Istanbul Im Zeichen der Bosporus-Götter

Möwen kreisen über den Wellen. Der Hafen bietet gerade genug Platz für ein Dutzend Fischerboote. Ein Händler verkauft frische Meeresfrüchte. Hakan, der Fischer, hat die Netze eingeholt, er weiß: "Es ist Blaubarsch-Zeit. Der Fisch wandert jetzt von Norden nach Süden." Seine Kumpane gesellen sich dazu, der Abend ist vorprogrammiert: Sie werden Raki kaufen, einen Gurken- und Tomatensalat zubereiten und Fisch grillen.

Wir sitzen am Ufer unter den hohen Platanen, schlürfen Tee und genießen den ruhigen Rhythmus eines Fischerdorfs am Meer. Dabei sind wir im Stadtteil Beylerbeyi, auf der asiatischen Seite des Bosporus, in einer Großstadt, die 14 Millionen Einwohner zählt. Zu unserer Linken erhebt sich eine gewaltige Hängebrücke, die über die Meerenge führt. Dahinter, wo das Marmarameer beginnt, sehen wir Kuppeln, Minarette und Türme. Das uns gegenüberliegende Ufer ist gerade tausend Meter entfernt. Umrisse von Häusern, Palästen, Wäldern und Gärten sind zu erkennen, in weiter Ferne die Wolkenkratzer der Stadt. Doch plötzlich verschwindet alles hinter einer grauen, hohen Mauer - ein riesiger Tanker zieht vorbei und versperrt uns 40 Sekunden lang die Sicht.

Das Gebiet am Bosporus, jener Meerenge, die das Schwarze Meer mit dem Marmarameer verbindet, sei eine "Landschaft voller Kraft und Weite", schwärmte Gustave Flaubert, der einst am Ufer entlangritt. Unzählige Literaten hat diese Landschaft angeregt. Dort, wo Meerwasser Europa von Asien trennt, ist die Vegetation üppig, drei Klimazonen treffen an der 31 Kilometer langen Wasserstraße aufeinander. Die beiden Hauptwinde Istanbuls, der Nordostwind Poyraz und der Südwestwind Lodos, kämpfen um die Vorherrschaft in der Stadt. Es gibt im Bosporus keine einheitliche Strömung. Eine starke Oberströmung verläuft vom Schwarzen Meer in Richtung Marmarameer, eine Unterströmung zieht entgegengesetzt. Kommen starke Winde hinzu, wird die Meerenge unpassierbar.

Fischer Hakan weiß, wie man die Zeichen der Bosporus-Götter lesen muss. Wann sich ein Lodos-Sturm zusammenbraut, wann die Fische sich verstecken und wann sie flüchten. Dinge, von denen Fremde keine Ahnung haben. Ich erinnere mich an einen Freund, der aus Ankara öfter nach Istanbul kam und bei mir, auf der asiatischen Seite, übernachtete. Ein Lodos-Sturm war ausgebrochen. Der Freund, der sich auf der europäischen Seite befand, stellte zu seinem Entsetzen fest, dass der Fährschiffe festlagen. Dann musste er die bittere Erfahrung machen, dass auch über die Brücken kein Weiterkommen war.

In Istanbul weiß jedes Kind, dass man bei starkem Lodos und ruhendem Fährbetrieb die Brücken meiden muss, weil die Staus sich stundenlang nicht auflösen. "Sinnig zwischen beiden Welten/ Sich zu wiegen lass ich gelten/ Also zwischen Ost und Westen/ Sich bewegen, sei's zum Besten!" schrieb Goethe im "West-östlichen Divan". Ich lehrte meinen Freund, dass man an solchen Tagen den Hügel hoch ins Vergnügungsviertel Beyoglu sieht und aus der Ferne beim Raki Wasser und Winde beobachtet.

Der Bosporus hat einen festen Platz in der Istanbuler Seele. Es gibt kaum einen türkischen Liebesfilm, in dem die Paare nicht irgendwo am Bosporus zueinander finden und sich küssen: auf der Fähre, auf einem Hügel mit wunderbarem Panorama oder einfach am Ufer. Die Istanbuler erinnern sich noch an Zeiten, als zahlreiche Badestrände den Bosporus säumten. Bis heute finden jährlich Schwimmwettbewerbe statt, von Ufer zu Ufer.

Der Bosporus ist bei den Stadtbewohnern Synonym für Freizeitvergnügen: Mit der Fähre Richtung Schwarzes Meer fahren, in einem Restaurant der nördlichen Viertel Fisch essen, mit dem Motorboot in eine Bucht fahren, schwimmen oder im Wald spazierengehen. Schließlich haben schon die Osmanen am Bosporus Erbauung gesucht und an den Ufern Paläste und Sommerresidenzen gebaut. Doch die Meerenge war auch ein Ort erbitterter Machtkämpfe, groß ihre strategisch-militärische Bedeutung.

Araber, Bulgaren und Wikinger haben die Stadt belagert und ihre Spuren hinterlassen. Am 13. Februar 1352 lieferte sich die genuesische Flotte, von den Osmanen unterstützt, erbitterte Kämpfe mit den Venezianern, die wiederum mit Byzanz verbündet waren. Als Sultan Mehmet II. 1453 Konstantinopel eroberte, hatte er sich längst die Vorherrschaft über den Bosporus gesichert und seine Kanonen in den Burgen Rumeli Hisari auf der europäischen Seite und Anadolu Hisari auf der asiatischen Seite in Stellung gebracht.

Die deutschen Kreuzer "Goeben" und "Breslau" liefen nach langer Flucht vor der britischen Navy im August 1914 in den Bosporus ein. Kurzerhand hissten sie die osmanische Flagge, die "Goeben" wurde in "Yavuz" umbenannt, die "Breslau" in "Midilli". Der deutsche Admiral Wilhelm Souchon wurde Pascha der Seestreitkräfte des Sultans. Es war jener Admiral, der dann - ohne den türkischen Generalstab zu informieren - das russische Odessa beschoss und so den Kriegseintritt des Osmanischen Reichs provozierte. Nach dem Ersten Weltkrieg kontrollierte die britische Flotte bis zur Ausrufung der Türkischen Republik die Meerenge.

Das Stadtbild war geprägt vom Elend Hunderttausender russischer Flüchtlinge. In der Zeit des Faschismus überquerten jüdische Auswanderer den Bosporus Richtung Palästina. Und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bildeten sich an seinen Ufern russische Großmärkte. Der Bosporus ist nicht nur ein idyllisches Revier, er ist Durchgangsgewässer für große Menschen- und Handelsströme: Die natürliche Meerenge, wegen ihrer Schönheit schon in der Antike besungen, hat eine viermal höhere Verkehrdichte als der Suez- Kanal und eine dreimal höhere als der Panama-Kanal.

Cahit Üstikbal, Bosporus-Lotse, kann ein Lied davon singen. "Es ist kein Vergnügen, einen Tanker, der 150.000 Tonnen Rohöl oder Ammoniak geladen hat, mitten durch die Stadt zu schleusen. Aber er muss da durch." Mehr als 50.000 Schiffe passieren die Meerenge pro Jahr, selbst modernste Technik kann Havarien nicht immer verhindern. 1999 passierte die "M/T Spetses" mit 140.000 Tonnen Rohöl den Bosporus. Ein Lodos-Sturm kam auf. Sie hätte beinahe das Ufer gerammt, im letzten Augenblick warf das Schiff in Höhe von Pasabahce Anker. Und jeder Istanbuler, der älter als 30 ist, erinnert sich noch an die "Independenta"-Katastrophe: Der rumänische Tanker war 1979 mit der griechischen "Evriyali" kollidiert und brannte mit 90.000 Tonnen Rohöl an Bord aus. Istanbuls Nächte waren hell erleuchtet, bei der Explosion gingen selbst die Scheiben des vier Kilometer entfernten Topkapi-Palasts zu Bruch.

Der Bosporus verbindet: die große Politik, Kriegsschiffe und Tanker mit dem Alltag der kleinen Leute. Schulkinder hänselten über Jahre hinweg dicke Mitschüler mit dem Spitznamen Independenta. Der Bosporus trennt: die Fußballfans. Nach jedem wichtigen Spiel der Mannschaften Fenerbahce und Galatasaray ist die Polizei im Großeinsatz. Kilometerlange Autokonvois ziehen mit Fahnen schwenkenden Fans durch die Stadt. Doch niemals würde sich ein Fan von Galatasaray auf dem gegnerischen, dem asiatischen Ufer zu erkennen geben. Galatasaray-Fans, die auf der asiatischen Seite wohnen, müssen sich ohne Club-Symbole auf den Weg machen, erst jenseits der Meerenge können sie Farbe bekennen.

Ein alter Grieche, der auf der asiatischen Seite wohnt, erzählte mir, dass früher auch Gottesmänner an den Bosporus-Kämpfen teilnahmen. Hatte Fenerbahce gegen Galatasaray gewonnen, trugen die Männer - Moslems, Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Juden - einen Sarg mit der Fahne Galatasarays an das Ufer des Bosporus. Selbst Priester und der Imam waren dabei, als er, Symbol für die Feinde jenseits des Wassers, in die Wellen des Bosporus gestoßen wurde. Man schmäht sich seit Generationen: Alle Istanbuler, die auf der europäischen Seite arbeiteten und wohnten, heißt es, kämen mit dem täglichen Existenzkampf, mit Smog und Verkehrschaos nicht zu Recht.

Alle Istanbuler aber, die in Europa arbeiteten und in Asien wohnten, seien - sofern sie mit der Fähre nach Hause führen - ausgeglichene Zeitgenossen. Sie atmeten die Winde des Bosporus ein und gönnten sich während der Überfahrt einen Tee auf der Fähre. Und wer täglich den Kontinent wechsele, sei Gott näher. Hakan, der Fischer, und seine Kumpane sind spät am Abend allemal Gott näher gekommen. "Allah hab' ihn selig, erinnerst du dich noch an Opa Mansur? Mit 78 Jahren ist er noch bis nach Cengelköy gerudert. Er hat einen Thunfisch, der 300 Kilogramm wog, allein gefangen."

In der Nacht hat sich der Bosporus, Schnittpunkt zweier Kontinente und zweier Meere, in ein Lichtermeer verwandelt. Ein Boot mit lauter Musik und Dutzenden von Menschen an Bord zieht wenige Meter an uns vorüber. Eine Hochzeitsgesellschaft. Hochzeiten auf dem Bosporus sind in Mode gekommen.

Autor:
Ömer Erzeren