Italien Bella Italia am Comer See

Jede Wette: Das ist nicht echt. Das bilde ich mir alles nur ein, diesen See, silbrig funkelnd, diese mit Sahnehäubchen gekrönten Gipfel, dieses Rufen der Amseln, dieses sanfte Rauschen des Windes. Überall stehen Kilometer von violetten, blutroten, pinkfarbenen Azaleen, und die Buchsbäume sind wie Pudel getrimmt. Die Grandhotels verwittern anmutig, die Adelsresidenzen gleichen imposanten Hochzeitstorten, und das Strandbad von Menaggio wirkt wie eine Kulisse für einen Fünfziger-Jahre-Film. Wenn ich hier etwas anfasse, löst es sich auf, zerbröselt oder kippt um, weil es keine marmorne Skulptur, sondern nur ein Aufsteller aus Pappe ist. Vorsichtig setze ich mich auf eine Parkbank am Ufer von Menaggio. Sie hält. Ich nehme einen Kiesel und werfe ihn ins Wasser. Der Kiesel ist echt und das Wasser auch. Es riecht, wie ein See riecht, leicht abgestanden und nach Schlamm. Ich kann zwar keine Garantie für den Schnee auf den Gipfeln geben, aber: Es gibt berechtigte Gründe zur Annahme, dass der Comer See keine Sinnestäuschung ist, sondern tatsächlich existiert.

In Cadenabbia am warmen Westufer stehen zwei alte Männer in der Morgensonne vor dem "Hotel Britannia" und rauchen. Es sind Einheimische, kein Zweifel, denn nur sie sind in der Lage, das vor ihnen liegende Panorama zu ignorieren, um eine vorübergehende Frau im engen Rock zu bewundern: Die Männer blicken ihr nach, ziehen anerkennend die Augenbrauen hoch und stoßen den Rauch durch die Nase aus. Alle anderen staunen über Buchten, die mit Marmorsäulen geschmückt sind, über Terrassen mit Kugelbäumen, Amoretten und Kaskaden, über diese auf schmale Felsen getürmten Orte und in der Sonne fliegende Wassertropfen, die sich erst, wenn man die Augen zusammenkneift, als Autos entpuppen.

In Scharen kommen die Touristen aus Mailand, um bei Colico im Norden ihre Surfbretter in die Wellen zu werfen. Um in Bellagio, wo sich der drittgrößte der oberitalienischen Seen in zwei Arme teilt, durch das Genrebild eines italienischen Dorfes zu schlendern: ockergelb und ochsenblutrot, pistaziengrün und zimtbraun, nachmittags in Gold getaucht und nachts nichts als ein glitzernder Ufersaum. Und natürlich kommen sie, um in den Parks und Gärten am Westufer auf den Spuren all derer zu wandeln, die verzaubert wurden vom Comer See.

Viele Bewohner der Villen am Ufer des Comer Sees haben gute Sicht auf das Wasser.
Philip Koschel
Beste Aussicht haben die Bewohner der Villen am Ufer des Comer Sees
Es ist eine Landschaft, die alle berauschte: römische Dichter und Gelehrte wie Plinius den Älteren und Vergil, französische Schriftsteller wie Flaubert und Stendhal. Franz Liszt küsste seine Geliebte im maurischen Tempelchen der Villa Melzi, Alessandro Manzoni schrieb "Die Verlobten", mit denen italienische Schulkinder bis heute traktiert werden, und Hermann Hesse sah im Comer See den "schönsten Eintritt ins italienische Land". Lombardische Adlige verewigten sich scharenweise mit ihren immer prächtigeren und eleganteren Residenzen: Die Villa Melzi spiegelt mit ihren klassizistischen Formen die Größe ihrer Erbauer wider – in der privaten Kapelle, groß wie eine Dorfkirche, preisen Basreliefs die anima generosa, den großzügigen Geist, des Bauherrn Francesco Melzi d’Eril, Herzog von Lodi und Vizepräsident der von Napoleon ins Leben gerufenen Ersten Italienischen Republik.

Der wohl berühmteste Anwohner George Clooney wohnt in der Villa Oelandra am Comer See.
Philip Koschel
Der wohl berühmteste Anwohner George Clooney wohnt in der Villa Oelandra am Comer See
Läuft man dann auf den Kieswegen durch die herrschaftlichen Parks, vorbei an Zypressen, die wie Schwerter aufgereiht sind, durch Laubengänge voller Zitronen und Pomeranzen, hat man das Gefühl, etwas Ungehöriges zu tun. Als seien die Bewohner gegen ihren Willen vertrieben und die Gärten und freskengeschmückten Hallen nun von marodierenden Horden erobert worden, bewaffnet mit Rucksäcken, groß wie Mittelgebirge. Banden, die in der Villa Carlotta mit Mühe daran gehindert werden müssen, sich auf das Prinzessinnenbett fallen zu lassen, dessen "C" im Kopfteil daran erinnert, dass die Villa einst das Hochzeitsgeschenk für Charlotte von Sachsen-Meiningen war.

Heute sind es vor allem Amerikaner, russische Oligarchen und Silvio Berlusconi, die sich ein Anwesen am Comer See leisten. Berlusconi kaufte seinem Vertrauten und Mit-Parteigründer Marcello Dell’Utri die Villa ab: Der brauchte sie nicht mehr, als er nach fast zwanzigjähriger Prozessdauer wegen Mafiabeihilfe verurteilt wurde und nun im Gefängnis von Parma seine siebenjährige Freiheitsstrafe absitzt. Aber es war nicht der ehemalige Ministerpräsident, sondern George Clooney, der die Immobilienpreise explodieren ließ und den See in einen Ort des VIP-Watching verwandelte.

Kleine Gassen führen vom Ortskern Bellagios hinunter zum Ufer.
Philip Koschel
Kleine Gassen führen vom Ortskern Bellagios hinunter zum Ufer
Der Hollywoodstar steht hier unter Naturschutz, eingeordnet in der Kategorie "extrem selten gesichtet" bis "potenziell gefährdet": Jedes Jahr geistert die Drohung "George Clooney verkauft seine Villa am Comer See" durch die italienischen Medien, weshalb der Star umhegt wird wie ein Wanderfalke. Der Bürgermeister von Laglio sprach für die Straßen rings um die Villa Oleandra ein Halteverbot aus, das nicht nur für Autos, sondern auch für Passanten gilt. Die Seeseite von Clooneys Villa wird während der Sommermonate durch Anti-Paparazzi-Bojen geschützt, Motorboote dürfen sich nur auf hundert Meter nähern. Zuletzt brach ein Dieb in die Villa ein, stahl eine Flasche (Wein? Whisky? Grappa? Es wurde nicht geklärt) aus den Beständen und wurde von Clooneys furchtloser Haushälterin gestellt.

Der Comer See wirkt manchmal mystisch in der Abenddämmerung.
Philip Koschel
Nahezu mystisch wirkt der Comer See manchmal in der Abenddämmerung
Zu Adenauers Zeiten begegnete man den VIPs noch respektvoll und demütig. Es war die Zeit der Capri-Fischer und des "O sole mio", als der Kanzler 1957 zum ersten Mal nach Cadenabbia kam, die Italienliebe der Deutschen hatte sich gerade wie eine mühsam unterdrückte Leidenschaft wieder Bahn gebrochen. Wenn der "Alte" während seiner Sommerferien sonntags zur Kirche in Griante ging, erwartete man ihn in ehrerbietiger Distanz am hinteren Eingang der Villa La Collina: Die Männer verbeugten sich, die Damen machten einen Knicks und reichten blühende Pfirsichzweige. Ganz Wagemutige drückten auf den Auslöser ihrer Voigtländer, und der Kanzler lüftete den Hut.

Dieser Pavillon bietet Schatten am Comer See.
Philip Koschel
Perfekt für eine Pause: Schattenplatz mit Aussicht
Wenn heute die Touristen an der Uferpromenade in zirkuszeltgroßen Bermudashorts vorbeilaufen, sehnt man sich nach der Kleiderordnung Adenauers etwas zurück. Während seiner Ferien trug er stets Dreiteiler, Krawatte – und manchmal einen Pepitahut als Zugeständnis an die italienische Lebensart. Adenauer war bereits 81 Jahre alt, als er seine Leidenschaft für den Comer See entdeckte. Jedes Jahr reiste er mit drei Töchtern, drei Sekretärinnen und dem persönlichen Referenten an. Kurz vor seiner Ankunft wurden die Siebenschläfer aus der Villa La Collina  vertrieben, Mobiliar und Geschirr wurden vom "Hotel Britannia" ausgeliehen, Techniker installierten Telefon und Fernschreibgeräte, und Kuriere garantierten die tägliche Kommunikation, sodass die Karikaturisten Cadenabbia schon als dem Bonner Regierungsbezirk zugehörig zeichneten. Wenn er nicht Boccia spielte, empfing Adenauer, wie es sich für einen Kanzler preußischer Tradition gehört, auch hier Parteikollegen und europäische Staatsmänner, Oppositionspolitiker wie Willy Brandt, Künstler wie Oskar Kokoschka, dem er hier volle drei Wochen lang Modell stand. Das südliche Licht habe ihn etwas jünger wirken lassen, bemerkte Adenauer später.

Bei Ossuccio am Comer See liegt die Isola Comacina als einzige Insel im See.
Philip Koschel
Bei Ossuccio liegt die Isola Comacina als einzige Insel im See
Und so läuft man nicht nur über knarrende Dielen, sondern über deutsche Geschichte, wenn man die Villa La Collina betritt, die heute der Konrad-Adenauer-Stiftung gehört und immer noch den spartanischen Geist ihres langjährigen Mieters atmet. 1970 kaufte ein deutscher Bauunternehmer die Villa. Ihm verdankt das Anwesen nicht nur den Swimmingpool, sondern auch die asphaltierten Wege durch den Park. Die Villa La Collina ist heute kulturpolitische Begegnungsstätte – und gleichzeitig ein privates Gästehaus: Wer mag, kann bei einem Urlaub hier einen der schönsten Blicke auf den Comer See genießen und daran denken, dass Adenauers letztes politisches Wort der Einigung Europas galt.

Eine Villa in unmittelbarer Nachbarschaft hat diesen Gedanken in die Tat umgesetzt und atmet die deutsch-italienische Freundschaft wie keine andere: Die Villa Vigoni wurde 1829 von dem aus Frankfurt stammenden Kaufmann Heinrich (Enrico) Mylius erworben und ausgebaut. Er war nicht nur einer der ersten international agierenden Unternehmer der Mailänder Finanzwelt, sondern auch Mäzen und Humanist, der die großen Geister Weimars und Mailands zusammenbrachte: Befreundet mit Goethe und Manzoni, versorgte Mylius die Weimarer Literatenzirkel stets mit den neuesten italienischen Publikationen. Mylius besuchte den Comer See wegen des Seidenhandels und ließ hier seine Sommerresidenz einrichten – die später zu einer Gedenkstätte für seinen einzigen Sohn Julius werden sollte, der mit dreißig Jahren an einer Blinddarmentzündung starb. Kurz vor seinem Tod  hatte Julius die Mailänder Aristokratin Luigia Vitali geheiratet, die sich das Recht zur Eheschließung mit dem protestantischen und bürgerlichen Deutschen gegen ihre Mutter vor Gericht erstritten hatte. Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes nahm das Ehepaar Mylius die italienische  Schwiegertochter in die Familie auf, ermutigte sie, wieder zu heiraten, und hinterließ ihr die Villa.

Ignazio Vigoni, der letzte Nachfahre der Familie, vermachte die Villa der Bundesrepublik Deutschland – mit der Auflage, sie als deutsch-italienisches Forum zu nutzen: Wo sonst kann man an Rosenhecken, Libanonzedern und marmornen Kapellen vorbei durch die Geschichte einer ganz  besonderen deutsch-italienischen Zuneigung spazieren? Hier, wo sich die Berge in Blau auflösen und der See wie Lametta glitzert, wird alles ganz leicht. Auch das Verständnis füreinander.

Autor

Petra Reski

Ausgabe

Mailand 11/2014