Südtirol Im Ahrntal bleibt was zählt

Aus unserer ersten Zeit in Weißenbach werden in meiner Familie gern zwei Episoden erzählt, die uns beide auf ihre Weise erstaunten. Einmal ging es um die Grenze zum Nachbarn: Es gab dort keinen Zaun, nur einen elektrischen Hütedraht, aufgestellt von einem Bauern, der unsere Wiese nutzte. Als wir bemerkten, dass diese Schnur ein paar Meter zu weit auf unserer Seite der Grundstücksgrenze verlief, glaubten wir an ein Versehen. Aber was für ein Irrtum! Der Mann hatte diese Linie gewählt, damit der Draht nicht dem Nachbarn ebenfalls nütze. "Der soll selber einen aufstellen - oder seine Kühe hüten." Ein anderes Mal mussten wir beim Wandern eine Almwiese überqueren, auf der ein Stier graste. Ängstlich fragten wir den Senner, ob das Tier auch nichts tue, worauf er antwortete: "Nein, nein. Der rempelt euch höchstens ein wenig an."

Es schien nicht unbegründet, dass die Ahrntaler bei uns Städtern aus Bruneck als ein wenig eigen galten. Das Tauferer Ahrntal zieht sich von Bruneck aus Richtung Norden, bis zur österreichischen Grenze; zunächst ist es weit, doch hinter Sand in Taufers wird der ebene Boden manchmal knapp. Weißenbach liegt am Ende eines kleinen Nebentals. Als meine Familie dort ein kleines, heruntergekommenes Bauernhaus kaufte, war ich vier Jahre alt: Seitdem habe ich unzählige Wochenenden und Ferientage dort verbracht, und wenn mich heute jemand fragt, wo es in Südtirol am schönsten ist, antworte ich ohne zu zögern: im Ahrntal.

Unser Haus ist ein paar hundert Jahre alt und wie die Gehöfte in den Wiesen ringsum im Erdgeschoss gemauert und darüber aus dunkel verwitterter Lärche. Nachts knarzt das Holz so laut, dass es sogar das Rauschen des "weißen" Baches übertönt, der schäumend und eisig, von Gletschern gespeist, ganz in der Nähe vorbeifließt.

Heimisch wurden wir in Weißenbach vor allem dank Heinrich. Ich weiß nicht, wie diese Bekanntschaft zustande kam, doch von dem sehnigen, bedächtigen Bauern erhalten wir alle Arten Ratschläge und Hilfe. Heinrichs kleinen Hof am Waldrand trifft im Winter vier Monate lang kein Sonnenstrahl, was seine zerbrechliche Frau Zilli ausgleicht, indem sie den gemauerten Stubenofen ständig so glühend heiß hält, dass wir uns, kaum hinter der Tür, Pullover und Jacken vom Leib reißen.

Von Zilli kaufen wir Eier. Ungewöhnlich kleine Eier oft, denn Zilli, die ihr Herz für eine Bäuerin zu sehr ans Vieh hängt, hegt und pflegt selbst die ausgelaugtesten Hühner, bis sie eines natürlichen Todes sterben. Auch selbst gebackenes Brot bekommen wir von Zilli. Dunkle, dichte Laibe, die sie mit viel "Zigeunerkraut" würzt, und an Sommerabenden, wenn im letzten Licht die Wiesen sattgrün leuchten, ein blauer Schimmer über dem schattigen Wald liegt und man auf den Bergen jeden Felszacken zu erkennen meint, lädt sie uns manchmal zu Schmarrn mit frischen Blaubeeren ein. Die Beeren pflückt Heinrich auf hoch gelegenen Lichtungen, über deren Lage er nur sehr ungefähre Angaben macht. Heinrich steht nach dem Essen nie vom Tisch auf, ohne sich mit den Worten "gut ist es gewesen und genug haben wir gehabt" zu bedanken. Wenn er bei Laune ist, erzählt er uns abenteuerliche Geschichten vom Wildern.

Vielleicht hat es mit diesen Geschichten zu tun, jedenfalls gelten bei uns in der Familie die Ahrntaler vor allem als ein unerschrockener Menschenschlag; außerdem halten wir sie für gescheit und arbeitsam, und wir bewundern die peinliche Sauberkeit der Gehöfte. Kaufen wir bei einer Bäuerin Butter, ruft meine Mutter nachher jedes Mal begeistert aus: "Hast du gesehen:Vom Boden könnte man essen!" Daran muss ich denken, als ich vor dem Gasthaus "Kofler zwischen den Wänden" stehe. Wo immer Platz dafür war, wurden Blumenkästen angebracht, am Stall lehnt ein Stapel wunderbar akkurat gespaltener und geschichteter Scheite, in einem Beet blühen Rosen, der Lattenzaun vor dem Haus ist auf die alte kunstfertige Art mit Zweigen zusammengeflochten. Dahinter fällt die Wiese fast senkrecht ab. "Steil?" Christina Hecher wirft einen Blick hinunter, es wirkt, als gebe sie sich Mühe, die Sache mit meinen Augen zu sehen. "Ja, das ist es wohl; aber mir kommt es so steil gar nicht vor." Christina Hecher ist groß geworden auf diesem Hof, der sich "zwischen den Wänden" an eine Felsplatte krallt. In der Tiefe unten kann man die Straße nach Rein ausmachen, gegenüber erheben sich schroffe Bergflanken.

"Wenn eine Landschaft solche Menschen hat, ist das unbezahlbar"

Bevor im Jahr 2000 die Straße von Ahornach herauf gebaut wurde, galt der Kofler als einer der unzugänglichsten Höfe Südtirols. "Im Winter sahen wir hier oben wochenlang niemanden. Und zur Schule gingen wir eine Stunde zu Fuß". Als sie die Schule beendet hatte, lebte Christina Hecher viele Jahre im Tal; erst 1994 zog sie wieder herauf, mit Mann und kleinen Kindern, damals führte die Straße schon bis zum nächsten Nachbarn, eine halbe Stunde Fußweg entfernt. "Zurückzukommen war schwierig - im Tal ist ja alles so leicht! Hier hört die Arbeit nie auf. Aber meine Mutter war gestorben und hier oben musste es weitergehen. Mein Mann war einverstanden; und ich weiß ja von klein auf, was Arbeit ist."

Mit Hilfe ihrer Schwester betreibt Christina jetzt einen florierenden Buschenschankbetrieb, die Zimmer für acht Gäste sind ausgebucht von April bis November. "Durch die Straße hat sich alles zum Guten gewendet." Sie führt uns in die Gaststube, deren Wände voller Geweihe hängen, Jagdtrophäen von Christinas Vater und vom Großvater, der an diesem Platz den Hof kaufte, "weil hier sein Geld ausreichte", wie Christinas Vater sagt, ein helläugiger, großer Mann, noch immer ein begeisterter Jäger. Er verwendet den bei Bauern gebräuchlichen Ausdruck "eine Heimat gekauft". Vielleicht liegt darin schon die ganze Erklärung für die Beharrkraft.

Das Wild hat die Familie früher vor Hunger bewahrt, heute landet es in selbst gemachten "Kaminwurzen" für die Gäste. Auch Graukäse macht Christina Hecher selbst, eine traditionelle Sorte aus Magermilch, außerdem Butter, Säfte aus Holunderblüten, Äpfeln, Johannis- und Himbeeren. Doch nichts erschöpft sie so, wie wenn sie ausnahmsweise zweimal am Tag für Besorgungen ins Tal hinunter muss: "Dann bin ich von der Hektik da unten fix und fertig." Die 14-jährige Tochter antwortet auf die Frage nach einer Zukunft hier oben mit vielsagendem Augenrollen. Doch Christina hofft auf einen Sinneswandel, wie er bei ihr eintrat. "Auch ich habe jahrelang gesagt: bloß nicht mehr Bäuerin sein, nie mehr auf die Höhe hinauf!"

Als die Straße gebaut wurde, hörte sie die Leute manchmal die vermeintliche Verschwendung beklagen: Für nur einen Hof eine Straße! Gescheiter wäre, ihnen eine Wohnung im Tal zu geben! Die blauen Augen in Christinas offenem Gesicht schauen staunend über so viel Unverständnis. "Wir wären doch auch ohne die Straße hier oben geblieben. Das hier einfach aufgeben - das kann man nicht."

"Wenn eine Landschaft solche Menschen hat, dann ist das unbezahlbar", sagt der Extrembergsteiger Hans Kammerlander, den ich ein paar Tage später treffe. Kammerlander, ein jungenhafter Mann von 50 Jahren, lebt in Ahornach, seinem Heimatdorf, wo er sich ein Haus in tibetischem Stil gebaut hat.

Kammerlander stammt selbst aus einer Bergbauernfamilie. Er ist überzeugt, dass die Arbeit auf dem Hof, die keine Ausreden und keinen Aufschub erlaubt, ihm als Junge Durchhaltekraft anerzog - die man braucht, um 13 Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff zu besteigen. Noch heute hilft er dem Bruder auf dem Feld, wenn er von einer Expedition zurückkommt: "Das ist meine Brücke in den Alltag." Nach langer Abwesenheit sieht er das Tal jedes Mal mit frischen Augen. "Dann frage ich mich manchmal:Warum fährst du eigentlich so oft weg?"

Obwohl sie alpinistisch längst keine Herausforderung mehr darstellen, schwärmt Kammerlander immer noch von seinen heimischen Bergen; vom Blick, den er beim Sonnenaufgang vom Moosstock hinter seinem Haus hat: die Zillertaler im Norden, die Rieserferner im Osten, im Süden die Dolomiten.

Würde man von der Kasestatt-Alm noch höher steigen, dann sähe man auch den Ortler, die Drei Zinnen und die Marmolata, sagt der Senner Ernst Steiner. Mich lockt er damit nicht mehr. Der Steig zu ihm herauf war steil genug. Nach dem Regen der letzten Tage sind wir mehr als eine Stunde im Rauschen unzähliger angeschwollener Wasserläufe und in dichtem Nebel gegangen, der uns jetzt wie ein flauschiger weißer Teppich zu Füßen liegt. Darunter verborgen, in Mühlwald, steht der Hof, von dem Steiner im Mai mit seinen Kühen aufbrach.

Er ist gerade beim Buttern, als wir kommen. Während er die glänzende, gelbe Masse in die Holzformen streicht, schildert er uns seine Tage, die um viertel nach vier am Morgen damit beginnen, die Kühe zu putzen und zu melken und um neun oder zehn am Abend enden. "Bis dahin ist eigentlich immer etwas zu tun, die Stunden gehen schnell vorbei."

Er hat fertig gebuttert. In metallenen Bechern schenkt er uns frische Buttermilch ein, dann spült er mit heißem Wasser aus dem großen Kessel über dem Feuer die Geräte. Außer der Feuerstelle gibt es in dem niedrigen Raum unter rußgeschwärzten Dachbalken einen kleinen Tisch, eine umlaufende Bank, ein paar voll gestellte Wandborde. Eine Tür führt in die winzige Schlafkammer, in der der Senner auch die Vorräte lagert. Das kleine Fenster dort hat kein Glas. "Wenn es sehr kalt ist, nehme ich die Hose und Socken abends mit unter die Decke." Sehr kalt ist es oft. Die Temperatur fällt auch im Juli nachts häufig auf minus zehn Grad. Jeden Sommer kommen etwa ein Dutzend Besucher auf die Kasestatt-Alm. "Die sagen dann:Wie schön hast du's hier." Steiner lacht. "Aber sie kommen ja nur bei schönem Wetter!" Ihm gefällt das Almleben. "Ich bin wie das Vieh: Im Frühling geh ich gern herauf, im Herbst gern wieder hinunter."

Er fängt an, Knödel für das Mittagessen zu kochen und lädt uns ein dazubleiben. Er freut sich über Gesellschaft. Früher waren hier oben vier Almen bewirtschaftet, da saß man manchmal zusammen, jetzt ist er allein. Hütebuben, wie er einer war und auch Hans Kammerlander, gibt es heutzutage nicht mehr. Dafür wird auch die Kasestatt bald eine Straße bekommen, beim Abstieg hören wir die Baumaschinen im Wald.

Ja, das Ahrntal hat sich verändert, natürlich, wie alle Täler. Für die Touristen wurde gebaut, es gibt jetzt Rafting und Outdoor-Camps, in Weißenbach gibt es statt eines Gasthauses fünf. Angesichts der Neuerungen fühle ich bei meinen jetzt seltenen Besuchen manchmal eine leise Angst in mir aufsteigen: Werde ich den Zauber von früher noch finden? Doch nach wenigen Stunden bin ich jedes Mal beruhigt. Alles, was zählte, blieb gleich.

Schlagworte:
Autor:
Barbara Baumgartner