Fast Lane Der Weihnachtsmann und das Berlusconi-Problem

Eine kühle Feuchtigkeit liegt über der Lombardei, als ich Dienstagabend in den Zug nach Rom steige. Es ist einer dieser recht neuen, knalligen Frecciarossa-Exemplare der italienischen Eisenbahngesellschaft Trenitalia - man kommt sich allerdings eher vor wie im Santa-Claus-Express. Dabei ist es noch nicht mal der rot-weiße Anstrich, der diesen Eindruck hervorruft, auch nicht die ganzen Touristen mit ihren Einkaufstüten voller in Geschenkpapier eingewickelter Päckchen von Aspesi und 10 Corso Como, die der ganzen Szenerie einen Urlaubszeit-Touch verleihen - es ist das Innere des Zuges. Der tiefe Burgunderton der Sitze könnte von einer Lederfirma, die den Transport-Sektor ins Visier nimmt, leicht unter dem Namen "Glühwein" vermarktet werden, und die Paneele im Holzlook (zumindest wenn Sie die Augen zusammenkneifen und ein paar Gläser Prosecco intus haben) verleiht den Waggons einen fast alpinen Touch.

Während sich jeder auf seinem Sitz einrichtet, wird aber klar, dass dies ein Zug ist, der eher Richtung Lappland als nach Rom fahren sollte: Die Sitze sind einfach nicht für durchschnittlich gebaute Europäer geschaffen - oder sie wurden gleich für Elfen designt! Mal ganz abgesehen davon, dass der lächerlich geringe Sitzabstand einen dazu zwingt, mit dem Nachbarn bequeme Positionen für die Beine auszuhandeln, und die Kopfstütze so niedrig angebracht ist, dass sie bei den meisten Reisenden mitten zwischen den Schulterblättern sitzt… Der öffentliche Nahverkehr zählt zu den größten Design-Versäumnissen des 21. Jahrhunderts.

Während wir nach Rom rollen, erwärme ich mich zunehmend für den Gedanken, dass dieser Zug sich in eine Hochgeschwindigkeitsversion von Santas Schlitten verwandeln könnte, die überall Geschenke und Ideen deponiert, um Italiens vielfältige Probleme zu lösen und gleichzeitig die Bürokratie und die Unbeweglichkeit zu durchbrechen, die das Land so lähmen.

Um zu sehen, wie katastrophal das Land verwaltet wird, muss man nur mal an einem Mittwochmorgen den Sitz einer Provinzregierung aufsuchen. Ich bin ja unverändert felsenfest davon überzeugt, dass der "Fast Lane Index der Ersteindrücke" ein perfekter Maßstab dafür ist, was hinter den Kulissen passiert. Wenn also die Einrichtung nicht zusammenpasst, die Blumen vor sich hinwelken und die Mitarbeiter gestresst wirken, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich dies durch die gesamte Hierarchiekette zieht. In diesem Büro südlich von Rom zählte ich acht Leute am Empfang - zusätzlich zu dem Wachpersonal, das allerdings keine bedeutsame Rolle zu spielen schien.

Der Weihnachtsmann sollte auf Berlusconis Dachterrasse landen

Hinter der Einlass-Schleuse fühlte ich mich gleich an andere Ämter erinnerte, in denen ich schon mal stundenlang darauf warten musste, dass Beamte einen Stempel auf ein Stück Papier drücken - diese befanden sich allerdings in Abidjan und Tripolis. Das Ganze war überheizt, schmutzig und schlecht organisiert. Jeder schien sein eigenes Büro zu haben - von den Sekretärinnen über die Praktikanten bis zu Leuten höheren Dienstgrads. Als ich durch die Gänge ging und nach unserem Konferenzraum Ausschau hielt, kam es mir vor, als ob hunderte von Leuten sich in diesen luftleeren, stickig-heißen Räumen versteckten und Papierhaufen von links nach rechts verschoben. Auch wenn dies keine rein italienische Spezialität ist (mir sind ähnliche Szenerien aus Großbritannien, Frankreich, den USA und Kanada bekannt), war dieses Fehlen jeglicher Struktur und die vorherrschende Trägheit doch alarmierend.


In der aktuellen Ausgabe von "Monocle" haben wir die besten "Soft power"-Mächte der Welt zusammengetragen (Großbritannien und Frankreich stehen oben, gefolgt von den USA) und es war so überraschend wie gleichzeitig traurig, dass Italien nur Platz 16 erreichte. Angesichts all der italienischen Marken und kulturellen Exporte in der ganzen Welt verwundert es, dass das Land in diesem Ranking auf keinem höheren Platz landete. Wenn man auf der anderen Seite den Image-Schaden miteinbezieht, den Berlusconi der Marke Italien tagtäglich zufügt, ist es wiederum erstaunlich, dass Italien überhaupt zu den besten 25 gehört.

Den größten Teil der vergangenen sechs Jahre hat diese Kolumne gelegentlich argumentiert, dass Italien eine ernstzunehmende Großmacht wäre, wenn es dynamische und kompetente Leute aufstellte und wählte, seine Luftgesellschaften in Ordnung brächte, das Fernsehen verbesserte und die Produktionsstätten dazu ermutigte, sich nicht länger auf den Lorbeeren eines zunehmend zweifelhaften "Made in Italy"-Labels auszuruhen. Glücklicherweise ist Italien im Besitz vieler natürlicher Ressourcen (Meer und Berge, Essen und Trinken, eine Ader dafür, das bemerkenswerteste Accessorising mit jeglicher Art von Schal hinzukriegen) und fester Strukturen (starke Familienbande, grantige aber zuverlässige Kellner in weißen Sakkos, die Fähigkeit aus praktisch jedem Material fantastische Möbelstücke zu machen), die sich positiv auf das Land auswirken und es solvent halten (zumindest im Moment).

Wenn der Weihnachtsmann im Laufe der kommenden Woche dann das letzte Päckchen in Italien verteilt hat, sollte er leise auf Berlusconis Dachterrasse landen, ein Team entsprechend geschulter Elfen durch die Fenster brechen lassen, ihn in einen großen verschließbaren Sack stopfen und die Rentiere damit beauftragen, ihn so schnell wie möglich in Finnlands hohen Norden auszufliegen. Dort, verbannt in eine Werkstatt mitten in der Wildnis Lapplands, kann er seine Hormone kühlen, praktische Fertigkeiten erlernen und sich dem altmodischen Begriff "Bürgerpflicht" vielleicht wieder etwas annähern.

Autor:
Tyler Brûlé