Südtirol Legendäres Reiseziel für Schneeliebhaber

Ockerfarben glänzt der Stein des Sellastocks in der Sonne, auf seinen Felsbalkonen ist Pulverschnee liegen geblieben. Wie Puderzucker auf einer Torte aus Karamell. Wir stehen am Belvedere, zwischen Pordoi-Joch und Fassatal, hinter uns Belluno, vor uns Trentino und auf dem nächsten Gipfel wieder Südtirol. Die Piste lockt, glatt gebügelter Schnee, leicht gefroren, dann gewalzt, von einer Pulverschicht bedeckt, ideal zum Carven. Nichts Schöneres gibt es, als hier in großem Tempo weite Schwünge zu ziehen.

Doch so schnell schaffen wir es nicht, uns von diesem atemraubenden Panorama loszureißen. "Belvedere", das heißt "Schöne Aussicht" - kaum vorstellbar, dass ein anderer Fleck auf dieser Welt den Namen mit gleichem Recht tragen könnte. Rechts eine Formation der Sellagruppe, die aussieht, als habe ein himmlischer Konditor weiß-schokolierte Kirschen auf die Karamell-Leckerei geworfen. Voraus Langkofel und Plattkofel, im Rücken Porta Vescovo und Marmolada, "ein Wahnsinn, ein Wahnsinn", sagt der Fotograf, "das ist das Bora Bora der Alpen." Er wird das noch oft sagen, in den Skitagen, die vor uns liegen.

Die schroffen Dolomitengipfel sind das steinerne Erbe eines Urmeeres, aufgetürmt beim Zusammenstoß der afrikanischen mit den europäischen Kontinentalplatten. Es sind Berge aus magnesiumreichen Kalk, besonders hart und widerstandsfähig gegen Wind und Wetter. Die Erosion formte Skulpturen aus ihnen, spektakulär spitze Zinnen und steil aufragende Felsnadeln - ständig fürchtet man, sie müssten in der nächsten Sekunde kollabieren. Auf ihren Spitzen liegen Fossilien: Muschelschalen, Schneckenhäuser und "Teufelsfüße", Steine, die an Hufe erinnern, wahrscheinlich aber versteinerte Gehäuse eines urzeitlichen Krebses sind. Die Geröllfelder am Fuß der Felswände sind Ränder ehemaliger Korallenriffe und die dunklen Basaltschichten, die sich durch das Gestein ziehen, erstarrte Lava.

"Es ist für uns leicht, Gäste glücklich zu machen", sagt Peter Runggaldier aus Wolkenstein. Der frühere Skiprofi, Silbermedaillen-Gewinner bei der Abfahrt-WM 1991, leitet heute eine Skischule. "Nirgends sonst auf der Welt kommen Skifahrer so dicht an die Felsen heran, das macht es für viele wett, dass unsere Pisten nicht besonders steil sind, sondern recht gemütlich zu fahren." Er behauptet, ein Anfänger könne die Sellarunde (etwa 26 Kilometer Piste und fast ebenso viele Liftstrecken) nach zwei Wochen Skikurs bewältigen. In der grünen Richtung, also gegen den Uhrzeigersinn, denn diese Strecke sei etwas einfacher.

Es bleibt viel Zeit für Abstecher auf ambitioniertere Pisten

Wir bevorzugen die orange Strecke, im Uhrzeigersinn, auch deshalb, weil die Lifte dort ein bisschen weniger lang und moderner sind. Geübte Fahrer, die kaum Pausen brauchen, schaffen die orange Runde in knapp drei Stunden - es bleibt also, wenn man die Tour als Tagesausflug plant, viel Zeit für Abstecher auf ambitioniertere Pisten: zu Porta Vescovo und Marmolada, Seceda und Gran Risa. Oder auf die Saslong, die Weltcupabfahrt der Herren vom Ciampinoi nach St. Christina: 3446 Meter, 839 Meter Höhenunterschied, mit dem berüchtigten "Kamelbuckel" unter der Sochers-Alm, an dem die Rennläufer bis zu 88 Meter weit springen.

Der Streckenrekord liegt unter zwei Minuten, Franz Klammer siegte auf dieser Strecke vier Mal. Peter Runggaldier, der Lokalmatador, hat auf der Saslong das Skifahren gelernt. Ein Weltcuprennen gewonnen hat er hier nie: "Leider. Es wäre ein Höhepunkt meiner Karriere gewesen. Aber mir lag diese Strecke, auf der es wenig Kurven gibt, nicht besonders. Leider." Auch wenn man, wie wir, die vierfache Zeit braucht und die Sprünge weglässt, ist diese Abfahrt immer wieder eine der schönsten rund um den Sellastock, eine, die man sich an keinem Skitag entgehen lassen will. Die Hänge sind stellenweise so steil, dass man konzentrierte, enge Bögen fahren muss, dann wieder etwas flacher und breit genug für große Carving-Schwünge auf der Kante.

Es ist die kalte Luft im Gesicht, der Rausch der Geschwindigkeit, die man beim Skifahren so unmittelbar körperlich fühlt. Wir treffen uns unten, ein Blick genügt: "Noch einmal?" "Unbedingt!" Die Zeit vergeht, wir müssen weiter, zum Grödner Joch, einem der ältesten besiedelten Flecken Südtirols. Hier wurden Reste einer Steinzeitsiedlung gefunden, ein primitives Haus aus Baumstämmen und Grasmatten, das sich unter einen mächtigen Steinblock duckte. Die Pässe, die wir heute noch nutzen, das Grödner- und das Sellajoch, waren bei den Steinzeitmenschen beliebt, denn auch das Wild lief entlang dieser natürlichen Wege, wie durch ein Nadelöhr, und war eine leichte Beute. Für uns beginnt das einfachste Stück der Runde, "Autobahnpisten", über sanfte Hügel im Schatten der Sellagruppe Richtung Gadertal. Wir schauen und staunen: Es ist, als bewegten wir uns in einer überdimensionalen Fototapete, die sich je nach Wetter und Tageszeit stetig verändert. Sylvester Stallone drehte hier den Action- Thriller "Cliffhanger", weil die Felsen der Sella so viel spektakulärer sind, als die der im Drehbuch vorgesehenen Rocky Mountains.

Zu fast jedem Berg gehört eine Legende

In ihren bizarren Formen erkennt man immer neue Figuren, Hexen, Riesen und bärtige Zwerge, Murmeltiere oder den Adler, der zum Flug ansetzt. Schwer zu sagen, wann die Berge am schönsten sind. Im diesigen Morgenlicht? Unter dräuenden Wolken, wenn böses Wetter naht? Mittags, wenn sich der stahlblaue Himmel in den Felsen zu spiegeln scheint, ein Moment, den die Bergler "Mittagsblau" nennen? Oder abends, wenn die bleichen Berge rosarot leuchten? "Enrosadüra" heißt das Alpenglühen auf Ladinisch, die Sage vom Zwergenkönig Laurin, die das Strahlen der Felsen erklärt, ist eine der schönsten in diesem an Märchen so reichen Land.

Es gibt kaum einen Berg, zu dem nicht eine Sage gehörte: Im Sellastock soll ein wilder Mann umgehen, mit einer flammenden Leiter flieht er vor Verfolgern in die Felsen. Im Kreuzkofel haust ein Drache. Die Marmolada hallt wider vom Klagen einer eingemauerten Jungfrau. Und am Sellajoch liegt für jeden Toten, der zu der Stunde starb, da Christus ans Kreuz geschlagen wurde, ein Felsen.

Doch der Sellastock ist nicht nur Hort der Legenden, sondern vor allem Hüter einer ganz besonderen Kultur - der der Ladiner. Rund 30.000 von ihnen leben in Italien, sie haben vergeblich um eine ladinische Provinz gekämpft. Die Deutschen halten Ladinisch meist für einen italienischen Dialekt, die Italiener denken, es sei ein deutscher Dialekt - dabei ist es eine eigene Sprache, entstanden vor 2000 Jahren als eine Mischung aus Rätisch und Volkslatein. Es ist eine schöne Sprache, weich und singend, die in jedem Tal anders gesprochen wird.

Wer in Gröden nach einer "majún" fragt, sucht ein Gästezimmer, im Gadertal bekäme er eine Scheune zugewiesen. Seitenweise Wörter kennt das Ladinische für alle möglichen Zustände von Gras und seine Bearbeitung, für Schnee und verschiedene Arten des Glockenläutens, aber keine für Waschmaschine, Flughafen oder Computer. Die Sellagruppe ist das steinerne Herz dieses Volkes ohne Staat, das hier in Gröden, Badia, Buchenstein und Fassa lebt, den vier Tälern zu Füßen des Berges, der sie trotz seiner monumentalen Wuchtigkeit mehr verbindet als trennt. Ein einziges Tal gibt es in der Sella selbst, eng ist es, steil und steinig, unbewohnbar, das Mittagstal. Es trägt diesen Namen, weil nur zur zwölften Stunde das Licht hineinfällt, für eine kurze Zeit. Von Colfosco aus hat man den besten Blick dorthin: Besonders wagemutige Skifahrer stürzen sich im Tiefschnee hier herunter, 1200 Höhenmeter auf sechs Kilometern Länge, an der engsten Stelle ist zwischen den Felswänden nur sechs Meter Platz.

Wer hier Ski fährt, sucht mehr das Dolce Vita als den Sport

Unten in Corvara müssen wir uns entscheiden: Weiter auf der Runde, auf den Piz Boè, an der Gipfelstation den besten Cappuccino der Dolomiten trinken - oder gleich auf einen Abstecher hinüber ins Skigebiet Alta Badia? Wir wählen den Abstecher. In Richtung La Villa und St. Kassian sind die meisten Pisten flach, aber wer hier Ski fährt, sucht ohnehin mehr das Dolce Vita als den Sport. Zum Beispiel im "Moritzino" auf 2077 Metern über dem Meer gelegen. Spezialität des Hauses: Hummer und edle Fische.

Moritz Craffonara baute diese Hütte 1966, da war er 22 Jahre alt und hatte, durchs Abitur gefallen, keine Ahnung, was aus ihm werden sollte. Am ersten Tag nach der Eröffnung nahm er 80.000 Lire ein, mehr Geld als seine Eltern, die Bergbauern waren, je auf einmal gesehen hatten. Eines Tages landete der Jet-Set-Playboy Gunter Sachs mit einem Hubschrauber auf dem Piz La Ila. Er verlangte nach Fisch, aber den hatte Craffonara nicht. Da schnappte Sachs sich kurzerhand den Koch und flog ihn an die Adria, zum Fischmarkt nach Chioggia. "Das hatte Grandezza", sagt Craffonara, der selber aussieht wie ein rechter Playboy, mit seiner grauen Mähne, der Designerbrille auf der Adlernase und dem Dreitagebart.

Ab sofort ließ er täglich Fisch aus Chioggia auf die Hütte schaffen - und wurde schnell zum High-Society-Hot-Spot der Dolomiten. Wer das "Moritzino" nicht kennt, gehört nicht dazu. So einfach ist das. Egal, dass der rot-weiß eingerichtete Wintergarten reichlich überkandidelt ist, egal auch die Preise, pure Phantasie. Den reichen Russen, die bei ihm Station machen, "berechne ich immer das Doppelte", verrät Craffonara augenzwinkernd, "dann gefällt es ihnen noch besser." Zwei Tische weiter sitzt eine solche Gruppe und wedelt mit 500-Euro-Schein-Bündeln. Auch wenn das Budget kleiner ist - Ski fahren in Südtirol ist auch Ski fahren für Gourmets. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, schmeckt es überall, kein Vergleich mit schrumpeligen Würstchen, matschweichen Nudeln und zähem Gulasch, der anderswo in den Alpen serviert wird.

Rund um die Sella isst man krosse Pizza (besonders gut in der Las-Vegas- Lodge auf dem Piz Sorega), Kaiserschmarrn (bei Jimmy's auf dem Grödner Joch) oder lockere Spinatknödel (die allerbesten in der Baita Vallongia nahe Plan de Gralba). Das Schöne daran, dass man sich den ganzen Tag an der frischen Luft bewegt ist ja auch, dass man ein sozusagen verbrieftes Recht erwirbt, dreimal täglich Hochkalorisches zu bestellen.

Auch wenn die Zeiten längst vorbei sind, als die Sellarunde noch eine echte körperliche Herausforderung war. 1912, im Januar, umrundete ein junger Meraner den Berg als erster auf Skiern. Zwei Tage war er unterwegs, "eine schöne Leistung" wie die Bozner Nachrichten notierten. Seit den fünfziger Jahren legten ambitionierte Freizeitfahrer die Runde mit Liften und in Bussen zurück - acht Stunden dauerte es damals. Erst in den Achtzigern wurde in Arabba die letzte Lücke des Lift- Zirkus geschlossen. Und heute? Gibt es U-Bahnen, Rolltreppen, Gondelbahnen und Sessellifte, die die Skigemeinde vorwärts tragen. Bis zu 14.000 Menschen sind es an Spitzentagen, die weiter wollen, immer weiter. Sie pilgern um den Sellastock wie gläubige Buddhisten um den Mount Kailash. Denn die Sella ist ein Zauberberg: Wer einmal hier war, ist verhext. Und muss immer wiederkommen.

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Autor:
Anja Haegele