Gardasee Sex-Spielzeug auf dem Gardasee

Mein Leben gewann unvermittelt an Qualität, als ich am vergangenen Wochenende spontan beschloss, meinen Aufenthalt in den Bergen abzukürzen und das Engadin gegen die Seen Norditaliens einzutauschen. Der Comersee schien die einfachste Option zu sein. Erstens befindet er sich nur zwei Stunden von St. Moritz entfernt und zweitens lässt mich die Sehnsucht nach dem Grünen-Pfeffer-Steak im Sociale nie ganz los. Der Gardasee war ebenfalls eine attraktive Variante, die logistische Herausforderung jedoch größer.

Ich wollte ihn bereits streichen, als ich mir plötzlich vorstellte, wie ich auf dem Rasen der Villa Feltrinelli liege, einen Spritz schlürfe und erfrischende Bäder im See nehme. Um ein Haar hätte ich mich gar nicht erkundigt, ob zufällig noch Zimmer frei seien, so sicher war ich mir, dass längst alles ausgebucht war. Kurz bevor ich am Dienstag ins Bett ging, schickte ich dann aber doch noch eine kleine Anfrage per Mail los und war total begeistert, als ich eine positive Rückmeldung erhielt: Zwei Zimmer waren wundersamerweise vakant.

Zwei Tage später jagte ich mit Mutter über die Alpen zum Gardasee und kurz nach dem Mittagessen hatte ich es mir bereits auf dem saftigen Grün gemütlich gemacht, einen Spritz in der Hand - sogar in einem richtigen Glas.

Auf der einen Seite meines Liegestuhls befand sich mein Stapel an Lesematerial fürs Wochenende (die ziemlich neue Ausgabe von Apartmento, der New Yorker, Bloomberg Businessweek, die spanische und die deutsche AD, Pin-Up, Navy International), auf der anderen ein Bündel an Seiten, die ich in der letzten Woche aus diversen Zeitschriften gerissen hatte. Ich wollte mich gerade in die Filmkritiken des New Yorkers vertiefen, als mir auf dem See ein recht großes Boot ins Auge fiel. Zunächst dachte ich, es würde sich vielleicht um eine schwerbewaffnete Barkasse der Guardia di Finanza handeln, aber als es sich dem Ufer näherte, wurde es statt bedrohlich eher interessant.

Vom Wasserspiegel bis zum Funkturm war es drei Stockwerke hoch, die erste Frage lautete also: Was macht so ein großes Vergnügungsboot auf einem so kleinen See? Die zweite Frage löste wiederum eine Flut anderer Fragen aus, zum Beispiel über die Aussage von Sound und modernem Design. Sie lautete: Warum müssen so viele Fahrzeuge, Haushaltsartikel und Kommunikationsgeräte aussehen wie Sex-Spielzeuge, wie man sie eher in einer schummrigen Hamburger Seitenstraße erwartet?

Als das bronzefarbene Schiff am Hotel vorbeifuhr, drängte sich mir der Vergleich auf, dass es wie eine Kreuzung aus einem gigantischen Damenrasierer und einem Vibrator wirkte. Wie es diesem Design gelungen war, es überhaupt bis ins Trockendock zu schaffen, ist schlicht rätselhaft. Und wie nun irgendjemand auf die Idee kommt, sich von seinem (möglicherweise) hart erarbeitetem Geld zu trennen, um so ein Monster zu erwerben, ist unbegreiflich.

Ich erinnerte mich an einen nicht lang zurückliegenden Trip zu John Lewis, um ein normales Bügeleisen zu kaufen und an meine Überraschung, wie schwierig es war, etwas zu finden, das nicht mit blauen Renn-Streifen verziert war und dessen Wassertank nicht in "funky" Farben erstrahlte. Glücklicherweise gelang es mir, ein schwarz-silbernes Exemplar zu finden, das nicht so aussah, als könnte es auch als Hilfsmittel auf der Live-Bühne eines Nachtclubs in Bangkok zum Einsatz kommen, aber natürlich war dies dann das teuerste und hoch spezialisierteste Produkt auf der ganzen Etage. Und es hatte auch mehr Ähnlichkeit mit einem Maserati als mit einem Objekt, das Falten aus Baumwollstoff entfernt.

Fragen an die Leser

Als die Sonne langsam auf die Bergspitzen sank, notierte ich ein paar andere Fragen, die mich in der letzten Zeit beschäftigt haben. Vielleicht können Sie mir Antworten darauf liefern:

1. Warum tragen Nachrichtensprecher der BBC so viel lila und rot? Wenn man ein wenig Zeit damit verbringt, die diversen neuen Angebote der BBC zu studieren, wird man bald davon überzeugt sein, dass es eine substantielle Ermäßigung für Moderatoren geben muss, so viel violett, klatschmohn- und kirschrote Blazer, Tücher, Pullover, Krawatten und Modeschmuck zu kaufen wie möglich. Wirkt irgendeine dieser Farben wirklich so gut vor der Kamera oder schmeichelt gar dem Träger?

2. Hat irgendjemand schon mal ein Mountainbike designt, das nicht so aussieht wie ein SUV auf zwei Rädern? Als ich in den Bergen war, begann ich "Such das Mountainbike, auf dem man tatsächlich fahrend gesehen werden möchte" zu spielen. Sicher, Mountainbike fahren kann gefährlich und aggressiv sein. Aber ist es wirklich notwendig, dass die Räder aussehen wie der Nachwuchs eines Hummer?

3. Wieviel wichtige Sendezeit wurde in den letzten fünf Jahren mit endlosen Bitten um Zuschauerkommentare und Feedback verschwendet? Ich habe den Eindruck, dass Jahre journalistisch hochwertiger Übertragungen verloren gingen durch Appelle wie "Bitte schicken Sie uns Ihre Meinung" und "Sagen Sie uns, was Sie denken". Mir ist total egal, was andere Zuschauer denken, ich möchte nur hören, was der Korrespondent vor Ort mir zu sagen hat.

4. Was packen die Leute bloß in diese riesigen Rollkoffer? Warum sollte man quer durch Europa mit zwei, zweirädrigen Koffern in der Größe eines Trockners reisen? So ein Anblick verblüfft mich einfach und ich frage mich, ob der Verkauf solcher Koffer nicht ein großes gesundheitliches Risiko bedeutet?

5. Wer hielt es eigentlich für eine gute Idee, all diesen Mercedes-Vans zu erlauben, ein Teil von Londons Gemeinschaft schwarzer Taxis zu werden? Diese Monster sind nicht nur zu groß für ihre Aufgabe, sie sind außerdem stickig und in jeder Beziehung unangenehm.

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Autor:
Tyler Brûlé