Istanbul Hagia Sophia - Von der Kirche zur Moschee

Der Karren eines Straßenhändlers rattert über das Kopfsteinpflaster, sonst ist es ruhig in der von Bäumen beschatteten Eroberungs-Tor-Gasse. Frauen im çarsaf, dem schwarzen Ganzkörperschleier, laufen mit gesenktem Blick zum Markt; die Männer tragen Pluderhosen, Bärte, Gebetskäppis. Die Bewohner des Çarsamba-Viertels, das sich hoch über dem Goldenen Horn um die Fethiye-Moschee gruppiert, sind in der Türkei für ihre Frömmigkeit und Sittenstrenge bekannt. Wenn der Ruf des Muezzin ertönt, ist der feuchte, dunkle Raum unter der Kuppel rasch gefüllt mit Gläubigen, die sich gen Mekka verneigen.

Das tausendjährige Gotteshaus, in dem die frommsten Moslems von Istanbul zu Allah beten, hat aber auch eine andere Seite: Um die Gassenecke ist das Gebäude durch einen Rosengarten auch von der Rückseite zugänglich - nur betritt man dann nicht die Moschee, sondern das Parekklesion, die Seitenkapelle der alten Pammakaristos-Kirche, die einst eine der bedeutendsten Kirchen Konstantinopels war, wie die byzantinischen Goldmosaiken von Christus und den Propheten im Inneren bezeugen.

Im 16. Jahrhundert verwandelten die osmanischen Machthaber die Kirche in eine Moschee. 1949 wurde das Parekklesion restauriert und zum Museum erklärt. Christentum und Islam bestehen in direkter Nachbarschaft, wie in der Fethiye-Moschee, so auch in ganz Istanbul: Hinter den Fassaden von Minaretten und Moscheen stößt man überall auf die Geschichte des Christentums. Von der Formulierung der theologischen Grundlagen über den Aufstieg zur Weltreligion bis hin zur Spaltung der Christenheit - hier im früheren Konstantinopel sind stets die Weichen für die Entwicklung des christlichen Glaubens gestellt worden.

Unten am Goldenen Horn, durch die engen Gassen von Balat und Fener nur einen viertelstündigen Spaziergang von der Pammakaristos-Kirche entfernt, wird daran heute noch gearbeitet. Nur durch einen Seiteneingang ist die Kirche Hagios Georgios im Zentrum Istanbuls zu betreten. Hier residiert der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, das spirituelle Oberhaupt von 300 Millionen orthodoxen Christen in aller Welt. Das Haupttor ist versiegelt, seit 1821 der damalige Patriarch auf Befehl des Sultans hier aufgeknüpft wurde. Das seit 1700 Jahren in dieser Stadt verwurzelte Patriarchat wird von den türkischen Behörden mehr schlecht als recht gelitten. Und doch verfolgen die Theologen hinter dem zugeschweißten Tor in diesen Tagen kein geringeres Ziel als die Wiedervereinigung der Christenheit.

Weihrauch steigt vor der goldschimmernden Ikonostase von Hagios Georgios auf, wenn dort die Messe gefeiert wird. Im Schein von Kerzen und Lüstern erfüllen sonore Sprechgesänge den Raum, während die Ketten an den schwingenden Weihrauchgefäßen rhythmisch klimpern. "Pisteuo eis hena Teon, Patera, pantokratora, poieten ouranou kai georaton te panton kai aoraton", rezitiert der Priester auf Griechisch das Glaubensbekenntnis, das die Kirchen in Ost und West noch immer verbindet: "Ich glaube an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt ..." Als Nicäno-Konstantinopolitanum bezeichnen Theologen dieses Glaubensbekenntnis, die Grundlage des christlichen Glaubens, weil es im nahen Nicäa und hier in Konstantinopel formuliert wurde.

Der Weg zurück zu den gemeinsamen Wurzeln der Christenheit ist in Istanbul nicht weit. Nur vier Kilometer von Hagios Georgios entfernt erhebt sich im Vorgarten des osmanischen Topkap-Palastes die Hagia Irene, eine der ältesten und schönsten byzantinischen Kirchen der Christen - und die Geburtsstätte des Glaubensbekenntnisses. Nur auf Antrag und mit Sondergenehmigung schiebt ein Wärter heute die gewaltigen Riegel am Kirchentor zurück. Sonst finden in der ersten in Konstantinopel erbauten Kirche Konzerte, Ausstellungen und Theatervorstellungen statt. An den Ort, an dem im Jahr 381 die Bischöfe des Römischen Reiches das Nicäno-Konstantinopolitanum verabschiedeten.

Im Sommer 1054 brach das vereinigte Christentum auseinander

Ein dramatisches Jahrhundert war das für die Christenheit: Das Machtzentrum des Römischen Reiches verlagerte sich von Rom nach Konstantinopel, die Geschicke des jungen Glaubens wendeten sich zum Guten. Die Christenverfolgungen der ersten Jahrhunderte gingen zu Ende, Kaiser Konstantin I. nahm den christlichen Glauben an, und noch vor der Jahrhundertwende, 391, hatte Kaiser Theodosius I. das Christentum zur alleinigen Religion des Reiches erhoben. Von einer verfolgten Minderheit waren die Christen innerhalb eines Jahrhunderts Träger einer Staatskirche geworden.

Ihre Dogmen legte die Kirche in den folgenden knapp 500 Jahren auf den sieben Ökumenischen Konzilen fest, die in und um Konstantinopel tagten und deren Beschlüsse in den meisten Kirchen der Welt noch heute Gültigkeit haben. Mit Leidenschaft und manchmal mit Gewalt wurden diese theologischen Grundlagen geschaffen. Dem fünften Ökumenischen Konzil in der Hagia Sophia etwa ging ein theologischer Disput zwischen Kaiser Justinian und Papst Vigilius voran, der in einer Verfolgungsjagd kreuz und quer durch Konstantinopel und über den Bosporus nach Chalcedon gipfelte. Als die Soldaten des Kaisers ihn dabei aus einer Kirche herauszerren wollten, klammerte sich der aus Rom herbeizitierte Papst einmal so am Altar fest, dass dieser einstürzte; ein andermal seilte er sich aus einem Fenster ab, um seinen Verfolgern zu entkommen.

Das siebente Konzil im Jahr 787, bei dem es um die Anerkennung der Ikonenverehrung als "rechtgläubig" ging, musste hastig nach Nicäa vertagt werden, als eine Garde kaiserlicher Soldaten mit gezückten Schwertern in die Apostelkirche stürmte und die versammelten Bischöfe auseinandertrieb: Die Soldaten dachten in Sachen Ikonen anders als die Geistlichkeit.

Es ist eigentlich ein Wunder, dass die Kirche tausend Jahre lang geeint blieb - zumal die kulturellen Spannungen im Reich sie auseinandertrieben: Im Osten sprach die Kirche griechisch, im Westen lateinisch; in der Hauptstadt Konstantinopel kooperierten Patriarch und Kaiser, in Rom waltete der Papst allein und bekam immer mehr weltliche Macht. Doch als die "Lateiner" an dem Nicäno-Konstantinopolitanum rührten und ihm ein Wort hinzufügten, war Schluss mit der Einheit im Glauben. "Filioque" ("und vom Sohn") hieß das folgenreichste Wort der westlichen Kulturgeschichte, mit dem der Ursprung des Heiligen Geistes vom Vater auf den Sohn ausgedehnt wurde. Bis heute spaltet dieses Wort die Christenheit.

Zum Bruch kam es im Sommer 1054: Mit dramatischer Geste betrat Humbert von Silva Candida, Kardinal und Gesandter des Papstes, die Hagia Sophia, wo gerade ein Gottesdienst gefeiert wurde. Zwar war der Papst gestorben, seit Humbert aus Rom abgereist war, doch das beirrte den Gesandten nicht. Auf den Altar der Hagia Sophia, der bedeutendsten Kirche der Christenheit, knallte Humbert eine päpstliche Bulle zur Exkommunikation des Patriarchen von Konstantinopel, stolzierte danach zur Tür und schüttelte dort demonstrativ den Staub von seinen Füßen.

Der Rest ist Geschichte: Der Patriarch exkommunizierte seinerseits die päpstliche Delegation, und das Große Schisma zwischen der orthodoxen und der römischen Kirche nahm seinen Lauf. 150 Jahre später wurde der Bruch nochmals am Altar der Hagia Sophia besiegelt: Ritter des vierten Kreuzzuges schlugen ihn in Stücke. Die Eroberer aus dem Westen "brachten Pferde und Maultiere in die Kirche, um die erbeuteten Heiligtümer abzuschleppen und das Gold und Silber, das sie vom Patriarchenthron und von der Kanzel abgerissen hatten", beschrieb ein zeitgenössischer Beobachter die Plünderung. "Eine ordinäre Dirne wurde auf den Patriarchenthron gesetzt, wo sie vulgäre Lieder sang und den heiligen Ort entweihte."

Die Kreuzritter raubten, mordeten und brandschatzten, bis Konstantinopel auf den Knien lag. Eine Aussöhnung zwischen Christen in Ost und West schien in dieser Welt nicht mehr möglich. Und doch winkten Papst und Patriarch eines schönen Herbsttages im Jahr 2006 gemeinsam von einem Balkon am Goldenen Horn herab, lachend, die hochgereckten Hände ineinander verschlungen: Papst Benedikt XVI. und Patriarch Bartholomäus I. demonstrierten Verbundenheit, fast tausend Jahre nach der Kirchenspaltung.

Den ersten Schritt hatten ihre Amtsvorgänger 1965 mit der Rücknahme der gegenseitigen Exkommunikationen getan, doch weiter war die Aussöhnung nicht gekommen - zu weit hatten sich die Kirchen in tausend Jahren voneinander entfernt. Unter Bartholomäus und Benedikt ist der Traum von der gemeinsamen Eucharistie wieder aufgelebt. Im Patriarchat von Konstantinopel wird unter Hochdruck an der Voraussetzung für Einheitsgespräche mit dem Vatikan gearbeitet: einer Einigung der vielen orthodoxen Kirchen, die sich untereinander nicht einmal über das Datum des Weihnachtsfestes einig sind.

Unter einer silbern verzierten Ikone in seinem altmodisch möblierten Büro in der Hagios-Georgios-Kirche legt Pater Dositheos Anagnostopoulos, der Sprecher des Patriarchen, die Fingerspitzen zusammen und berichtet von den Fortschritten bei der pan-orthodoxen Einigung. Über Nacht sei die Wiedervereinigung der Kirche nach tausend Jahren nicht zu machen, räumt er ein und blickt durch die hohen Fenster hinaus auf die Gassen des alten Konstantinopel. "Aber ich glaube nicht, dass es noch einmal tausend Jahre dauert, bis wir wieder eine Kirche sind."

Autor:
Susanne Güsten