Istanbul Eine Städtereise zum Verlieben

Manchmal erinnert diese Stadt an einen ihrer Straßenköter: Istanbul ist nicht gestriegelt und herausgeputzt. Istanbul ist schorfig und heruntergekommen. Einen großen Bogen möchte man machen um so einen Bastard. Und trotzdem kann es passieren, dass man ihm in die Augen schaut, und dann ist es um einen geschehen.

Istanbul, der Moloch. Die Stadt, die sich so lange einen feuchten Kehricht um den Rest des Landes geschert hat, bis der Rest eines Tages sagte: Dann kommen wir eben zu dir. Und jetzt sitzt die halbe Türkei in der Stadt, wartet auf das Glück und bekommt doch oft nur ein Leben zugedacht - so bitter wie der starke, türkische Tee.

Ich kam nach Istanbul geflogen aus China. Stieg aus, ging nach Beyoglu in die Fußgängerzone - stand da mit offenem Mund und dachte, ich sei wieder in Schanghai. Ich las nach und wirklich: 13, 14, 15, 17 Millionen leben hier, so genau weiß das keiner. Eine der ältesten Städte der Erde. Eine der jüngsten Städte der Erde. Die größte Metropole Europas. Das größte Dorf Europas. Oder muss das jetzt heißen: Asiens? Wer von der Altstadt kommend über eine der beiden Bosporusbrücken fährt, den empfängt am anderen Ende ein Schild: "Willkommen in Asien". Aber dann entdeckt man, dass die Stadt in ihren asiatischen Vierteln wie Kadköy und Moda europäischer aussieht als vielerorts auf der europäischen Seite und dass gerade die in Europa liegende Altstadt jener Teil Istanbuls ist, den viele Besucher als besonders orientalisch empfinden.

Eine Warnung: Diese Stadt pustet einem die Klischees zu Staub, und zwar auf so gründliche, die Sinne aufs herrlichste durcheinanderwirbelnde Art, dass man gerade einem jeden Deutschen unverzüglich eine Woche Zwangsurlaub verordnen möchte. Mich als Pekingflüchtling packten hier sowieso ganz erstaunliche Gefühle: Wolken! Haselnusssträucher! Im Sommer am Bosporus wilde Erdbeeren, im Herbst Kastanien, im Winter Schnee und geröstete Maroni! Osterzopf in der Bäckerei! Und immer wieder: Wolken am Himmel! Anfangs war mir, als sei ich schon fast wieder zu Hause in Deutschland, so vertraut mutete mich vieles an.

Und dann wieder: eine Picknickgesellschaft auf einer Verkehrsinsel, umtost von acht Spuren Stadtautobahn. Eine Schafherde im Stadtzentrum, daneben der Schäfer, genüsslich Käse und einen Kanten Brot verzehrend. Ein zur Opferung vorbereitetes Kamel auf der Rollbahn des Flughafens. Istanbul lässt sich nicht auf einen Nenner bringen. Aus Istanbul lässt sich nicht schlau werden. Istanbul verstört. Istanbul beglückt.

Istanbul ist nur ein Klecks

Ein Blick auf die Karte. In der großen Türkei ist Istanbul nur ein Klecks. So wie in der wuchernden Metropole von heute das alte Istanbul, das die Alteingesessenen als "ihre" Stadt akzeptieren, nur ein Klecks ist. Aber was für ein Klecks. Der schönste Fleck auf der Karte. Noch auf einer Weltkarte täte man sich schwer, einen schöneren zu finden. Das Herz ist der Bosporus. Welches Licht. Eine Zwischenwelt. Zwischenzeit. Er öffnet Blick und Horizont. Ist ein gleißender Spiegel, der an manchen Tagen das Licht der Sonne, türkis gebrochen, ein zweites Mal auf das Antlitz der Stadt wirft und ihm ein kühles Flirren verleiht.

Käme einer in die Stadt und hätte nur zwei Stunden Zeit, ich würde ihn auf eine Bosporusfähre setzen. Man treibt, schaut, meditiert. Fahren Sie nicht nur hoch zum Schwarzen Meer, fahren Sie nicht nur runter Richtung Marmarameer, fahren Sie geradewegs Richtung Nirvana! Es ist der Bosporus, der dieser Stadt seine Seele verleiht. Es ist der Bosporus, der sie schützt. Da mögen die Stadtväter sich auch noch so viel Mühe geben - hier führen Bürgermeister noch Wahlkampf mit Plakaten, auf denen stolz eine einzige Zahl steht: die eins, zwei, drei Millionen Tonnen Beton, die einer in den letzten fünf Jahren seiner Amtszeit über seinem Viertel ausgekippt hat - Istanbul ist einfach nicht kaputt zu kriegen.

Manzara, der Aus- und Anblick, ist eines der wichtigsten Worte hier: Der Istanbuler ist ein Betrachtender, oft Meditierender. Und wenn er bloß stundenlang hinter dem Steuerrad seines Autos auf einem Parkplatz am Bosporusufer sitzt und sich vom Teejungen durch das Fenster ein Glas Tee rot wie Hasenblut reichen lässt. Diese Stadt ist nicht nur gesegnet mit dem Bosporus, sie ist auch gesegnet mit einer Topografie, die den Bosporus in einen Saum von Hügeln bettet, von denen herab sich endlos staunen lässt. Gerade nachts.

Ein anderes meiner türkischen Lieblingsworte ist yakamoz. Kein Zufall kann es gewesen sein, dass die Macher der deutschen Zeitschrift Kulturaustausch vor einigen Jahren ausgerechnet dieses zum schönsten Wort der Welt erkoren: yakamoz leitet sich ab vom altgriechischen diakamos, welches den "Widerschein des Mondes im Wasser" einfängt - seit Anbeginn dieser Stadt huldigen ihre Bewohner diesem Schauspiel mit nächtlichen Kahnfahrten in den Buchten des Bosporus, begleitet von Gesang und hastig ausgetauschten Liebesschwüren.

Unter denen, die der Stadt verfallen sind, gibt es zwei Sorten: die, die für den morbiden Zauber des Vergangenen und des Niedergangs empfänglich sind, eines Abstiegs, der seit dem Todeskampf des Osmanischen Reiches mehr als eineinhalb Jahrhunderte andauerte und jenen Istanbul-Blues hervorbrachte, dem Schriftsteller wie Ahmet Hamdi Tanpnar und Orhan Pamuk ein Denkmal setzten. Und es gibt die Anderen, Jüngere meist, die Aufbruch und Jugend in Erregung versetzen.

Yalçn Konus ist einer von ihnen, kam aus Frankreich zurück nach Istanbul, macht Mode, Musik, alles mögliche. "Wenn du hier auf die Straße gehst, dann hast du das Gefühl, du müsstest gegen den Wind anlaufen. So viel Energie ist hier." Für beide, für den Melancholiker wie für den Abenteurer, ist der Bosporus Balsam. "Ich höre Istanbul, meine Augen geschlossen". Wenn Sie nur ein Gedicht über Istanbul lesen, dann das von Orhan Veli Kank.

Lauschen Sie in diese Stadt: Frühmorgens, manchmal noch vor dem Ruf des Muezzins, werden Sie das Krächzen der Möwen hören, die fett und geschwätzig im Himmel hängen. Was Sie da weckt, gleicht einem Lachen. Dann das Tosen und Hupen auf den Straßen. Das Knattern der Türkeifahnen im starken lodos, dem Südwestwind, der so manchem in der Stadt den Verstand aus dem Hirn bläst. Das metallische Klappern, wenn der Löffel auf die blecherne Untertasse des tulpenförmigen Teeglases fällt. Die Sirene der Bosporusfähre, die die Pendler in die Stadt bringt. Der laute und tiefe Bass, mit dem die mächtigen Tanker ihre Vorfahrt einfordern - ein Bass, der lange Nachhall findet zwischen den Hügeln, die den Bosporus einrahmen. Lassen Sie Ihre Augen ruhig geschlossen!

Autor:
Kai Strittmatter