Südtirol Der Pilgerberg Schlern

Vor Tau und Tag hat der Moar-Paul die Wanderstiefel geschnürt und das Holzkreuz geschultert.Mit der Kraft seines schmalen Körpers stemmt er sich gegen das Verschwinden einer Tradition. Er tut es, weil er ein gottesfürchtiger Mann ist. Vor allem aber, weil er fünf seiner Kälber oben auf dem Schlern hat, den Sommer über, auf der Hochweide. Paul Trocker, wie der Moar-Paul eigentlich heißt, weiß, dass auf dem Berg Gefahren drohen fürs Vieh. Blitzschlag zum Beispiel. Oder Hagel. Wenn es hagelt, senken die Tiere den Kopf und rennen bergab, ohne zu sehen, wohin. Die weite Fläche des Schlern ist von Schluchten durchzogen, an den Kanten geht es senkrecht hinab. Fromm sein, meint der Moar-Paul, kann da nur helfen.

An dem schlichten Kreuz aus Holzlatten ist ein Kruzifix befestigt, mit roten Nelken geschmückt. Einmal im Jahr wird es hervorgeholt, nur für diesen einen Tag, für diesen Berg, für das Vieh und die Menschen, die mit dem Berg leben. Es ist der 13. August, der Tag des heiligen Kassian. "Kaschlstog" nennen die Völser diesen Tag, vom Patron des Bistums Bozen-Brixen erwarten sie sich besonderen Schutz. Oben auf dem Schlern ist ihm eine Kapelle geweiht, ein weißes Kirchlein, das Maria Kritzinger vom Deiml-Hof 1797 errichten ließ, weil ihr Vieh ein schreckliches Unwetter unbeschadet überstanden hatte.

Völs liegt unterhalb des Schlern auf einem Hochplateau über dem Eisacktal, von hier aus hat man den Berg mit seiner ganzen eindrucksvollen Gestalt stets vor Augen. Den Völsern zeigt er seine Prachtseite, den mächtigen Block mit steilen, schartigen Wänden, der sich nach Süden hin langsam senkt, und den zwei Zacken der Santner- und der Euringer-Spitze im Norden. Die Silhouette des Schlern ziert die Fremdenverkehrsprospekte der Region, und abends sieht man ihn im Regionalprogramm des italienischen Fernsehens RAI. Er ist das Symbol dieses Landstrichs, sein Hausberg und Wahrzeichen.

Ein Mythos ist dieser Berg, der den Menschen immer Angst machte und sie dennoch anzog. Ab Michaeli, dem 29. September, gehöre der Schlern dem Teufel, sagt man. Dann dürfe kein Vieh mehr auf der Hochweide sein. Und rund ums Jahr sollen die Hexen dort oben ihr Unwesen treiben, weshalb die Bauern nie donnerstags das Vieh hinauftrieben. Das, heißt es, verärgere die Hexen, sie würden es böse bestrafen. Man macht sie verantwortlich für Hagelschlag, plötzlichen Nebel und andere Unbill.

Zugleich - oder gerade deshalb - ist der Schlern seit Jahrtausenden ein Ort, von dem aus den Göttern gehuldigt wird. Der Burgstall, eine Kuppe am Nordrand der Hochfläche, ist so ein vorgeschichtlicher Kultplatz gewesen, auf dem vor 3000 Jahren Brandopfer dargebracht wurden. Gefäßscherben wurden dort gefunden und Reste von Tierknochen. Man kann sich gut vorstellen, dass die Menschen an diesem Platz auf 2500 Metern, wo der Blick weit ins Land und tief ins Tal reicht, sich ihren Göttern sehr nahe fühlten.

Der Schlern ist bestimmend für das Leben der Völser. Seit jeher war er ein Segen, heute vor allem wegen des Tourismus, viel länger schon für die Bauern, denn eine solch ausgedehnte Sommerweide mit nahrhaftem Gras gibt es selten. Aber sie ist eben auch schwer zu erreichen. Jeder Sommer bringt neue Verluste.

Auch der Moar-Paul hat oben schon Kälber verloren. Damit es nicht wieder passiert, ist er an diesem Morgen los. Vorher hat er die Kühe im Stall gemolken, hat ihnen Futter hingestreut. Mit ihm ist Hans Kritzinger unterwegs, Zippl-Hans wird er genannt. Ein schönes Paar sind die beiden mit den blauen Schürzen, die die Männer hier zur Arbeit tragen. Der Zippl-Hans mit spitzem, grauen Bart, der Moar-Paul mit einer mächtigen Tolle über der Stirn und buschigen Koteletten bis auf die Wangen. Ihre Jause - Speck, Brot und Wein - tragen sie in Leinen-Rucksäcken. Kalt ist es in der Dämmerung, der Atem malt ihnen kleine Wölkchen vors Gesicht, sie reden wenig, nehmen den Weg Nummer1, der in gut drei Stunden hinauf zum Schlernhaus führt.

Dass nur sie beide sich auf den Weg gemacht haben an diesem Tag, enttäuscht den Moar-Paul ein wenig. "Früher", sagt er, "war das anders." Da war am Kaschlstog das ganze Dorf auf den Beinen. Zur Prozession trafen sie sich am Dorfbrunnen vor der Pfarrkirche, der Pfarrer ging mit dem Kreuz vorweg, die Bauern hinterher. Gebetet wurde den ganzen Weg. Vier Stunden lang, der Rosenkranz, immer wieder. Der Dorfbrunnen plätschert noch, aber sonst ist nicht viel geblieben von der alten Zeit. 300 Stück Vieh stehen auf dem Schlern, aber die wenigsten ihrer Besitzer sind so gottesfürchtig zu glauben, das Beten beschütze die Kälber. Und der Pfarrer ist zu gebrechlich für den Aufstieg.

Über Prügel, Stock und Stein auf die saftige Weide

Oben im Wald wird die Kaschlstog-Prozession größer. Vom "Hofer Alpl", einem Gasthof, den der Schwager vom Moar-Paul betreibt, ist eine Gruppe aus der Völser Partnergemeinde Friedberg bei Augsburg dazugestoßen. Sie ist jedes Jahr mit dabei und sorgt dafür, dass die Prozession eine Größe erreicht, wie sie sich der Moar-Paul vorstellt. Einige gehören der Blaskapelle an und haben ihre Instrumente dabei, einer schleppt seine Tuba, ein anderer die Trommel, aus mehreren Rucksäcken ragen Trompeten und Hörner. Der Moar führt den Zug an, auf einem schmalen Steig durch den Wald, am Wegesrand wachsen Fingerhut und lila Disteln.

Bei "Peter Frag" hält er an. Hier steht ein Marterl, zu Ehren eines Jagdaufsehers, der am 4. Januar 1858 von Wilderern erschossen wurde.Früher, als die Leute arm waren und das Fleisch knapp, war der Kampf zwischen Jägern und Wilderern erbittert. Gefährlich war es vor allem an Wegkreuzungen, die wie "Peter Frag" im Gamsgebiet liegen. Von hier aus führt der Schäufelesteig steil bergauf oder der flachere Prügelweg, die schönste Schlernwanderung, über Holzstämme durch eine enge Klamm. Zu Füßen des Gekreuzigten von "Peter Frag" spricht der Moar-Paul einen, wie er sagt, "Gedanken". Ein Vaterunser, das so schnell wahrscheinlich nie zuvor gebetet wurde. Die Friedberger spielen Blasmusik, die von den felsigen Wänden als Echo zurückgeworfen wird, dann ziehen sie alle gemeinsam in die Schlucht.

Das ist der Weg, den das Vieh nimmt. Für den alljährlichen Auf- und Abtrieb wurde die Klamm mit Holzstämmen, mit Prügeln, ausgelegt. Die Völser haben den Steig der Natur abgetrotzt. Stahlseile wurden gespannt als Geländer, Brücken und Stege aus Holz gebaut, darunter rauscht der Schlernbach. Er versorgt die Gegend mit Trinkwasser. "Schlernblut", sagen die Menschen, es ist rein und klar und frisch. Dass es irgendwo in diesem Felsmassiv seinen Ursprung hat und an mehreren Stellen aus ihm hervortritt, ist Teil des Mythos Schlern.

Vor Jahren wurde der Holzsteig von einer Lawine weggerissen. Sie haben ihn wieder aufgebaut, es hilft ja nichts, das Vieh muss nach oben. Doch die Bedrohung ist präsent, ewig wird auch dieser Weg nicht sein. Menschenwerk hat am Berg nur so lange Bestand, bis die Natur ihre Stärke zeigt. Dass der Berg manchmal aber auch Leben rettet, gehört zu den Wundern, deretwegen die Prozession jetzt am so genannten Ölberg anhält. Das ist eine winzige Höhle in der Felswand, darin brennt ein Kerzchen vor einer Figur der Muttergottes. Hier fand einmal ein Bauer Schutz vor dem Schlernbach, der zu einem reißenden Strom angeschwollen war. "Wer von den Einheimischen ein bisschen noch einen Glauben hat, der bleibt da stehen", sagt der Moar-Paul und spricht ein lautes, schnelles Vaterunser.

Sie werden bald das Ziel erreicht haben, die Kassianskapelle oben auf dem Plateau.Ein steiles Stück noch, an der Sesselalm und dem Wetterkreuz vorbei. "Von Ungewitter und Abfall des Glaubens beschütze Schlern und Heimat Oh Herr", steht auf einer Tafel am Kreuz. Es ist jenen eine Wegmarke, die den Gipfel des Schlern auf 2563 Metern Höhe erreichen wollen. Hier werden sie sich fragen, ob sie zuerst dorthin gehen oder vorher im Schlernhaus Rast machen. Dabei genießen sie eine Aussicht, die vom Rosengarten bis zum Ortler reicht. Nach der engen Schlucht tut diese Weite gut.

Wie anders mag dieser Platz für die Bauern wirken, die den Schlern nicht als Wanderziel sehen, sondern hinauf müssen, etwa um ein Kalb zu bergen, das abgestürzt ist ... beschütze Schlern und Heimat Oh Herr. Am frühen Morgen erst hat es eines erwischt, das sich beim Grasen zu nah an die Kante gewagt hatte.

Luis Zöggeler, der Schlernhirte, wird es später erzählen, nach der Messe. Er hat sich der Prozession angeschlossen, die immer größer geworden ist. Viele Wege führen auf den Schlern, von der Seiseralm sind die gekommen, die den bequemsten Weg gewählt haben, andere sind den steilen Schäufelesteig hinauf, der bei Peter Frag abzweigt, wieder anderen war der Treffpunkt mit dem Moar-Paul zu früh, sie sind später los und haben das Kreuz eingeholt.

Luis, der Hirte, hatte den kürzesten Weg. Den Sommer über wohnt er auf dem Schlern. Ein kerniger 25-Jähriger mit sonnenbraunem Gesicht, zur Lederhose trägt er blaue Schürze und weißes Hemd. Aus Völser Aicha vom großen Kompatscher-Hof kommt er, die Alminteressentschaft hat ihn gewählt, das sind die Bauern, die Vieh auf dem Schlern haben. Von Juni bis September ist er bei den Tieren. Er wohnt in der Moarbodenhütte, ganz in der Nähe des Wetterkreuzes. Seine Mutter ist mit ihm gekommen, "sie kümmert sich um mich, kocht, putzt, wascht", sagt er. Morgens dreht er auf der Haflingerstute Bessi eine Runde, legt Lecksalz aus und kontrolliert die Wassertröge. Die Mutter buttert die Milch der Kuh, die auf der Weide neben der Hütte steht. Die Bauern loben den Luis, er kenne jedes der 300 Tiere. Fehle eins, merke er es sofort.

Der Moar-Paul geht voran, das Kreuz auf dem Rücken. Er betet den eindrücklichsten Teil des Rosenkranzes, das Ave Maria, wieder und wieder. "Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus." Dann fallen alle ein: "Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen." Das wiederkehrende Gebet vermischt sich mit dem Klang dunkler Kuhglocken, die beiden Glöckchen der Kassianskapelle schlagen hell und schnell. Vor der Kapelle steht ein kleiner Tisch, den eine weiße Tischdecke, zwei Kerzen, ein Blumenstrauß, das Kreuz und die Bibel zu einem Altar machen. Die Blaskapelle spielt Schuberts "Wohin soll ich mich wenden", Pater Sepp aus Bozen sagt: "Gottesdienst ist das Höchste, was man tun kann im Leben, und hier oben sind wir Gott noch näher." Er bittet für die, "die auf dem Schlern arbeiten oder dort Erholung suchen", und segnet Bauern,Tiere und Hirten. Die Kälber glotzen und grasen.

Als der letzte Tropfen Weihwasser über die Gläubigen verspritzt ist, ist der Gottesdienst zu Ende. Richard Mahlknecht, langjähriger Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, faltet das Messgewand in einen Aktenkoffer und vertäut sorgfältig die Glocken der Kapelle. "Sonst kommen die Kälber und läuten", sagt er. Dann geht es zum Schlernhaus. Feiern.

Das Haus ist voll, Würstchen werden gegrillt, es gibt Gulasch und Knödel und reichlich Kirchtagskrapfen. In einem Erker mit Blick auf Lang- und Plattkofel und Rosengarten sitzen die Musiker, sie spielen die Zürser Klänge und die Tondovi-Polka, zwischendurch singen sie a capella "Ein Prost mit harmonischem Klang".

Am frühen Nachmittag gehen die, die zum Gottesdienst gekommen sind, wieder runter. Der Abstieg dauert vier Stunden, man muss ihn mit klarem Kopf gehen, deshalb war die Rast im Schlernhaus zwar lustig, aber keine feucht-fröhliche Gaudi. Der Moar-Paul muss zurück auf seinen Hof, die Kühe melken. Der Zippl-Hans hat abends noch Probe mit der Völser Theatergruppe, der Pater muss wieder zurück nach Bozen.

Nur für Luis, den Hirten, dessen Bruder und einen Cousin ist der Tag noch lange nicht zu Ende. Zu lustig ist es auf dem Schlernhaus, die Kellnerinnen so nett, und das Bierfass gibt auch noch was her. Frühmorgens gegen halb drei werden sie die letzten Kirchtagsgäste sein. Irgendwie finden sie den Weg zur Hirtenhütte, kriechen in die Stockbetten und fallen in einen tiefen Schlaf. Luis wird eine kurze Nacht haben. Um 6 Uhr muss er die Kuh melken und dann losreiten, auf seine Runde. Später am Vormittag wird der Bauer kommen, dessen Kalb am Morgen des Kassianstags abgestürzt ist. So gut es geht, werden sie den Kadaver mit Steinen bedecken, damit die Wanderer nicht erschrecken. Der Fuchs und die Raben werden sich trotzdem ihren Teil davon holen. Der Moar-Paul sagt, es seien die besten Kälber, die so enden. Da hilft dann auch das Beten nicht.

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Autor:
Felix Zimmermann