Toskana Kultur, Natur und Temperament

Jahrelang habe ich versucht, die Toskana abzulehnen. So wie man ein Regierungsprogramm ablehnt oder eine Partei. Ich wollte auf keinen Fall zur Toskana-Fraktion gehören, und dies speziell, seitdem ich in Siena am Ende des Palios, des großen Pferderennens, mit meinem Auto gegen eine nicht gekennzeichnete Verkehrsinsel geprallt bin.

Seitdem pflegte ich meine Toskana-Animosität: Dieser Lokalpatriotismus! Diese mittelalterliche Kichererbsen-Küche, die sich seit den Belagerungszeiten nicht weiterentwickelt hat! Diese hinterhältigen, aus dem Nichts auftauchenden toskanischen Verkehrsinseln! All das versuchte ich mir ins Gedächtnis zu rufen, als ich vor Kurzem auf der Autobahn durch die Toskana fuhr. Aber es gelang mir nicht, denn gerade zog eine perfekte toskanische Hügelkette an mir vorbei. Als Gott die Hügel verteilte, da wählte er die anmutigsten, die ebenmäßigsten für die Toskana aus.

Kurz nach dem Abitur hatte ich Italien mit dem Auto durchquert, in vier Tagen von den Alpen bis nach Sizilien. Und ich erinnere mich genau, dass ich erst in der Toskana das Gefühl hatte, wirklich in Italien angekommen zu sein. Wegen der zypressenbestandenen Hügelketten im Gegenlicht. Das klassische Italienbild. Und obwohl ich heute seit vielen Jahren in Italien lebe und verbindlich bestätigen kann, dass auch das Trentino und Venetien italienisch sind, ging es mir genauso, als ich Italien vor kurzer Zeit erneut durchquerte: Kaum hatte ich die Poebene hinter mir gelassen, ging mir wieder das Herz auf. Weil ich am Rand der Autobahn keine Baumärkte, Outlets und sumpfigen Wiesen mehr sah, sondern Lavendelfelder und Olivenhaine, Weinberge und Festungsmauern.

Wieder musste ich daran denken, dass die Einzigartigkeit der Toskana in ihrer Harmonie liegt und in der Gewissheit, dass hier nichts dem Zufall überlassen wurde - sondern der Renaissance, den Medici, dem Humanismus. Auf diesem Boden entstand die Frage nach dem Wesen der Schönheit. Nach idealen Maßen und Proportionen. Und natürlich auch jede Menge solider, bis heute gültiger Feindschaften - Siena hasst Florenz, Lucca verabscheut Pisa. Aber dennoch: Es gibt kaum eine Landschaft in Italien, der man wie der Toskana ansehen kann, wie geschichtsträchtig, gebildet und humanistisch sie ist - und das selbst, wenn man sie nur auf der Autobahn durchquert.

Als ich noch versuchte, eine Toskana- Feindin zu sein, besuchte ich Lucca. Und verbrachte hier zehn Tage im Dauerregen. Es regnete jeden Tag. Es regnete jede Nacht. Regentropfen, groß wie toskanische Saubohnen. Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte es auch in geschlossenen Räumen geregnet, im Dom und in San Michele in Foro und im Puccini-Museum. Aber außer mir wunderte sich in Lucca niemand. Denn wenn in der ganzen Toskana ein einziger Regentropfen fällt, dann fällt er in Lucca, heißt es.

Die Graffiti der Liebeskranken

Ich besichtigte Luccas Kirchen (90 Stück!), besuchte das Klavierkonzert im Caffè da Sime und trank in der Apotheke chininhaltigen Kräuterschnaps (zur Bekämpfung der Malaria erfunden von der Farmacia Massagli). Vielleicht lag es am Kräuterschnaps und am Dauerregen, dass meine Toskana- Feindseligkeit langsam aufweichte.

Vielleicht habe ich Lucca auch so ins Herz geschlossen, weil die Stadt sich schon seit dem Mittelalter darum bemüht hat, anders zu sein als der Rest der Toskana. Gehörte es in Florenz, Pisa und Siena zur Tagesordnung, dass sich die Bewohner gegenseitig meuchelten, war der Bruderkrieg in Lucca verpönt. Legte man sich anderswo mit dem Papst an, baute man in Lucca Kirchen. In Lucca wird auch anders gesprochen. Das in der Toskana verbreitete Unvermögen, das "k" auszusprechen (hasa für casa), wird hier als höchst lächerlich empfunden und konnte sich nie durchsetzen.

Vielleicht lag es aber auch an den Graffiti der Liebeskranken. "Michaela, lass' uns zusammenbleiben, ohne dich kann ich nicht leben, ich liebe dich", flehte jemand vom roten Stein der Luccheser Stadtmauer. Kein Stadttor, auf das nicht ein "Mariella, gib' mir eine Chance!" passte. Keine Hauswand ohne Herz mit Pfeil, kein Mauervorsprung war zu schmal, als dass nicht ein schlichtes "Linda, ti amo" oder ein verheißungsvolles "Gabriella per sempre" Platz gehabt hätte. In anderen italienischen Städten kommen in Graffiti gewöhnlich außer Verliebten auch noch fanatische Fußballfans, politische Extremisten und Pornografen zu Wort. In Lucca aber wurde nichts anderes als die Liebe beschworen. Ich sagte mir: Ich bin zwar Toskana-Feindin, aber Lucca gefällt mir. Weil es weniger toskanisch ist.

Tapfer verteidigte ich die Reste meiner Gegnerschaft eine Zeit lang weiter. Aus Widerspruchsgeist. Und weil ich mich von der Mehrheit abgrenzen wollte. Schließlich gibt es kaum jemanden, der die Toskana nicht liebt. Ganze Landstriche wurden hier von Amerikanern aufgekauft, nachdem sie "Unter der Sonne der Toskana " gelesen hatten - einen Bestseller, der das Glück beschreibt, das die amerikanische Autorin beim Umbau eines toskanischen Bauernhauses fand. Jeden Sommer stürmen sie nun die aufgeräumten, toskanischen Dörfer, kaufen Italien-Sehnsucht in Tüten, Leberwurst im Designerglas und Marcello- Mastroianni-Kalender, belegen Schreibkurse für "Italian Writing" - in denen sie lernen, die beim Umbau eines toskanischen Bauernhauses gemachten Erfahrungen zu Blatt zu bringen - und lassen sich bei Weinverkostungen erklären, wie sich 15 Prozent Riesling auf den Chardonnay auswirken.

All das nahm ich mir vor zu schmähen, als mich das Schicksal nach Cortona verschlug. Hier findet jeden Sommer ein von Amerikanern organisiertes Musikfestival statt, das Festival del Sole. Ich war entschlossen, alles grässlich zu finden. Das Festival und Cortona sowieso.

Und dann stand ich am Fenster meines Hotels und musste schlucken. Nur weil ich gesehen hatte, wie Sonnenflecken in das Tal fielen, wie in der Ferne eine Ecke des Trasimenischen Sees glitzerte und Schwalben sich zirpend über moosbedeckte Dächerstürzten, über türkis schillernde Kirchenkuppeln und schwarze Zypressen. Und dann läutete darüber noch eine von den Jahrhunderten erschöpfte Kirchenglocke. Später saß ich in dem kleinen, abgeliebten, verstaubten Theater von Cortona, mit den alten Sitzreihen und dem leicht löchrigen Parkett und hörte, wie zwei amerikanische Operndiven lachten und mit russischen Musikern improvisierten, die aussahen wie in lila Seidenhemden gesteckte Bauarbeiter. Und mir war, als hätte mich Federico Fellini gerade mit den Fingerspitzenberührt.

Mit der Vespa ins Glück

Kurz darauf erhielt ich den Auftrag, die Toskana per Vespa zu durchqueren. Ich nahm den Auftrag sofort an, im Hinblick auf Transportmittel wie Vespas, Motorräder oder Alfa Spider bin ich absolut bestechlich. Außerdem erinnerte mich die Vespa daran, wie es war, als ich in der Toskana Italienisch gelernt habe, in Castiglioncello, einem kleinen Seebad südlich von Livorno.

Vormittags widmete ich mich den Feinheiten der entfernten Vergangenheit, dem passato remoto, und nachmittags fuhr ich mit einer Vespa durch die Gegenwart, nach Volterra, wo weißer Flieder aus den Mauern des römischen Theaters wächst, nach Pisa, wo vor der Piazza dei Miracoli Schürzen mit dem Gemächt des "David" von Michelangelo verkauft werden. Ich fuhr auch nach Bolgheri, wo ich mitten auf der Zypressenallee beim Umschalten die Kupplung zu schnell kommen ließ, weshalb die Vespa einen Sprung machte und mich unter sich begrub. Am Ende meines sechswöchigen Sprachkurses waren meine Beine voller Blutergüsse. Und ich sprach ein schönes Hoch-Italienisch, ohne "K"- Schwäche. Als mich ein Mann aus Verona mit dem für die Stadt typischen stimmlosen S ansprach, glaubte ich, dass er mit einem schweren Sprachfehler geschlagen sei. Aber er hatte schwarze Locken wie ein Etrusker, was mich über seinen sprachlichen Defekt hinwegsehen ließ.

Mit einem winzigen Rest von Toskana-Feindseligkeit im Gepäck fuhr ich also vor kurzer Zeit wieder los und bemerkte, dass die Vespas heute sehr einfach zu fahren sind. Das Schalten ein Kinderspiel, nichts lenkt von der Landschaft ab, von dem silbrigen Schimmer der Olivenbäume, dem Krächzen der Krähen und vom Duft der frisch geschnittenen Wiese und der Akazien. Und vom Wind, der so sanft über die Hügel streicht, als würde er das Gras bürsten.

Ich fuhr zu einem kleinen Weingut in der Nähe der Stadtmauern von San Gimignano, nach Montenidoli. Der Weg dorthin war etwas sandig, ich fuhr sehr vorsichtig, auch um Blutergüsse an meinen Oberschenkeln zu vermeiden. Am Ende des Weges stand eine schöne alte Frau, die mich mit schwarzen Augen anfunkelte. Ihre Haare waren schwarz und von silbernen Fäden durchzogen, und an ihren Turnschuhen klebte noch die Erde vom Weinberg, in dem sie seit dem frühen Morgen gearbeitet hatte.

Die Winzerin, die mit den Reben spricht

Jedes Mal, wenn ich ein Glas toskanischen Weins trinke, muss ich an sie denken, an die Winzerin Elisabetta Fagiuoli, die über ihre Weine sprach wie eine strenge Erzieherin über ihre Zöglinge: Ich mache vier verschiedene Vernaccia, und der hier, der Vernaccia Tradizionale, ist der brutalste! Und der rote, der Garrulo, der ist etwas geschwätzig, aber ich mag ihn, wie er ist!

Signora Fagiuoli legte Wert darauf, festzustellen, dass der Wein aus der Erde kommt, und nicht vom Önologen, so wie es Mode sei in der Toskana, weshalb viele toskanische Rotweine wie Marmelade schmeckten. Das erzählte sie, während sie mich über das Gut scheuchte, bis hin ins Allerheiligste, wo der Wein in Fässern aus Trüffeleichen reift und der Weinheilige Vincenzo über allem wacht - genau wie der marmorne Achilleus, eine griechische Statue, die der Vater von Signora Fagiuoli einst von der griechischen Regierung für Verdienste, die er sich im Krieg erworben hatte, geschenkt bekam. Der Achilleus steht nun in einem kleinen Tempelchen hinter den Stahlfässern des Weißweins; Signora Fagiuoli, die sehr stolz auf ihre alte Winzerfamilie ist, staubt ihn regelmäßig ab.

Als die Sonne tiefer stand, saßen wir bei mehreren Gläsern des brutalen Vernaccia und des geschwätzigen Garrulo, und Signora Fagiuoli erklärte, dass weder Pestizide noch computergesteuertes Keltern in Montenidoli zum Einsatz kommen. Stattdessen hält sie mit dem Wein Zwiesprache wie mit einem Wesen.

Auch ich lauschte ihr wie hypnotisiert, als sie von den Tränen des Bacchus erzählte und von den Abdrücken der versteinerten Muscheln, die sie täglich in der Erde fand - weil einst das Meer das Tal von San Gimignano bedeckte. Elisabetta hatte alle im Griff, die albanischen Landarbeiter, ihren Ehemann - und jeden Besucher, der sich nach Montenidoli verirrte. Allen gab sie das Gefühl, immer schon mit ihr verwandt gewesen zu sein. Und ich schämte mich für jeden einzelnen antitoskanischen Gedanken, den ich je gehegt haben sollte. Eine Landschaft, die solche Menschen hervorbringt, muss man lieben.

Vorsichtig und leicht angeheitert fuhr ich den sandigen Weg nach San Gimignano zurück. Und als ich auf der Piazza im Schatten der Geschlechtertürme saß, war mir, als hätte ich eine alte Liebe wiedergetroffen. Eine alte Liebe, die einst Zeuge meines intimsten Wunsches geworden war: immer in Italien zu leben. Die Toskana ist an allem schuld.

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Autor:
Petra Reski