Nachgeschenkt Die Edeltrauben am Inferno

Wie ein riesiges Insekt schwebt der Hubschrauber über dem Weinberg. Die Propeller rotieren, die Druckwellen lassen die Erntehelfer wanken, als ob sie zu tief ins Glas geschaut hätten. Der Hubschrauber landet nicht, mit einem Haken zieht er, wie in einem Action-Film, den Behälter mit den Trauben hoch. Im Herbst wird die Idylle um die Schlossruine Grumello bei Montagna gestört, dann holt der stählerne Erntehelfer die geernteten Trauben ab.

Früher arbeiteten 50 Erntehelfer eine Woche daran, den Ertrag ins Tal zu schaffen. Jetzt ist dafür der Hubschrauber im Einsatz und braucht in der Regel nicht länger als einen halben Vormittag. Nino Negri ist bislang die einzige Kellerei in der nördlichen Lombardei, die zu dieser ungewöhnlichen Erntemaßnahme greift, um Kosten einzusparen. Aber alle Weingüter suchen nach Wegen, um mit Regionen konkurrenzfähig zu bleiben, die ihre Weine mit viel weniger Aufwand erzeugen.

Denn für den Weinbau herrschen besondere Bedingungen im Valtellina-Tal an der Schweizer Grenze. Er erfordert mehr Muskelkraft und Schweiß als anderswo. Die Terrassen, auf denen die Reben stehen, sind dem Berg abgetrotzt, die ersten wurden im 15. Jahrhundert in den Fels geschlagen. Trockenmauern stützen die Geländestufen ab, sie erstrecken sich über 2500 Kilometer, die Unesco will sie als Kulturerbe schützen. Neben dem Schloss Grumello zieht sich die Lage Inferno wie eine schiefe Treppe halsbrecherisch nach unten. Inferno bedeutet Hölle, diesen Namen haben die Winzer diesem Steinbuckel gegeben und ihn oft verflucht. Weil er so schwer zugängig und im Sommer so heiß ist, dass die Arbeit manchmal kaum zu ertragen ist. Das Inferno wirft den Menschen auf sich zurück. Hier kommt keine Maschine zurecht, alles muss von Hand erledigt werden.

Aber die Reben waren schon immer die Lebensgarantie dieser ärmlichen Region. Die Nebbiolo-Traube, die hier wächst und Chiavennasca heißt, galt als so wertvoll, dass die Weinberge mit Waffen von den Arbostrari, den Traubenhütern, geschützt wurden. Die Nebbiolo ist eine der edelsten Reben überhaupt, im Piemont findet sie hervorragende Bedingungen - und im Valtellina. Die Rätischen Alpen schützen das 40 Kilometer lange Tal vor kalten Nordwinden. Hier scheint die Sonne 1900 Stunden im Jahr, in den Weinbergen, die sich bis auf 700 Meter hochziehen, ist es immer drei bis vier Grad wärmer als in der Ebene.

Ein gewagtes Experiment

Die größte und am meisten profilierte Kellerei im Valtellina ist Nino Negri, sie bewirtschaftet 34 Hektar. Die Erfolge des Spitzenbetriebes sind eng verknüpft mit Kellermeister und Gutsdirektor Casimiro Maule, Jahrgang 1949. Er ist Gehirn und Herz von Nino Negri, seit fast vier Jahrzehnten die Garantie für besondere Weine. An seiner Geschichte lässt sich auch der Quantensprung des Weinbaus im Valtellina erzählen. Als 1971 Maule mit 20 Jahren aus dem nahen Trentino kam, wurde das Potenzial der Nebbiolo-Traube nicht ausgeschöpft. Der Großteil der Weine wurde in die Schweiz verkauft. Dort waren leichte, oxidative Weine gefragt, ein Stil der Maule überhaupt nicht behagte. Er hatte viele Ideen, wie man die Möglichkeiten des Tals besser nutzen könnte. Aber Maule hatte schwer zu kämpfen im Valtellina, wo die Söhne kritiklos das übernahmen, was sie sich bei den Vätern abgeschaut hatten.

"Ich war unzufrieden und wollte wieder weg", erzählt Maule. "Denn ich hatte gesehen, was im Piemont möglich ist." Dort hat die Nebbiolo-Traube den Ruf der weltberühmten Barolos und Barbarescos begründet. Aber aufzugeben, das passt nicht zu Maule. 1983 präsentierte er den ersten "5 Stelle Sfursat". Der Sfursat ist die Antwort des Valtellina auf den Amarone aus dem Valpolicella. Er wird nach einem ähnlichen Verfahren hergestellt: Die Trauben trocknen 120 Tage lang in Holzkassetten, sie verlieren dabei bis zu 35 Prozent ihres Gewichtes. Dadurch erhöhen sich der Zucker- und der Alkoholgehalt. Maule verwendete für seinen Sfursat zum ersten Mal französische Eichenfässer. "Ein gewagtes Experiment", erinnert er sich. Am liebsten hätten sie ihn dafür aus dem Tal gejagt. Es sollte bis zum Jahrgang 1989 dauern, bis Maule akzeptiert wurde. Da löste sein Sfursat in Italien Begeisterungsstürme aus. "Danach", schmunzelt Maule, "haben alle schlagartig vergessen, was sie vorher gesagt hatten und den 5 Stelle imitiert."

Heute ist der Sfursat der wichtigste Wein, mit ihm wurde das Valtellina, das lange übersehen worden war, zu einer festen Größe unter Italiens Weinregionen. Unter Liebhabern gilt Maules Sfursat als der beste - kein Wunder, er hat das erste gelungene Muster geschaffen. Maules Sfursats sind dicht und konzentriert. Trotzdem bringen die Nebbiolo-Trauben aus den Berglagen eine angenehme Frische mit. Aber auch die Nebbioli, die ohne die Sfursat-Methode mit angetrockneten Trauben erzeugt werden, begeistern mit ihrer Eleganz. Wie der feingliedrige Vigneto Fracia oder der Mazér aus dem Inferno.

Eines aber macht auch Casimiro Maule zu schaffen: Wie nur kann man besondere Weine erzeugen, die Betriebskosten senken und dabei noch die grandiose Landschaft schonen - eine Formel, die allen Winzern im Valtellina Kopfzerbrechen bereitet. "Unsere Produktionskosten sind zu hoch im Bereich der einfachen Weine. Da können wir mit Süditalien nicht konkurrieren", sagt Maule. "Wir sind mehr denn je gezwungen, herausragende Weine zu machen. Sonst haben wir keine Chance." Das Valtellina wird auf das setzen, was es besonders macht: Elegante, eigenwillige Alpen-Nebbioli, wie es sie sonst nirgendwo gibt.

Bezugsquellen und Adressen


Primäre Bezugsquelle in Italien

Weingut Nino Negri
Via Ghibellini 3, I-23030 Chiuro (Sondrio), Telefon: +39 0342 485211

Bezugsquellen in Deutschland

Beccofino GmbH
Montsalvatstrasse 19, 80804 München, Telefon: 089 45207435

Televino e.K. - italienisches Weindepot
Nunzenbergweg 23, 88079 Kressbronn, Telefon: 07543 952186

Garibaldi
Frohschammerstraße 14, 80807 München, Telefon: 089 359 02 22

Superiore.de GmbH
Am Eiswurmlager 1, 01189 Dresden

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Autor:
Rainer Schäfer