Südtirol Urlaub auf dem Bauernhof

Bergpanorama der Geisler Gruppe in Südtirol.

Morgens stellt Anita Gasser den Frühstückskorb vor die Haustür: Rohmilch, Eier von den Hühnern hinterm Kuhstall, selbst gemachte Marmelade, Tee aus dem eigenen Kräutergarten. Nur die Brötchen hat sie nicht selbst gebacken. Draußen ist es zwar schon frühherbstlich frisch, aber Licht und Ausblick sind so grandios, dass wir den Frühstückstisch auf der Terrasse unserer Ferienwohnung decken. Die Geislerspitzen, eine Dolomitenbergkette, recken ihre gezackten Gipfel in einen blassblauen Himmel, über das Eisacktal hat sich eine zarte Nebeldecke gelegt, aus der die Kirchturmspitze von Maria Himmelfahrt in Feldthurns ragt, als wolle sie daran erinnern, dass es weiter unten auch noch eine Menge zu entdecken gibt. Schlösser und Burgen, die Stadt Brixen, Wanderwege und Bauernschänken.

Doch jetzt spielt sich das Leben erst mal auf dem Oberhauserhof ab. Eine Ziege ist über den Zaun gehopst und muss eingefangen werden. Wer hilft beim Himbeerenpflücken? Oder doch lieber Zwetschgen? Welches Gemüse ernten wir heute im Hanggarten für unser Abendessen? Jeder Gast darf sich in den Beeten, an den Bäumen und Sträuchern bedienen. Der Oberhauserhof ist keine Agrarfabrik, sondern eine Welt zum Schmecken, Riechen, Entdecken, Mitmachen. Drei Generationen leben hier in 1065 Metern Höhe.

Opa Johannes kümmert sich um die circa 40 Kühe. Morgens um fünf Uhr und spätnachmittags um halb sechs muss er melken. Seine Frau, Anitas Schwiegermutter, hilft ihm dabei. Dazwischen: Stall sauber machen, Felder bestellen, für Futter sorgen, füttern. Ein arbeitsreicher Alltag. Trotzdem ist Johannes Gasser alles andere als ein granteliger Almbewohner. Gäste, die in seinen Kuhstall kommen, hören erst mal ein fröhliches "Grüaß euch". Mit viel Zeit und auch ein wenig Stolz stellt er die Tiere des Hofes vor, zeigt, in welches mit Stroh ausgelegte Holzkästchen die Hühner am liebsten ihre Eier legen und umsorgt eine Kuh, die in den nächsten Stunden ein Kälbchen erwartet. Denn Johannes Gasser ist bei Bedarf auch Hebamme. "Das ist wie bei den Menschen", sagt er. "Die Schwangerschaft dauert neun Monate, meist kommt ein Kälbchen, selten auch mal Zwillinge. Mal geht die Geburt gut, mal muss man ein bisschen nachhelfen."

Kühe in Südtirol
Frieder Blickle/Südtirol Marketing
Erlebnis-Urlaub auf dem Bauernhof mit Kühen.
Enkelsohn Martin ist heute nicht in den Kindergarten gegangen. Er will lieber dem Opa im Stall helfen - und mit seiner Mutter kochen. "Es gibt Fleischkrapfen", sagt Anita. Vier Kinder leben auf dem Hof. Fabian und Johannes gehen in die Grundschule, die kleine Verena ist noch zu Hause bei der Familie. Die gelernte Bäuerin Anita kümmert sich um Hof, Garten, Gäste und Kinder. Egal wo man sie trifft, und man trifft sie oft: Sie wirkt ruhig und fröhlich. "Das habe ich von meiner Schwiegermutter gelernt", sagt sie und lacht. "Immer schön eins nach dem anderen machen. Mehr geht halt nicht."

Die Gassers haben sich auf das Leben hier oben eingelassen. Ein Leben im Rhythmus der Jahreszeiten, voller Arbeit und Aufgaben, die oft nicht aufgeschoben werden können. Trotzdem ein gutes Leben, finden sie. Eins zwischen Tradition und Zukunft. Von dem Verkauf der Milch allein kann die Familie nicht leben. Johannes' Sohn Daniel, Anitas Mann, arbeitet deswegen für den Landwirtschaftsverein. Die Vermietung an Feriengäste bringt nur etwas ein, wenn man auch etwas Gutes anzubieten hat, dachten die Gassers. Urlaub auf dem Bauernhof, ist das überhaupt noch zeitgemäß, fragten sie sich. Antwort: Ja, denn die Sehnsucht nach einem naturnahen Leben und authentischen Erlebnissen wird immer größer - und nach ökologischer Bauweise mit klarem Design.

Drei Generationen plus Gäste unter einem Klimadach

Vor sechs Jahren ließen sie das alte Bauernhaus abreißen und als Niedrigenergiehaus mit drei Ferienwohnungen neu bauen. Drei Generationen plus Gäste unter einem sehr zeitgemäßen Klimadach. Für warmes Wasser sorgt eine Solaranlage, eine Photovoltaikanlage liefert den Strom, geheizt wird mit Hackschnitzeln. Die Wohnungen sind mit Zirbelkiefernholz aus dem eigenen Wald ausgestattet - alles klar und schnörkellos. "Das Zirbelholz enthält eine hohen Anteil an ätherischen Ölen und wirkt sich positiv auf Herz und Kreislauf aus", erklärt Anita.

Esskastanien in Südtirol
Clemens Zahn/Südtirol Marketing
Im Herbst öffnen in Südtirol auch die Weinkeller ihre Tore zum "Törggelen". Geselliges Beisammensein bei jungem Wein und gebratenen Kastanien.
Und tatsächlich, auf dem Oberhauserhof passiert etwas mit uns. Wir werden ruhiger. Lassen uns Zeit. Beobachten Grashüpfer und Gottesanbeterinnen, füttern die Ziegen. Es dauert lange, bis wir mit den Kindern die 300 Meter entfernte Dorfstraße erreichen. An jeder Ecke gibt es Entdeckungen und Köstlichkeiten. Ein Wettkampf beginnt. Wer findet die meisten Esskastanien? "Keschtn" werden die nussigen, von Stachelhüllen geschützten Früchte in Südtirol genannt. Tausende Esskastanienbäume wachsen rund um Feldthurns und den Oberhauserhof. Denn er liegt gleich oberhalb des Keschtnweges, das ist einer der berühmtesten Wanderwege im Eisacktal.

Ab Ende September, wenn die Keschtn reif sind und runterfallen, die Tage noch T-Shirt-warm und die Blätter langsam goldgelb, dann beginnt hier die schönste Zeit für Wanderer. Denn jetzt öffnen die Bauern ihre Stuben und bieten Selbstgemachtes aus Hof und Feld an. Speck, Käse, Würste, Knödel, Krapfen und leckere Säfte. Törggelen wird dieser Südtiroler Brauch oft genannt, auch hier. Ursprünglich wurde er von Winzern eingeführt, die sich mit ihren Arbeitern nach der Weinlese zusammensetzten und sich eine deftige Mahlzeit schmecken ließen - meist im Raum der Torggl, der Weinpresse. Im Eisacktal, das vom Brenner bis nach Bozen führt, trifft seit Jahrhunderten Mediterranes auf Alpines. Wein wird auf den Gebirgsrücken zwar auch angebaut, doch typischer für die Bauernschänken hier ist selbst gemachter Apfelsaft oder Traubenmost.

Wandern in Südtirol
Thomas Grüner/Südtirol Marketing
Ausgedehnte Wanderungen durch Wiesen und Wälder, vorbei an Höfen und Almhütten.
Auf einmal wollen die Kinder wandern. Da, noch mehr Keschtn. Und dort, ein kleiner Wasserfall. Und da hinten, der Wöhrmannhof, wollen wir dorthin laufen und einkehren? In der Stube mit Herrgottswinkel und Bett über dem Kachelofen fragen wir nach den Speisen des Tages. Eine Karte gibt es nicht. Gekocht wird, was der Hof - eine der am besten original erhaltenen Anlagen - so hergibt. Heute sind es Kürbissuppe, Sauerkrautknödel und Schlutzkrapfen, alles zubereitet auf einem alten Holzofen. Auf dem Glangerhof, ebenfalls am Keschtnweg gelegen, gibt es keine warmen Gerichte, sondern nur Jause: Brot mit Topfenkäse, Schinken und köstlichem Apfelsaft. Dafür hat der Glangerhof ein eigenes Backhaus und einen Hirschpark.

"Wo wollt ihr heute wandern?", fragt Anita meistens vormittags, während die Kinder auf dem  Heuboden herumspringen. Eigentlich meint sie: Wo wollt ihr heute essen? Denn wenn sie weiß, wo wir langgehen, ruft sie die umliegenden Bauern an, wer wann seine Stube öffnet und ob er oder sie uns nicht etwas kochen wollten. Die Antwort: Alles klar, kommt vorbei.

Höhepunkt des Tages aber ist, wenn Anita ihren Grill in den Garten stellt und die von allen Gästen gesammelten Esskastanien röstet. Verzehrt werden sie gemeinsam am großen Holztisch. Die Geislerspitzen gegenüber glühen im Abendlicht, die Kinder spielen auf der Wiese und Anita erzählt von ihrem Leben. Manchmal vermisst sie ihre Heimat, das Ultental. Und ein wenig Zeit für sich selbst. Dinge wie Shoppen gehen in der Stadt fehlen ihr nicht. "Obwohl ich als Bäuerin viele Pflichten habe, fühle ich mich trotzdem frei."

Autor

Bettina Laude