Volterra Toskanische Inghiramis aus Sachsen

Wenn die schöne Marchesa sich in den Palast zurückzieht und aufs Seidenlaken sinken lässt, sehen ihre graugrünen Augen immer dieselbe Szene, kurz bevor sie erschöpft die Lider schließt: einen Orienttraum mit Krokodilen, Elefanten und tanzenden Sarazenen, abgebildet auf dem rotem Brokat des Baldachins. In diesem Prunkbett lässt sich fürstlich träumen - schon vor 400 Jahren erholte sich hier der Admiral der toskanischen Flotte, Iacopo Inghirami, von seinen Seegefechten.

Ab und an, erzählt Francesca Inghirami, 50, huscht sie allein in den heute unbewohnten Familien-Palazzo, der direkt neben ihrem Wohnhaus an der Piazza Martiri della Libertà liegt. Sie liebt es, das Zimmer ihres Ahnen für ein Nickerchen zu nutzen, auch einen Teil ihrer Kleider hat sie dort untergebracht.

Marchesa Francesca entstammt einer der bedeutendsten Patrizierfamilien von Volterra, einer alten Stadtrepublik auf einem Bergrücken südöstlich von Pisa mit heute 11000 Einwohnern. Seit dem Mittelalter haben die Inghirami die Stadt geprägt, machten Karriere in Kirche, Militär oder Wissenschaft. Zwei Straßen und ein Platz sind hier nach ihnen benannt - und auch ein Krater auf dem Mond, zu Ehren von Giovanni Inghirami, einem Astronom, der im 19. Jahrhundert lebte.

Oberhaupt der Familie ist heute Francescas Bruder Iacopo Ennio. Der Marchese, zu deutsch Markgraf, übernimmt persönlich die Aufgabe, Besucher durch den Palazzo zu führen. Und schon am Portal wird klar, wie sehr ihm das gefällt: Mit leichten Schritten tänzelt der stämmige 52-Jährige zur Hausglocke und ahmt so grazil wie möglich Claudia Cardinale beim Läuten nach. So, wie sie es 1965 an dieser Stelle in Luchino Viscontis Film "Sandra - Die Triebhafte" tat, der zu großen Teilen im Palazzo gedreht wurde.

Dann öffnet er das Tor, und genau wie der Gast scheint er das Eintauchen in den schummerigen Innenhof mit seinen Arkadenbögen zu genießen. Hier stehen eine Reihe von etruskischen Urnen, bedeckt mit Moos und Staub. Sie stammen aus der Tomba Inghirami, einer Nekropole, die 1861 von zweien seiner Ururgroßväter auf einem Familiengrundstück entdeckt wurde. Die schönsten Stücke sind heute in einem Nachbau der Grabanlage im Garten des Archäologischen Museums von Florenz ausgestellt.

Iacopo Ennio läuft ein paar Meter weiter, schließt eine Tür auf und geht ins Archiv. "Hier lagern Dokumente zu unserer Familiengeschichte, über 1000 Jahre und 35 Generationen hinweg. " Er greift einen von hunderten Bänden aus einem hohen Regal, schlägt eine vergilbte Seite auf und zeigt mit dem Finger auf schnörkelige Tintenschrift: "Herman Dux Saxonis, anno 967", ist dort zu lesen. "Unsere Vorfahren gehen auf diesen Mann zurück. Er stammte aus Sachsen und kam im Gefolge Ottos des Großen hierher" - die deutschen Kaiser herrschten damals bis weit nach Italien hinein.

Auf dem Weg in den turnhallengroßen, mit Gemälden vollgehängten Salon lernt man ein weiteres berühmtes Mitglied der Familie kennen: Tommaso Inghirami, genannt Fedra, Kardinal und päpstlicher Bibliothekar. Raffael hat den Mann mit dem markanten Silberblick um 1514 porträtiert, hier im Treppenhaus des Palazzo hängt eine frühe Kopie des Gemäldes. Das Original ist im Palazzo Pitti in Florenz zu sehen.

Die Inghirami öffnen ihren Palast leider meist nur für Soireen - "wir wollen nicht, dass er zum Museum wird, denn so würde er seinen Charakter verlieren". Doch es gibt genug andere Orte in Volterra, an denen man die Spuren der Inghirami verfolgen kann. Etwa in der Familienkapelle im Dom mit Barockgemälden über das Leben des heiligen Paulus.

Oder auf der baumbestandenen Piazza Inghirami im Nordwesten der Altstadt. Der Platz erinnert an den Mann der Familie, dem Volterra am meisten zu verdanken hat: Marcello Inghirami Fei. Mit Hilfe einer Erbschaft richtete er im Jahre 1791 hier an der Piazza in einem verlassenen Nonnenkloster eine Alabasterschule ein. Künstler aus ganz Europa ließ er dort lehren - und belebte so ein fast ausgestorbenes Kunsthandwerk wieder neu, das seit der Zeit der Etrusker in der Stadt betrieben wurde. Zwar wurde die Schule schon neun Jahre später während der französischen Besatzung geschlossen, doch die Idee von Marcello Inghirami wirkt noch immer: In Volterra arbeiten heute fast 200 Alabasterhandwerker.

Gegenüber der ehemaligen Schule, die inzwischen als Wohngebäude genutzt wird, liegt die Kirche San Dalmazio. Seit 300 Jahren ist sie in Familienbesitz, Marchesa Francesca organisiert dort hin und wieder Ausstellungen. Sie mag die idyllische Ruhe des Platzes und sitzt gern vor der Kirchenfassade aus dem 16. Jahrhundert, die Bartolomeo Ammannati, dem Hofarchitekten der Medici, zugeschrieben wird. Selbst im Hochsommer, wenn sich täglich Besucher aus aller Welt durch die engen Gassen der Stadt drücken, könne sie hier auf dem Platz wunderbar entspannen und sich in die großen Zeiten der Familie zurückversetzen. Wobei sie schon dankbar ist, in der Gegenwart zu leben und nicht etwa im Mittelalter zu Zeiten ihres Vorfahren Herman: "Als Zweitgeborene mit älterem Bruder hätte ich damals sicher Nonne werden müssen."

Von seidenen Bettlaken hätte sie dann höchstens träumen können.

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Autor:
Ulf Lüdeke