Sizilien Eine italienische Hochzeit bei Ausbruch des Ätna

Ich habe das immer irgendwie für bescheuert gehalten, dass die Italiener kollektiv im August Urlaub machen und dann auch noch vorzugsweise in Italien. Weil es für mich einer Horrorvorstellung gleich kommt, im Urlaub nur meinen Landsleuten zu begegnen, die mir doch schon zu Hause gehörig auf die Nerven gehen. Andererseits hat das Verhalten der Italiener natürlich fundamentale Vorteile, jedenfalls für mich, wie sich jetzt, im August, auf Sizilien, herausstellte: Man trifft dort tatsächlich fast nur auf Italiener und kaum auf andere Touristen, was einem endlich die Illusion vermittelt, nach der die meisten immer nur in der Pampa von La Gomera oder den Kapverden suchen und dann doch nicht finden, weil irgendein deutsches Pärchen genauso schlau und verwegen war und dem Geheimtipp im Reiseführer bis zum einsamsten Wipfel der Insel gefolgt ist.

Wir waren auf einer Hochzeit in den Bergen der Provinz Palermo eingeladen, etwa 50 Kilometer Luftlinie von Corleone entfernt, was unsere Bekannten im Vorfeld zu kreativen Höchstleistungen trieb. Von "kugelsichere Schwimmweste nicht vergessen!", bis "Wenn die Band mit den Gitarrenkoffern anrückt - abhauen!", oder "Was schenkt ihr? Schutzgeld?", war alles dabei. Dass Mario Barth bei uns ganze Stadien füllt, wundert mich jetzt eigentlich doch nicht mehr.

Irgendetwas ansatzweise Verdächtiges (ein Pater, der die Kirche mit vollem Gewand betritt und mit dunkler Ray Ban wieder verlässt, zählt wohl kaum) ist natürlich nicht passiert, dafür etwas viel Besseres: Der Ätna ist ausgebrochen. Also nicht richtig natürlich, er spuckte nur ein bisschen, aber das wussten wir ja während der Hochzeitsfeier auf einem alten Gut nahe dem Bergdorf Caltavuturo nicht. Jedenfalls riefen ein paar aufgeregte Angehörige aus Deutschland an, weil es der spuckende Ätna dort offensichtlich bis in die Abendnachrichten geschafft hatte und der Flughafen von Catania bereits gesperrt war, was die einen insgeheim von einer arbeitnehmerfreundlichen Verlängerung des Aufenthalts aufgrund der nächsten Aschewolke träumen ließ, andere - die heimlichen Katastrophenjunkies - sahen in der Ferne bereits glühende Lavaströme, obwohl es dort allenfalls ein bisschen dampfte.

Aufgekratzt von solch monumentalen Ereignissen fuhren wir nicht direkt nach Noto, sondern beschlossen, uns noch schnell die spätrömische "Villa Casale" mit den berühmten "Bikinimädchen" anzuschauen. Wirklich beeindruckendes Mosaik, sollte man sich unbedingt einmal anschauen, vielleicht wenn gerade nicht 40 Grad Celsius unter der Gewächshaus ähnlichen Schutzstruktur herrschen, was selbst Sizilianer zu sehr viel Fluchen und verstärktem Granita-Verzehr treibt. Die nächsten Tage verbrachten wir daher fernab jeglicher Kultur am Strand von Lido di Noto und fielen dort nicht nur der Hautfarbe wegen deutlich als Nicht-Italiener auf: Die wissen nämlich, im Gegensatz zu uns, dass man lieber mehr als 20 Euro in einen Sonnenschirm investiert, damit er dann auch leichte Böen übersteht. Vor allem wissen sie, wie man den Schirm so ausrichtet, dass der Schattenkegel größer als eine Frisbeescheibe ausfällt. Aber auch das hatten wir mit dem dritten Exemplar drauf.

Was wir ebenfalls schnell lernten: Zwischen 13 und 16 Uhr wird der Schirm schön wieder eingeklappt. Um diese Zeit bleiben nur ein paar versprengte Jugendliche am Strand zurück, die ihren Chefplatz direkt neben der Bar nicht aufgeben wollen. Alle anderen sitzen vorzugsweise bei Odysseus in der "Hosteria del mare" und essen Vor-, Haupt- und Nachspeise. Was ihre Körperausmaße angeht, sind Italiener also bemerkenswert entspannt, auch wenn das in einem umgekehrten Verhältnis zur gewählten Größe der Bikinis und Badehosen steht. Irgendwie macht sie das aber noch sympathischer; für Hochschwangere wie mich im Besonderen. Von mir aus, dachte ich in einem sehr glücklichen Moment auf das tiefblaue Meer dösend, kann die deutsche Presse noch ein paar mehr "Ciao Bella"-Geschichten machen, dann bleiben wir wenigstens auch in Zukunft so schön allein unter Italienern.

Das Erwachen kam am späten Nachmittag in Gestalt eines Sonnenschirms in Festzeltgröße, der, als er fertig installiert war, nahezu bündig mit meinem Handtuch abschloss. Darunter saß eine 12-köpfige Familie, die wie Italiener aussahen und auch so hießen (Francesco und Frederico waren dabei, alle anderen fingen mit Sicherheit auch mit "F" an), sich nur leider nicht wie Italiener anhörten. Diese Familie der zweiten oder sogar dritten Einwanderergeneration sprach breitestes Rheinisch und legte am Strand von Lido di Noto einen vielbeachteten Auftritt hin. Ein etwas jähes Ende für diesen Urlaub, aber guter Stoff für eine Fortsetzung von "Man spricht deutsch". Die ist ohnehin überfällig, ich komme darauf zurück.

Autor:
Silke Wichert