Italien Tribewanted - ein grüner Stamm in Umbrien

MERIAN.de: Herr Bozotti, wie genau funktioniert Tribewanted?
Filippo Bozotti: Tribewanted ist ein Onlinenetzwerk, das Gemeinden hilft, sich zu nachhaltigen Reisezielen zu entwickeln. Unsere Stammesmitglieder zahlen einen Monatsbeitrag und entscheiden gemeinsam online über unsere Ziele und die Verwendung des Geldes. Sie besuchen aber auch unsere Gemeinden, um bei der Entwicklung vor Ort mitzuhelfen - obwohl man kein Mitglied sein muss, um zu kommen. Natürlich darf man in der Hängematte entspannen, aber die meisten wollen mit anpacken. Unser Ziel ist: Wir wollen zeigen, dass Ökotourismus langfristige Vorteile bringt, und dass Traditionen und Bräuche dabei nicht zwangsläufig verloren gehen müssen. Oft ist es ja so, das Hotelketten wie zum Beispiel Hilton oder Sheraton riesige Betonklötze in exotischen Ländern bauen - und die Einheimischen dürfen dann Margaritas servieren. Wir stimmen alles mit den Bewohnern ab. Wir bauen zusammen, wir kochen zusammen, wir essen zusammen.

Das erste Projekt brachte Euch auf eine abgelegene Insel Fidschis, das zweite an einen Strand im verwüsteten Sierra Leone. Die dritte Gemeinde ist Monestevole, eine Ortschaft in Umbrien. Warum habt Ihr euch jetzt für Italien entschieden?
Uns geht es nicht alleine um Ökotourismus. Wir wollen zeigen, wie man auch in 50 Jahren noch nachhaltig leben kann. Das ist natürlich viel einfacher auf einer verlassenen Insel oder einem afrikanischen Strand als in einem Industrieland. Deswegen sind wir nach Monestevole gekommen. Von Anfang an hat uns die Energie und das Lebensgefühl dieses Ortes begeistert. Jetzt wollen wir dabei helfen, es in eine umweltfreundliche Gemeinde zu verwandeln, inklusive grünem Strom, zukunftsfähiger Bauweisen, Wasserreinigung und vielem mehr.

Wie habt Ihr den Ort gefunden und die Besitzer davon überzeugt, euren Stamm aufzunehmen?
Wir suchten nach einem Ort, den der Massentourismus noch nicht erreicht hatte. Monestevole und Tribewanted passen perfekt zusammen. Dies ist ein unfassbar schöner Ort mitten im Nirgendwo, der sich seinen Charme und seine besondere kulinarische Vergangenheit bewahrt hat. Oliven und Weintrauben wachsen auf den Hügeln und die Einwohner sind eine bunte Mischung aus Landwirten und Künstlern. Wir schlossen eine gleichberechtigte Partnerschaft mit den Besitzern Valeria und Alessio. Die beiden lebten hier schon in einer großen Gemeinschaft mit viel Musik, gutem Essen und Pferden, die überall herumlaufen. Es war nicht schwierig, sie zu überzeugen.

Wie unterschieden sich eure Aufgaben in Monestevole von denen auf Fidschi und in Sierra Leone?
In den ersten beiden Projekten war es eine große Herausforderung die Schulbildung und Gesundheitsversorgung der Einheimischen zu verbessern - das ist hier nicht notwendig. Bei vielen Aktivitäten wird es ums Essen gehen. Je nach Jahreszeit kann man bei der Herstellung von Olivenöl oder bei der Weinlese helfen. Jetzt im Winter sammeln wir Wildrosen oder Beeren und stellen Marmelade aus ihnen her. Wir machen unseren eigenen Käse, Joghurt, Brot - und natürlich Pasta. Wer uns besucht, kann auch bei den Pferden im Stall arbeiten oder bei Projekten mithelfen, wie der Einrichtung des neuen Systems zur Wasserreinigung. Zehn der Einheimischen stehen uns immer beratend zur Seite. Wir hoffen natürlich, dass Besucher auch etwas von dem, was sie hier über Nachhaltigkeit lernen, mit nach Hause nehmen können.

Welche Möglichkeiten haben eure Onlinemitglieder, das tägliche Leben in Italien zu beeinflussen?
Das Team vor Ort trifft auch die Entscheidungen vor Ort. Als wir auf Fidschi anfingen, gaben wir unseren Onlinemitgliedern Mitspracherecht über das Tagesgeschehen, mussten aber feststellen, dass die Probleme vor Ort sich von der anderen Seite des Globus nur schwer einschätzen lassen. Dennoch entscheiden die Onlinemitglieder weiterhin über die großen Fragen: Wo Tribewanted als nächstes hinzieht oder wie wir unsere Einnahmen investieren.

Tribewanted in Sierra LeoneTribewanted-Projekt
tribewanted
Tribewanted: Das Projekt am John Obey Beach in Sierra Leone
In vielen Stämmen kommt es immer wieder zu Machtkämpfen - auch bei Tribewanted?
Da viele Stammesmitglieder die Gemeinden meist nur für ein paar Wochen besuchen, kommt es meist nicht zu großen Auseinandersetzungen. Aber das Team vor Ort ist wie eine große Familie and natürlich gerät man da oft aneinander. Aber wir versuchen, unsere Prozesse so offen wie möglich zu gestalten. In Sierra Leone gab es jeden zweiten Tag ein Teamtreffen der Einheimischen und der Tribewanted-Mitglieder. Für die Einheimischen ist es die größte Herauforderung, das Projekt irgendwann zu übernehmen und alleine weiterzuführen, denn unser Aufenthalt in den Gemeinden ist nur begrenzt.

Hat sich Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit seit der Gründung von Tribewanted verändert?
Tribewanted geht es um drei unterschiedliche aber verbundene Formen von Nachhaltigkeit: sozial, ökonomisch und ökologisch. Meine persönliche Erfahrung ist, dass es nicht nur möglich, sondern erstrebenswert ist, nachhaltig zu leben. Es macht einfach glücklicher! Einmal im Jahr befragen wir alle Einheimischen in unseren Projekten und alle Onlinemitglieder, um herauszufinden, wo wir uns verbessern können.

Ben Keene, der die Organisation 2006 mit Ihnen ins Leben rief, sagte damals, dass Tribewanted viele großartige, aber auch einige schlechte Folgen haben wird. Welche guten und schlechten Konsequenzen gab es in den vergangenen sieben Jahren?
Natürlich gab und gibt es Probleme. Wir mussten zum Beispiel 2011 das Projekt in Fidschi an den Staat zurückgeben - obwohl wir das gar nicht wollten. Als die Regierung erkannte, dass wir erfolgreich waren, begannen Unstimmigkeiten. Die Regierung wollte die Pacht für die Insel erhöhen und das konnten wir uns nicht leisten. Seitdem sind die Einnahmen für die Einheimischen gesunken. In Sierra Leone ist der Sandabbau das größte Problem. Das Land befindet sich im Wachstum und viele der wunderschönen Strände und Landschaften werden zerstört. Aber insgesamt überwiegt das Positive. Ich bin immer besonders stolz, wenn die Einheimischen beginnen, selbst die Verantwortung für die Projekte zu übernehmen. Die Fischer in Sierra Leone hatten keine Ahnung, was Tourismus ist. Jetzt haben sie ein gutes Einkommen und ihre Kinder gehen zur Schule.

Insgesamt will Tribewanted zehn Gemeinden weltweit unterstützen. Wie geht es nach Italien weiter?
Da gibt es viele Möglichkeiten, zum Beispiel die Stadt Detroit. Im Moment gibt es dort in Downtown eine regelrechte grüne Revolution, wo eine Menge Geld in "urban gardening" und nachhaltige Bautechniken gesteckt wird. Das könnte die größte Herausforderung von Tribewanted sein. Zu zeigen, wie man nachhaltig in einer Großstadt und im eigenen Garten lebt.

Mehr Informationen zu dem Tribewanted-Projekt in Monestevole unter: www.tribewanted.com


Quelle: www.tribewanted.com

Autor

Kalle Harberg