Sizilien Aggro im Agriturismo

"Und? Seid Ihr auch in so einem 'Agroturismo' abgestiegen?" Wir saßen am Abfluggate, man langweilte sich, man spritzte dem Nachbarn aus Versehen die halbe Limonata über den sehr nah an den Füßen abgestellten Trekkingrucksack und schon war man ungewollt im Gespräch. Das Paar aus Westfalen hatte also zwei Wochen im Südosten von Sizilien verbracht, in der Nähe von Ispica auf einem alten Landgut, das dem Mann jedoch stellenweise etwas zu alt war: keine Klimaanlage, zu wenig warmes Duschwasser, kein Fernseher, dafür Esel vorm Fenster. Deshalb sagte der Mann ständig "Aggro-Turismo" statt Agriturismo und war sichtlich stolz auf seine tolle Wortschöpfung.

Natürlich haben wir auf Sizilien auch in einem Agriturismo gewohnt. Gleich in mehreren sogar. Und wir fanden es fantastisch. Aber das zu erzählen, dazu kam ich gar nicht mehr, weil die Frau schon mitten im Redeschwall über ihre Offenbarung "Landurlaub in Italien" war. Vielleicht hätten sie vorher einmal unter: "Agriturismo - was ist das eigentlich???" in irgendein Reiseforum schauen sollen. Das Wort klingt für verunsicherte Urlauber offensichtlich latent aggressiv, weshalb hier erhöhter Klärungsbedarf besteht. In den Einträgen steht dann aber, dass das etwa den deutschen "Ferien auf dem Lande" oder "Ferien auf dem Bauernhof" entspricht. "Manchmal mit Tieren - aber nicht immer!" Alles ganz harmlos und öko also. Aber klar, das mit der Klimaanlage und dem Fernseher hätte man natürlich mal reinschreiben können.

Ich würde bei "Agriturismo - was ist das eigentlich???" vor allem vom sofortigen Familienanschluss und dem intensiven Italienisch-Input berichten. In unserer ersten Station, der "Masseria Xireni" in Castellana Sicula - Masseria heißt "Bauernhaus" und ist mittlerweile eine gern genommene Alternative zu den vielen "Agris" - wurden wir fünf Minuten nach Eintreffen sofort an den großen Familientisch gesetzt, mit den Besitzern Anna ("Ich mache hier alles") und Mario ("Ich bin Sizilianer, ich mache hier nichts"), den Kindern und Großeltern. Abendessen war eigentlich nicht vorgesehen, Anna holte trotzdem schnell ein paar "Kleinigkeiten" aus der Küche und wer vorher nicht wusste, was "fatto io" auf deutsch heißt, konnte es sich nach Teller Nummer 10, den Anna wieder stolz mit "fatto io!" ankündigte, zumindest denken. Den Rest ungebremstes Italienisch zu filtern, dauert vielleicht etwas länger.

Inmitten von Limonenhainen

Die Masseria Xireni ist ein relativ kleiner Agriturismo mit sechs Zimmern im Hof, wobei nie so ganz klar ist, was vermietet wird und wo die Familie wohnt. In jedem Fall empfiehlt es sich, nicht die "Camera 6" zu bewohnen, die etwas halbherzig vom Badezimmer in "Camera 7" abgetrennt wurde. Dafür gibt es einen schönen Pool, einen üppigen Garten und der Blick über die Weizenfelder der Hochebene Madonie ist gigantisch. Außerdem gibt es zwei Esel, die nichts zu tun haben, aber ohne die offensichtlich kein Gut seine Plakette vom Agriturismo-Verband bekommt.

Noch besser wurde es im "Antico Feudo San Giorgio" einen guten Kilometer die Straße weiter rauf. Da jedenfalls fängt vermeintlich die Auffahrt an, die sich dann als endlose Schotterpiste entpuppt, die Mietwagenbesitzer ohne Steinschlag-Vollkaskoversicherung nicht häufiger als nötig fahren möchten. Muss man aber auch nicht, dafür ist das "Feudo", das alte Gut aus dem 19. Jahrhundert, zu schön, die Familie Fatta della Fratta zu liebenswürdig, das Essen zu gut, der hausgemachte Wein zu schwer, der Blick zu gigantisch - am besten bleibt man also gleich ein paar Tage hier und bewegt sich nicht mehr weg. Der Hof ist deutlich größer als etwa das Xireni und sehr viel ursprünglicher, die Zimmer sind in den ehemaligen Stallungen und Lagerräumen um einen alten Brunnen gruppiert. Produziert wird eigener Wein, Olivenöl, Weizen, Obst und Gemüse. Da kann der Xireni-Mario mit seinen kleinen, wenn auch vorzüglichen Tomaten leider nicht mithalten, was ihn sichtlich wurmt. Konkurrenz gibt es zwischen den Höfen genau so wie früher, nur dass es jetzt nicht mehr um dicke Limonen sondern reiche Touristen geht.

Richtig richtig toll wurde es dann in der "Masseria Susafa". Ein großer, herrschaftlicher Hof von 1890, die "High-End Variante" in Sachen Agriturismo und noch immer einer der größten Weizenlieferanten der Gegend. Leider hat sich schon ein bisschen herumgesprochen wie idyllisch die Masseria ist (aber Westfalen braucht bitte nicht auch noch davon zu wissen), so dass die Zimmer und Apartments im Vergleich zum Xireni-Mario und den della Frattas gut ausgebucht sind. Einzige Hoffnung: Der Weg dorthin ist schwer zu finden, vielleicht gibt der ein oder andere Tourist auf halber Strecke bei der dritten Schafherde auf.

Angefixt von so viel entspanntem Agriturismo, geht man am Lido di Noto, dem Badeort der Barockstadt Noto, nicht mehr ins "Hotel President", das etwa dem Charme des Holiday Inn an der Prenzlauer Allee in Berlin entspricht. Zum Glück hat "der Fausto", ein smarter Sizilianer, dort vor acht Jahren neben dem verlassenen Bahnhof ein altes Weingut ein bisschen restaurieren lassen und eines der wenigen nicht-ländlichen Agriturismi eröffnet. "Al Casale dei Mori" liegt inmitten von Limonenhainen und Feigenbäumen und ja, Esel hört man auch irgendwo. Der Charme ist etwas modrig in manchen Zimmern, dafür reißt es der von Fausto wieder raus: Seine Schwestern und seine Frau schmeißen den Laden, der Hausherr repräsentiert, parliert und verteilt - Achtung: Klischee! - hausgemachten Limoncello an ausgewählte Gäste.

Aber auch das alles können Sie meinetwegen für sich behalten und lieber den wirklich viel zu kleinen Vorrat an Puddingschnecken beim Frühstück und die kaputten alten Tonkrüge rund um den Pool weiterverbreiten. Dann wird, für eine gewisse Klientel, ganz schnell wieder ein Aggro-Turismo daraus.

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Autor:
Silke Wichert