Fast Lane Eine Stadt, die Zärtlichkeit braucht

Am vergangenen Sonntag fiel es schwer, Italien zu verlassen und den Übergang in die Arbeitswoche zu schaffen. Zwar war ein Teil des Wochenendes, zumindest rein formal, der Arbeit gewidmet; wenngleich ein Treffen mit der Regierung der Provinz Ligurien in Badekleidung bei einem Glas leichten Piemonteser Weißwein nicht gerade eine Mühsal ist. Das Gros des Wochenendes verbrachten wir allerdings damit, versunken geglaubte Shops wieder zu entdecken, Eissorten durchzuprobieren, einen Schatz unverkaufter Ware aus den Siebzigern in einem eleganten Geschäft im Herzen Genuas aufzufinden, Focaccia zu essen, zu schwimmen und tagzuträumen.

Von einer Liege im Bagni Sillo, versteckt hinter der Stadt Nervi gelegen, blickte ich dann über das Mittelmeer und stellte mir vor, wie dieser kleine Abschnitt Europas ausschauen könnte, wenn man ein paar grundlegende (wenngleich nicht ganz einfache) Anpassungen vornehmen würde.

Nach Westen blickend begann ich am hinteren Ende Genuas und dessen kleinem Flughafen. Wenn es eine Stadt gibt, die sich auf ein großes Erbe in Sachen Transport und Beförderung berufen kann, dann ist es diese. Einen Flughafen am Rande der Innenstadt zu besitzen, der dazu noch Cristoforo Columbo heißt, ist schon mal ein guter Anfang - aber das allein reicht nicht.

Eigentlich ist Genua erbärmlich an das restliche Italien und das restliche Europa angebunden; schlecht für eine Stadt, die einst das Zentrum der ganzen Welt war. Die städtischen Behörden unternehmen wenig, die Vorzüge Genuas großen und kleineren Airlines anzupreisen. In den richtigen Händen könnte die Stadt ein Business-orientierter, brummender und besserer Ort am Mittelmeer sein als Nizza.

Eine unverbrauchte Gruppe junger Architekten könnte den Auftrag erhalten, einen neuen Flughafenterminal zu bauen; vielleicht sollten die Leute vom Changi Airport in Singapur es führen. Zudem könnte eine Reihe von Airline-Bossen mit nachweislicher Erfahrung auf Kurzstrecken einige der lokalen Reeder-Familien überreden, in eine Handvoll umweltfreundlicher Flugzeuge zu investieren (der neue Mitsubishi Regional Jet würde ziemlich sexy aussehen mit einem Anstrich in Weiß, Blau und Gelb). Damit könnte man eine neue Airline betreiben, um Geschäftsreisen und Touristen mit diesem irgendwie verblassten Hub zu verbinden. Vielleicht könnte Genua ja, wie ich dies bereits mal vorgeschlagen hatte, sogar die Basis für die zentrale Airline des Mittelmeeres werden?

Für ein bisschen Anschauungsunterricht bräuchte die Nummer eins in der Region nur die Küste hinunter zu blicken, um zu sehen, was Barcelona mit Spanair anstellt (über ein Konsortium hält die Stadt Anteile an Spaniens zweitgrößter Fluggesellschaft). So könnte man zumindest sicherstellen, dass Genua ein wenig Kontrolle über den lokalen Flugverkehr auf seinem jüngst erweiterten Airport besitzt.

Fluggäste könnten zudem einen speziellen Wassertaxistand nutzen, um auf direktem Weg nach Portofino zu gelangen, anstatt mit dem Auto über verstopfte Straßen kriechen zu müssen. Stellen Sie sich vor, wie viel bequemer ein Wochenendtrip wäre, wenn Sie ein gut ausgestattetes Flugzeug verlassen, direkt auf ein wartendes Boot der Marke Toy Marine 36 umsteigen und 20 Minuten später in Recco ein fiocaccia formaggio genießen könnten. Alternativ dazu könnte ein neues Zugsystem Gäste und Einheimische vom Airport in weniger als drei Minuten in die Innenstadt bringen.

Wenn der Flughafen Cristoforo Colombo also eine Chance ist, die ihrer Realisierung harrt, dann ist das Schienennetz der Trenitalia Liguria eine lokale Peinlichkeit, die eines dringenden operativen Eingriffs bedarf. Während an einigen Ecken Italiens in pünktlichen, gut aussehenden Züge alles glatt läuft, muss man die Liguria davon ausnehmen: Stinkend, abgerockt und übersät mit Graffiti innen und außen, unternimmt das rollende Inventar von Trenitalia wenig, Passagieren die Fahrt auf Schienen schmackhaft zu machen. Weder fühlt man sich besonders willkommen, noch wird einem hier die Hochgeschwindigkeitsversion des dolce vita angeboten. Der Punkt, an dem jeder Nutzer die Zugwagen akzeptabel finden könnte, ist längst überschritten ist. Und ein neuer Betreiber müsste den Service Trenitalia entreißen und Ansprechendes anbieten: Fenster, die sich öffnen lassen, um die Seeluft hereinzulassen, oder einen anständigen Speisewagen sowie vernünftige Sitze zum Dösen.

Das wahrhaftige Genua bräuchte eine spezielle Tageszeitungsrubrik, um seine Vergangenheit zu feiern und ein Manifest seiner Zukunft zu publizieren. Ich habe ja schon mal einige Ideen für diese Stadt entworfen, aber die Rallye-artige Tour im Polo meiner Freundin Carina hat mich am Wochenende davon überzeugt, dass die Stadt zügig jenem Punkt entgegenstrebt, an dem sie dauerhaft abrutschen wird. Dann wird sie ein Ort des Welterbes sein - ohne Relevanz auf regionaler und internationaler Bühne.

Es wäre eine große Schande, wenn man dies zulassen würde. Gleichwohl scheinen die Dinge sich langsam in diese Richtung zu entwickeln. Ein Hafen, der ein Schauplatz für die beachtlichen maritimen Errungenschaften des Landes sein könnte, ist ein Chaos aus schlecht durchdachter Planung und Mangel an Vision. Der erstklassige Standort am Konferenzzentrum sollte eigentlich das Tor der Stadt zum Mittelmeer bilden - tatsächlich ist er verfallen und übersät mit Müll. Und noch dazu findet man Graffiti an allen nur verfügbaren senkrechten Oberflächen, das auf eine Stadt hindeutet, die weder einen Vater, einen Patron noch einen Liebhaber hat.

Aus einer nationalen Perspektive betrachtet kann Genua entweder nach Süden blicken und es sich erlauben, ein zweites Neapel zu werden (dekadent, zerfallend, wild - aber kein Player). Oder aber Genua blickt nach Norden, Richtung Turin, und beginnt endlich damit, seinen Kram auf die Reihe zu bringen; die Hauptstadt des Piemonts hat Kultur und Kommerz eingesetzt, um wieder zurück ins Spiel zu finden und Investoren und Talent anzuziehen. Genua hat jede Menge Charme, sieht gut aus, aber es fehlt an einer dynamischen Persönlichkeit, die Stadt wieder auf den adäquaten Kurs zu bringen.

Übersetzung: MERIAN.de

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Tyler Brûlé