Italien Die Stadt der bescheidenen Millionäre

Wer nach Lucca kommt, der will zur Mauer - zur alten Stadtmauer, die sich bis heute vollständig um die Innenstadt zieht. Zwölf Meter ist sie hoch, wunderbar kann man dort oben spazieren gehen, seit eine kluge Herzogin vor fast 200 Jahren eine Allee aus Pappeln und Platanen pflanzen ließ. Jahrhundertelang hat die Mauer Feinde und das Hochwasser des Serchio abgehalten - und gleichzeitig die ein oder andere Eigenwilligkeit der Bewohner kultiviert.

Was sofort auffällt, ist ein ausgeprägter Sinn für Ordnung. Auf Flyern und in gleich fünf Sprachen informiert der Bürgermeister über das Verbot der Taubenfütterung und droht Widerspenstigen bis zu 500 Euro Buße an. Und ob man vor dem Geburtshaus Giacomo Puccinis steht oder vor der romanischen Fassade von San Michele in Foro - überall zuckeln Reinigungsfahrzeuge so schnell hin und her, dass den Wischspuren kaum Zeit zum Trocknen bleibt.

Auch vor dem Palazzo Guinigi ist gerade ein Straßenkehrer bei der Arbeit. Der rote Backsteinbau in der Via Sant' Andrea stammt aus dem 14. Jahrhundert, erbaut wurde er von einer der führenden Patrizierfamilien der Stadt, die bis 1799 eine unabhängige Republik war. Zum Zeichen ihrer Macht ließen die Guinigi an ihren Palazzo einen 41 Meter hohen Turm bauen, den heute Besucher besteigen können. Von dort hat man den besten Ausblick über Lucca, staunt über die vielen Gärten und Höfe und kann in Ruhe das schachbrettartige Straßenmuster studieren, das auf die Römer zurückgeht. Einen Sonnenstich muss man hier oben nicht fürchten - auf dem Dach wachsen mehrere Eichen und geben reichlich Schatten.

Mit wachsendem Wohlstand nimmt der Exhibitionismus ab

Eine weitere Eigenwilligkeit der Stadt: Man sieht ihr ihren Reichtum nicht an. Anders als im restlich Berlusconi-Italien nimmt hier mit wachsendem Wohlstand der Exhibitionismus ab. Schon im Mittelalter wurde Lucca reich durch Seide, heute ist die Stadt bekannt für ihre Papierfabriken. Und das Olivenöl, das in der Provinz produziert wird, gilt als eines der besten der Welt. Zum Wohlstand der 85.000-Einwohner-Stadt tragen auch die Auswanderer bei, die in ihren neuen Heimatländern oft Karriere in Wirtschaft und Politik gemacht haben.

Die Familie von Panamas Präsident Ricardo Martinelli etwa stammt aus Lucca, und der Maccioni-Clan betreibt einige sehr exklusive Restaurants in New York, Las Vegas und Mexiko-Stadt. Die Auswanderer fühlen sich Lucca nach wie vor verbunden und bringen viel Geld hierhin zurück. "Ihre Einlagen betragen zwei Milliarden Euro", sagt Domenico Tani, Lokalreporter bei Il Tirreno - angelegt sind diese Summen bei den mehr als 60 Banken der Stadt.

Auf den sanften Hügeln rund um Lucca stehen mehr als 400 Villen, von denen manche für 50.000 Euro pro Woche vermietet werden, erzählt Tani weiter. Die Sängerin Milva, die seit Jahren nicht mehr öffentlich auftritt, gebe dort Privatkonzerte - für 40.000 Euro. Ein Detektiv berichtete Tani vor kurzem, dass er im Auftrag eines greisen Millionärs dessen 25-jährige Geliebte beschatten sollte. "Sie ist eine Zuckerfrau zum Versüßen der letzten Jahre. Für 300.000 Euro hat er ihr ein Apartment gekauft, für 80.000 Euro ein Auto. Einen Seitensprung aber hätte er nicht ertragen." Den Geld-Adel erkenne man hier nicht an Goldkettchen oder Ferraris, sondern an Polohemden und Segelschuhen, breitbeinig Fahrrad fahrend, sagt Tani. Man muss sich nur ein bisschen in den Gassen der Altstadt oder unter den Bäumen auf der Stadtmauer umsehen, dann erkennt man die Reichen schnell - sie sind überall.

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Autor:
Ulf Lüdeke