Sizilien Die engen Gassen von Taormina

Im Gedächtnis, aber auch im wahren Leben erscheint Taormina als eine einzige Serpentine, die an der Autobahnausfahrt zwischen Catania und Messina beginnt, um sich um den Monte Tauro herum nach Castelmola zu winden. Auf mittlerer Höhe zweigt der Corso Umberto I. ab, einer der bekanntesten Boulevards der Welt.

Vom Corso führt eine randvolle Gasse in östlicher Richtung zum Teatro Greco, der imposanten, seit Ewigkeiten und immer noch bespielten Ruine des antiken Theaters. Das ist Taormina. Eine Berg- und Touristenstadt mit 10.000 Einwohnern, von deren Höhen aus man tags den Ätna und abends das Flimmern der Ostküste Siziliens genießen kann - Gründe genug, um an diesem Ort unablässig glücklich und verwundert sein zu können.

Taormina ist die Stadt, die mit dem Berg kämpft wie Venedig mit dem Wasser. Je hermetischer der Berg sich gibt, desto mehr fordert er die Kraft, die Finesse der Architekten und Maurer heraus. Sie bohren und meißeln sich in den Fels auf Teufel komm raus. Die Stadt ringt dem Berg ihr Territorium ab. Darum sind die Straßen eng, es gibt kaum Bürgersteige.

Der Corso Umberto ist unverfehlbar. Ein Kilometer sattes Leben zwischen Süd und Nord, Porta Catania und Porta Messina. Der ewige Strom der Touristen. Laden an Laden. Ich brauche nichts, schreit die Seele, aber das werden wir uns vielleicht noch anders überlegen. An der Westseite begrenzen die Kirche San Giuseppe, der Torre del'Orologio, der Uhrturm, und zwei Straßencafés den begnadeten Platz. Ein eisengrauer Radrennfahrer mit harten Muskeln stürzt auf den Stufen der Bibliothek einen Vitamindrink in seinen ausgepowerten Leib. Ein Mandolinespieler klimpert sizilianische Weisen, Schuljungen schauen einem Maler mit imposantem Schlapphut auf die Finger, der vor Publikum nur umso pedantischer seine Striche setzt.

Und hinter allem ist Meer. Man kann es sehen, es ist von einem makellosen abgründigen Blau, aber es stellt sich heraus, dass es schwer ist, an den Strand und ins Wasser zu gelangen. Jenseits des Corso werden die Straßen zu Treppen und Stiegen, die Wege inoffizieller und die Einblicke intim. Eine Voliere mit Pfauenvögeln, ein Käfig, das Schild: "In diesem Haus sind alle nervös, auch die Katzen." Frische Leibwäsche auf der Leine.

Man sucht das Meer und findet den Friedhof. Nachdunkelndes Marmorweiß ist hier die Farbe der Trauer und der Besinnung. Nicht ohne Betroffenheit erblickt man eine Art überdimensionierten Steinschrank, in den die Gräber mit den sterblichen Überresten wie Fächer eingelassen sind; an anderer Stelle Gräber mit würdigen Grabsteinen und solche, die wie kleine Kapellen zu Ehren des Toten anmuten. Das Geld umgibt den Menschen im Leben wie im Tod. Den einen mehr, den anderen weniger.

Die Bergstadt ist eine Herausforderung für Senioren, die sie mit ungeahnter Lebenslust annehmen. Hut ab vor diesen Menschen, die dauernd den Rinnstein verfehlen und ihren Camcorder fest umklammert halten. Noch einmal Taormina sehen, ehe auch wir in ein Fach geschoben werden. Einheimische, die auf Motorrollern die Höhen der Stadt erklimmen. In ihren alten Gesichtern, selbst in ihrer Körperhaltung sind Anflüge von Selbstironie unverkennbar. Eine denkbare Form, alt zu sein.

Der Ätna als perfekte Kulisse

Überraschend taucht das Teatro Greco am Ende einer bedrängend engen Ladenstraße auf. Es ist Woche der offenen Tür, das bedeutet freien Eintritt. Bustouristen bekommen davon nichts mit. Einzelreisende sind zunächst enttäuscht. Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Das ändert sich, sobald die Stufen erklommen sind und der obere Bogengang erreicht ist. Im Rücken Steilküste und Meer. Zu Füßen die Zuschauerbänke, ganz unten der Bühnenraum. Beeindruckend ist gerade der Zustand des Versehrten. Risse, Lücken, kompakte Mauern, die auf einmal abbrechen. Und der Ätna als Kulisse oder gar Akteur.

Hier wurden griechische Tragödien gespielt, fanden römische Gladiatorenkämpfe statt. Zeitsprünge sind Leichtigkeiten. Heute kann man Bellinis, des Mannes aus Catania und "Norma" erleben oder Vivaldi-Konzerte. Es ist die Stunde der Fremdenführer. Sie blühen auf. Ihr Singsang wird zum Heldengesang. Das Pathos bekommt wieder Boden unter die Füße. Leichthin bewältigen Senioren, die ihre Gebrechlichkeit vergessen haben, die nicht unproblematischen Stufen. Der Nachhall des Griechentums macht alle jung. Was uns am meisten zum Glück fehlt, ist eindeutig die Antike.

Abends im Hotel glückliche Urlauber. Paare, Familien. Eine Singlefrau im frontalen, hingebungsvollen Kontakt zur Abendlandschaft. Der Blick wird angezogen vom Lichterstreifen der Küste. Es ist ein unablässiges Flimmern, eine, so paradox es klingt, besänftigende Unruhe; alles lebt, alles bewegt sich. An einer Wand Bilder, Fotos, Zeichnungen aus dem Familienleben der Hoteliers. Man kann, sagt Giuseppe Lombardo, der Hotelier in der Villa Greta, die überwiegend deutsche Gäste beherbergt, die Deutschen einteilen in solche, die es als spannende Herausforderung sehen, mit dem Auto die Berge zu stürmen, und solche, denen fortwährend Angstschweiß auf der Stirn steht.

Giuseppe Lombardo bietet den Hauswein an, einen Ätna-Wein, selbstgekeltert. Wein fordert den Schauspieler im Menschen heraus. Ein Urlauber mit rundem Jungsgesicht kostet bedeutungsvoll, anfangs zweifelnd, zunehmend zustimmend, reicht er das Glas seiner charmanten Begleiterin, die mimisch ebenbürtig ist. Wenn der Partner das volle Glas erhebt, setzt er einen globalen Verführerblick auf, wenn er es leert, stöhnt er kenntnisreich und verzweifelt. "Irgendwann verkauf ich das alles hier und mach' nur noch Wein", sagt Giuseppe Lombardo.

Am Mittwoch ist Markt auf der Piazza Johann Wolfgang Goethe. Portemonnaies, T-Shirts, Büstenhalter. Alles, was man schon hat. Käse, salumi tipici italiani negrini. Frauen, die voller Lust in den Textilbergen wühlen. Via Roma. Der Blick von der Steilküste verursacht Schwindelgefühle. Gewaltige Hotelgebäude. Villa Communale, der Park.

Florence Trevelyan, eine exzentrische Engländerin, hat diesen botanischen Garten erdacht, angelegt und ihn der Stadt überlassen. Leute sitzen auf den Bänken, lesen, plaudern, verewigen sich mit ihren Taschenmessern, in einer fast künstlerisch zu nennenden Schnitzschrift. Himmlische Ruhe. Hunde werden ausgeführt. Vogelgezwitscher. Manierliche Kinder. Alte Türme und Zinnen, arabisch, maurisch, viktorianisch. Zweck freie Spielgebäude. Mrs. Trevelyan meinte, dass man von den Türmen aus ganz gut die Vögel beobachten können müsste; das war alles.

Am zweiten Tag gelingt es mir, mich bis zum Strand durchzuschlagen. Ich komme zur Isola Bella, die mir aus alten Schlagern bestens vertraut ist, heute allerdings unter Naturschutz steht, betreten nicht möglich, anschauen schon. Ein Steinstrand mit Millionen heißen, weißen, runden Kieseln, auf denen man schlecht sitzen, nur mit äußerster Vorsicht gehen und unmöglich liegen kann. Und doch fühlt man sich als Günstling des Schicksals, wenn man sich ans Ufer vorgetastet hat und, von Wasserpflanzen gekitzelt, ein paar Stöße ins Ionische Meer hinausschwimmt.

Am Strand sorgen Asiatinnen mit kleinen Rucksäcken für Unterhaltung. Sie bieten Massagen an, auf einer Liste sind Kategorien und Preise ausgedruckt. Die Damen sind zutraulich, sie berühren die potentiellen Klienten sacht an jenen Körperstellen, die besonders bedacht werden. Die Leute lehnen ab, eine Massage vor aller Augen ist zu intim, bis sich ein Paar überreden lässt. Die kleine Frau öffnet eifrig den Rucksack, das Massageöl. Es entwickelt sich sogar ein Gespräch. Der Durchbruch ist geschafft.

An der Trattoria da Nino in der Via Luigi Pirandello riecht es unwiderstehlich nach Fisch. Nino bedenkt seine Gäste mit kantiger Liebenswürdigkeit und tyrannisiert seinen Kellner. Die Franzosen am Nebentisch klauben mit gepflegten Fingern in den Zähnen, ohne etwas gegessen zu haben. Der wahrgenommene Duft stammt von Spaghetti mit Sardellen, dazu noch ein Viertelliter Catarratto. Die Franzosen verschmähen den erfrischenden Wein und trinken demonstrativ Bier. Die Weinländer Frankreich und Italien scheinen sich in einem latenten Konflikt zu befinden, der bis in die kleinsten Gliederungen reicht.

Die Villa Schuler in der Via Roma, Steilküste, Blick aufs Meer und den Schnee auf dem Ätna, ist eine deutsche Geschichte in Sizilien. Eugen Schuler, der wegen gesundheitlicher Malaisen in den Süden ging, baute das Haus 1905, sein Sohn, abermals Eugen, übernahm es als Pension. In zwei Weltkriegen wurde der Besitzer zweimal enteignet, deutsche Kaiser und andere Aristokraten tummelten sich hier, zu gegebener Zeit Magda Goebbels und hohe Wehrmachtsoffiziere. Immer ging das stattliche, mit dicken Mauern umgebene Haus an den Besitzer zurück.

Gerhard Schuler, Eigner in dritter Generation, studierte in Deutschland Sprachwissenschaft, bis ihn die Taormina-Nostalgie erfasste. "Wenn du gewohnt bist, von oben nach unten zu schauen, dann fehlt dir das irgendwann." Die Villa Schuler hat sich beizeiten moderner Technologien bedient, die erste in Taormina gehabt, aber Schuler würde nie ein Restaurant ins Haus setzen. Es gibt ja 80 Ristorantes in unmittelbarer Nähe. Dafür genießen die Gäste das Frühstück auf der Terrasse mit der sagenhaften Aussicht - manchmal stundenlang.

Der letzte Abend auf dem Corso. Die Luft streichelt dich, so viel, zum Glück unverbindliche, Zuwendung hast du noch nicht erlebt. Die Ladenbesitzer arrangieren die Auslagen für den neuen Tag. Die Straßencafés sind locker besucht, Sängerinnen präsentieren sich mit erotischem Phlegma, es könnten sich gern mehr Gäste niederlassen. Die Gelaterias sind noch geöffnet, du gehst mit einem Mandeleis die Straße entlang, in der sich selbst die Einsamen fragen, was Einsamkeit überhaupt sei. Hier kannst du nicht allein sein, Freund. Vor dem Cafè Wunderbar drückt ein Pianoplayer mit durchsichtiger Frisur in perfekter Einfühlung die Tasten. Smoke gets in your eyes. Ach, wenn es nur Rauch ist.

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Autor:
Fritz-Jochen Kopka