeitet er als Baggerfahrer, nebenbei schreibt er Bücher über den Propheten aus der Maremma - damit dessen Werk nicht in Vergessenheit gerät. Arcidosso habe sich mit der Erinnerung an diesen Mann lange schwergetan, sagt Chiappini. Aber mittlerweile habe die Stadt dazugelernt, es gebe nun ein Lazzaretti-Museum und ein Denkmal, auch eine Straße ist nach ihm benannt.

Doch abgesehen von Lazzaretti: Chiappini versteht nicht, wie wenig sich Arcidosso um seine Sehenswürdigkeiten kümmert. Die Burg zum Beispiel liege wie eine Märchen-Festung auf einem Hügel, werde aber kaum von Besuchern angesteuert. Dabei habe der Ort, an dem es wenig Arbeitsplätze gibt und der seit Jahrzehnten Einwohner verliert, Tourismus doch dringend nötig. "Unsere Politiker wissen nichts und machen nichts", schimpft Chiappini, der gerade in einem Café auf der Piazza della Indipendenza sitzt.

Plötzlich drehen sich auf der Piazza alle zum Rathausbalkon: Der Vizebürgermeister ist herausgetreten, breitet wie ein König seine Arme aus und grüßt das Volk. Chiappini regt sich noch weiter auf - "So ein Auftritt spricht doch für sich, oder?", - aber wahrscheinlich ist es so, dass solche feudalen Gesten einfach dazugehören, hier in der Maremma, dem ursprünglichen, unbändigen Land im Süden der Toskana.

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Autor:
Ulf Lüdeke