Italien Leben am Gardasee

MERIAN: Was macht den Gardasee so besonders?

Kirchhoff: Es gibt sonst keine Landschaft, die so eine Nahtstelle zwischen schroffer Nördlichkeit und dem Übergang zum Süden ist. Das ist nirgendwo so erschlagend wie am Gardasee. Dieses Phänomen, dass eine Landschaft auf nur 52 Kilometern so radikal und doch allmählich vom Nördlichen ins Südliche übergeht, ist einzigartig.

MERIAN: Woran macht sich das fest?

Kirchhoff: An der anderen Art des Lichts beispielsweise. Das harte, klare Licht des Nordens verwandelt sich in der Höhe von Torri del Benaco und Gargnano in ein irisierendes Licht, in dem der See Meercharakter annimmt und es keinen Horizont mehr zu geben scheint. Und der Gardasee ist eine Schnittstelle, auch eine Schnittstelle der Kulturen. Schnittstellen haben eine besondere Energie. Diese innere Kraft hat ihr Pendant in den Winden und ihrer Zuverlässigkeit.

MERIAN: Welches ist für Sie die schönste Stelle am See?

Kirchhoff: Da gibt es die Isola di Garda. Vom Grandhotel Gardone kann man sie wie eine Fieberkurve in den Dunst hineinragen sehen. Wenn ich mit dem Boot unterwegs bin, fahre ich sie grundsätzlich an, hinein in die sogenannte "Bucht der Neider". Eigentlich könnte man sie an fast jeder Stelle betreten, aber sie ist Privatbesitz der Witwe des Grafen Borghese-Cavazza, und es wimmelt nur so von Verbotsschildern. Nur ganz selten ist ein Mensch zu sehen. Die Provokation ist perfekt, hundertprozentig. Das Pendant dazu ist die Punta San Vigilio, für mich der absolute Höhepunkt des Gardasees. Zwar ist das Haupthaus immer noch privat bewohnt, aber in den ehemaligen Gesindehäusern gibt es ein kleines Hotel und ein Restaurant, die auch im "Schundroman" beschrieben sind. Dazu einen liliputanischen Hafen, für den man technisch schon fortgeschritten sein muss, um anzulegen. Früher hatte ich so einen kleinen Kahn und hab den immer an einer Boje fest gemacht und bin hingeschwommen. Jetzt habe ich ein etwas größeres und präsentableres Boot. Als ich damit die ersten Male dort festgemacht habe, bin ich ins Schwitzen gekommen, aus Angst ich könnte eines der 150.000-Euro-Riva-Boote beschädigen, die da liegen. Das Herrenhaus hat übrigens einen in die Pflanzen eingeschnittenen Eingang in Form einer Vagina - und im Eingang liegt ein eher bescheidenes Schlauchboot.

MERIAN: Sie sind ein sehr genauer Beobachter des Sees ...

Kirchhoff: Man braucht lange, um viele Details wahrzunehmen, dazu muss man oft an einem Ort sein. Am Meer konkurriert man mit der ganzen Welt, der Gardasee ist eine begrenzte, überschaubare Welt, in der bin ich glücklich. Da habe ich meinen Platz und muss nicht immer auf ferne Horizonte schielen. Es ist eine in sich geschlossene Welt, in der Süden und Norden aufeinander treffen. Eigentlich sind die Leute Olivenbauern in einer bettelarmen Ecke, eher alpine Gebirgler. Sie sind viel traditioneller, als das auf den ersten Blick scheint, der Tourismus ist sehr äußerlich geblieben. Das hat auch etwas mit Geschichte zu tun. Schon die römischen Feldherren wurden am Lebensende mit Land am Gardasee belohnt. Die Idee der Erholung ist hier uralt, die Leute wurden nicht vom Tourismus überrollt. Sie sind einfach geblieben und haben ihren natürlichen Stolz behalten. Bisher ist es so, dass sie allem, was von außen kommt, immer noch ihren Stempel aufdrücken. Sie haben eine Art den Dingen etwas zuzufügen, das eine Eigenkraft hat.

MERIAN: Wie lernt man den See am besten kennen?

Kirchhoff: Man sollte an einem Junitag in Torbole an Bord der "Italia" gehen, damit von Nord nach Süd dampfen und zwischen Ost- und Westufer kreuzen. Dann kann man die Geschlossenheit dieser Welt erleben. Den See muss man vom Wasser aus sehen. Deshalb ist es auch so wichtig, ein Boot zu haben. Am Ufer ist das sonst eine sehr kleine, lokale Welt. In Torri etwa würde nie ein Handwerker aus Garda arbeiten. In "Parlando" beschreibe ich zum Beispiel den Ort Campo oberhalb von Brenzone. Dieser alte, verlassene Ort von Olivenbauern hat 30 Jahre lang im Efeu seinen Schlaf gehalten. Heute leben da wieder zwei, drei Leute, aber er ist für Autos immer noch unzugänglich.

MERIAN: Haben Sie am See Freunde gefunden?

Kirchhoff: Man darf sich da keinen Illusionen hingeben, auch wenn mich der Tankwart und die anderen Leute im Ort grüßen und ich sie zurückgrüße. Es würde auch beileibe nicht reichen, Italienisch zu können. Der Gardasee, das ist Dialekt bis ins Mark, den man kaum versteht. Eine Ausnahme ist Marco Bertuzzi, ein wirklicher Freund. Er war auch unser Trauzeuge, als wir 1987 am Gardasee geheiratet haben. Sonst war nur unser Hund dabei und als Standesbeamter der Bürgermeister, der am Abend vorher schwer gezecht hatte und sich zur Stabilisierung in eine italienische Fahne gerollt hatte, darunter trug er Turnschuhe. Marcos Familie besaß am Landungssteg von Brenzone eine winzige Eisbude und dazu ein paar hundert Olivenbäume. Sein Vater ist - wie viele andere Olivenbauern auch - ums Leben gekommen, als er mit seiner eisernen Olivenbaumleiter gegen eine frei hängende Stromleitung gestoßen ist, die es da noch überall gibt. Marco hat sich Vittorio, einen hervorragenden Koch aus Venedig, geholt und heute das beste Fischrestaurant der Gegend, das Ristorante Giuly Bar.

MERIAN: Ist Ihnen der Gardasee eine zweite Heimat geworden?

Kirchhoff: Ich komme eigentlich aus Hamburg, kam mit sechs Jahren in den Schwarzwald und mit zehn dann ziemlich schockartig in ein Internat am Bodensee. Ich musste mir meine Tradition immer selbst erfinden. Es gab nichts, was mich gebunden hätte, nichts, was mir eine Fessel auferlegt hätte. Es gab einen Punkt in meinem Leben, wo ich an meinen Füßen nichts gespürt habe, im positiven wie im negativen Sinne. Deshalb ist so eine identitätsstarke Ecke wie Torri sicher nicht zufällig meine Wahlheimat geworden. Ich habe das Gefühl, wenn man den Fuß in den Boden setzt, bleibt ein Abdruck zurück und Erde am Fuß hängen.

MERIAN: Wie sind Sie überhaupt an den Gardasee gekommen?

Kirchhoff: Die Eltern meiner Frau hatten ein winziges Apartment in Brenzone, dadurch sind wir immer wieder hingefahren, als wir ganz jung waren. Wir haben zusammen viele Reisen gemacht. Wenn wir dann mal wieder fix und fertig waren, haben wir gemerkt, dass wir eigentlich nur an den Gardasee wollten, zu Marco und etwas essen. Das war der Fluchtpunkt, der Ort, wo man gerne ist, wenn man nicht arbeitet. Als "Infanta" dann ein Erfolg war, haben wir ein Rustico gesucht, aber nie etwas Passendes gefunden. Manchmal bin ich wegen einer einzigen Anzeige runtergefahren und dann war's wieder nichts. Irgendwann Anfang der Neunziger war ich verzweifelt und habe gesagt, wenn es jetzt nicht klappt, fahr ich nie wieder hin. Marco hat dann über einen Grappa-Freund das Grundstück in Torri gefunden. Das war immer schon mein Lieblingsort gewesen, den habe ich schon 1979 in "Ohne Eifer, ohne Zorn" beschrieben: die streunenden weißen Katzen und die müßigen Friseure, Ausschau haltend nach dem Nichts. Damals habe ich mir schon gedacht: In Torri müsste man leben. Das ganze Grundstück war ein dichter Hain, uralte Olivenbäume, die waren seit 30 Jahren nicht beschnitten worden. Auf den größten bin ich hinaufgeklettert - zum ersten Mal seit meiner Kindheit, dass ich so etwas gemacht habe - und konnte von oben den See sehen. Es war also ein Grundstück mit potentiellem Seeblick, und noch am selben Tag wurde es anbezahlt.

MERIAN: Schreiben Sie in Torri auch?

Kirchhoff: Ich schreibe immer, in Torri geht es aber entspannter zu als in Frankfurt. Mehr und mehr wird aber auch der Gardasee ein Ort der Arbeit: Ich beginne in diesem Jahr damit, unseren Garten und vor allem das Boot für Erzählseminare zu nutzen, weil ich erfahren habe, dass die Kraft, die von See und Landschaft ausgeht, sehr dabei helfen kann, die eigene Sprachfähigkeit zu steigern. Es liegt ein anderes Potential darin, als in der reinen Erholung, wenn man See und Landschaft als Herausforderung betrachtet, auf die sich alle Sinne einstellen müssen - so wie der Windsurfer den Wind nutzt, nutzen meine Frau und ich bei unserem Erzählseminar für Beobachten und Wiedergeben die Intensität der Umgebung. Aber ich bin nicht der erste Schriftsteller, dem Torri etwas bedeutet. Dazu noch eine Geschichte, die mich immer sehr berührt hat: Der große André Gide ist nach dem Krieg hierher gereist, um im Hotel Gardesana mit Blick auf den See zu sterben, aber es hat nicht geklappt, irgendetwas hat ihn noch einmal aufgerichtet ... Und darauf hoffe ich auch.

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Autor:
Peter Würth