Istanbul Wohnen im Holzhaus

Es gibt Istanbuler, die wohnen noch in einem Holzhaus. Die alte Nurhan und ihr Bruder zum Beispiel. Ein Haus so windschief, als habe ein Karikaturist es da hingesetzt und nicht einmal das krumme Ofenrohr vergessen, das aus dem Giebel ragt. Der Vater hat das Haus einst gekauft für vier Lira, kurz darauf wurden die beiden hier geboren, das ist nun auch schon wieder ein Dreivierteljahrhundert her.

"Wir lieben unsere mahalle, unser Viertel. Die Nachbarn haben unsere Schlüssel und wir die ihren", sagt Nurhan. "Unser Holzhaus hätten wir schon längst abgerissen, aber die Stadt verbietet das. Jedes Jahr muss man renovieren, was das kostet! Aber eigentlich lebt es sich in Holz auch am angenehmsten. Im Winter zieht es zwar manchmal eisig, aber mittlerweile haben wir sogar Erdgas. Und erdbebensicher ist es! Sollte das große Beben wirklich kommen, dann zieht es uns vielleicht die Nägel raus - zwanzig Zentimeter lange Vierkantnägel! Die gehen dann aber gleich wieder rein. Wenn ich's Ihnen sage!"

Es ist noch gar nicht so lange her, da war Istanbul eine hölzerne Stadt. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Der Aufstieg des Betons war gleichzeitig der Niedergang der mahalle, des Kiezes der Alteingesessenen. Der moderne Istanbuler wohnte nun im apartman. Bei zufälligen Begegnungen auf der Straße kam es dann schnell zur Frage "Im wievielten Stock?" Die stolze Antwort hieß dann: "Im dritten." So hoch!

Wer im Apartment wohnte, ließ seine Kinder nicht mehr mit den Mahallekindern spielen, hatte Angst vor Schmutz, Schimpfwörtern und schlechten Sitten. "Mahallekind!" wurde für die Zöglinge der neuen Mittelklasse zum Schimpfwort, die anderen konterten: "Apartmankind!", Weichei! Wie immer entwickelte die Moderne ihren eigenen Sog und schluckte nach und nach die eben noch Skeptischen - so lange, bis die Mahallefamilien, die es sich leisten konnten, ebenfalls in Appartments einzogen. Und die schönen, alten Holzhäuser?

Die waren plötzlich die Hütten der Armen oder Brennholz in den Händen von Spekulanten und Parkplatzmafia. Die Istanbuler leben seit Menschengedenken im Schatten immer wiederkehrender Katastrophen, zwei von ihnen haben die Stadt geformt. Die einen, die Erdbeben, sorgten dafür, dass die Istanbuler ihre Stadt aus Holz bauten, einem billigen und flexiblen Material, das zudem in heißen Sommern klimatisch von Vorteil war. Die anderen, die verheerenden Feuer, sorgten dafür, dass sie ihre Stadt alle paar Jahre von Neuem aufbauen mussten. Auch deshalb sind kaum ältere Holzhäuser erhalten. Die wenigen aber, die noch heute stehen, sind Zeugen des WCom

Das wohl älteste und bekannteste dieser Häuser ist die Amcazade-Villa am Bosporus aus dem späten 17. Jahrhundert - auch wenn heute nur noch die Empfangshalle steht. Und doch gibt das Haus preis, wie nach der Eroberung Istanbuls durch Sultan Mehmet II. anatolische Bauprinzipien in die Stadt getragen wurden - vor allem die scharfe Trennung der Lebensbereiche von Mann und Frau. Oder die Sadullah-Pasa-Villa - auch sie ein yali, eine jener prachtvollen Ufervillen am Bosporus, in die sich der Hofstaat und die Reichen im Sommer zurückzogen, nicht ohne den Umzug dorthin in ihren prächtigen kayik-Booten angemessen zu zelebrieren.

Der Architekt Martin Bachmann hat im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) die Holzhausarchitektur in Istanbul erforscht. Das Haus des Sadullah Pascha aus dem späten 18. Jahrhundert nennt er ein "Kronjuwel osmanischer Bauweise". Man darf dort noch die Eleganz einer Architektur bewundern, die auf ein Leben ohne Möbel ausgerichtet ist - Teppiche und Kissen genügten. Deshalb ist auch die Fensterbrüstung viel niedriger, als wir es heute gewohnt sind: Alles richtet sich hier nach der Perspektive von Menschen, die auf dem Boden sitzen. Typisch sind auch die ornamentalen Grundrisse, bei denen die einzelnen Räume um einen offenen Salon herum angeordnet waren.

Als die Stühle kamen, wurden die Häuser höher

Wieder ein halbes Jahrhundert später begannen die Osmanen, sich ihre Ideen und ihre Möbel aus dem Westen zu holen. Die Folge: Die einst eher gedrungenen und erdigen Häuser begannen, sich in die Höhe zu recken. Die Menschen hatten nun Stühle und Sessel erklettert, also lagen auch die Fensterbänke nun höher. Aber noch immer waren die Häuser in Holz gekleidet, noch immer waren sie so farbenprächtig wie "übergroße Papageienkäfige", wie es ein früher Reisender schilderte. Man lasse sich da nicht täuschen von den Fassaden, die heute oft dunkel und verwittert dastehen.

Schon damals gab es Holzhäuser, die sich das Aussehen steinerner Bauten gaben, als ob sie sich ihres Materials schämten - ein erstes Anzeichen dafür, dass ihnen kein langes Leben mehr beschieden sein sollte. Der Untergang kam schnell. 1923 wurde die Republik gegründet, Istanbul verlor seinen Status als Hauptstadt, der gesamte Hofstaat seine Existenzgrundlage und viele der prächtigen Stadthäuser und Ufervillen aus Holz ihre Herren, die ihnen bis dahin alle drei bis vier Jahre einen neuen Anstrich und die Reparatur ihrer Dächer spendiert hatten. Den einfachen Bauten in der Altstadt ging es nicht besser, ein großes Feuer vernichtete 1918 fast jedes dritte Holzhaus.

Neue Gebäude wurden mehr und mehr aus Stein errichtet. Das war modern und feuersicher. Dazu kam die Umwälzung der Bevölkerung: Mit den Griechen wurde in den nächsten Jahrzehnten eine ganze Volksgruppe in die Flucht getrieben. Damit aber ging auch das Handwerk verloren - ein großer Teil des Holzbaus wurde traditionell von griechischen und armenischen Handwerkern geleistet.

In die leer stehenden Häuser schließlich zogen vor allem seit den 1960er Jahren arme Neuankömmlinge aus Anatolien. Und dass sich nun mancherorts fünf Dutzend Leute in ein Haus pferchten, in dem ursprünglich zwei Familien gelebt hatten, machte die Liebe zu den alten Bauten nicht größer. Die Häuser verfielen. "Es kam zu einem dramatischen Prozess des Verschwindens der Holzhäuser", sagt Martin Bachmann. "Und zwar vor unseren Augen, in den 1950er und 1960er Jahren."

Bachmann hat im Auftrag des DAI die Holzhäuser jahrelang studiert, er hat ihnen eine Ausstellung und einen großartigen Katalog ("Istanbuls Holzhäuser - Beispiele seiner historischen Wohnarchitektur") gewidmet. Man merkt ihm an, dass ihn ihr Verschwinden schmerzt: die Pläne des Bürgermeisters etwa, Teile der Altstadt abreißen und "im osmanischen Stil" wieder aufbauen zu lassen oder das Gerücht, die neuen Pächter der Amcazade-Villa - ein Bauunternehmen - hätten genau das gleiche vor: "Eine Horrorvorstellung", sagt Bachmann. "Aber Istanbul durchlebt im Moment eine Phase vergleichbar mit unseren fünfziger und sechziger Jahren: Da haben wir in Deutschland mehr alte Bausubstanz verloren als im Krieg."

Mittlerweile erlebt das Holzhaus aber ein Comeback, meistens allerdings als Mogelpackung. "Die Entfremdung ist heutzutage so weit fortgeschritten, dass viele, die in einem 'restaurierten' Haus aus Stahlbeton mit Holzverkleidung wohnen, glauben, sich in einem historischen Gebäude zu befinden", sagt die Architekturhistorikerin Zeynep Kuban. Wer genug Geld hat, renoviert eine der echten hölzernen Villen.

"Es ist ein wunderschönes Gefühl, in Holz zu leben", sagt Serdar Gülgün, ein Kunsthistoriker und Inneneinrichter, der sich in mühevoller Arbeit den alten Jagdpavillon eines osmanischen Paschas nahe dem asiatischen Ufer hergerichtet hat: "Du schläfst gut, du atmest gut. Es ist ein ökologisches Haus. Und außerdem ist es heute eine gute Investition." Osmanisches Design ist wieder chic. Serdar Gülgün hat einigen der neuen Reichen alte Villen am Wasser mit Antiquitäten eingerichtet. "Von den yali gibt es nur mehr kläglich wenige mit Originalsubstanz. Ein knappes Dutzend vielleicht", sagt Martin Bachmann.

Anderswo verfallen die Holzhäuser, etwa in Çukurcuma, nur zwei Straßen entfernt vom windschiefen Heim der alten Nurhan. Zwischen zwei Wohnblocks rottet eines vor sich hin, halb eingestürzt schon, das Dach gefährlich eingedrückt. Auf dem Balkon nebenan raucht eine greise Frau eine Zigarette. "Angst? Was kann ich schon tun?", sagt die Nachbarin. "Die Stadt sagt, das Ding sei denkmalgeschützt. Anrühren dürfen wir's nicht. Also warten wir einfach, bis es einstürzt. Dann ist das erledigt." Sie zieht an ihrer Zigarette, blickt skeptisch auf die morsche Hütte: "Es stürzt bloß nicht ein."

Autor:
Kai Strittmatter