Istanbul Die Prinzeninseln

Wir begegneten der Dame auf dem Schiff, sie saß allein auf dem Oberdeck. Unten rumpelten die alten Dieselmotoren, die Dame hatte gegen die Kälte des abziehenden Winters ein Kopftuch umgebunden. Fremd war ihre Kleidung, sie schaute weich und unverwandt auf das graue, bucklige, lärmige Monster, das wir langsam hinter uns ließen, aber nie aus dem Blick verloren: Istanbul.

Acht Millionen Einwohner, sagte Murat. Was fällt dir ein, schrie Serap, 20 Millionen!

Seit das Schiff in Eminönü losgetuckert war, balgten und stritten sich die beiden in heftiger Vorfreude. Die Prinzeninseln. Noch einmal die Prinzeninseln! Die Inseln der ersten Liebe. Die Inseln der verträumten Spazierwege. Die Inseln der Kutschen und der sanften Sommerbrise. Die Inseln der Pistaziensträucher und Pinienwälder. Wie eine Perlenkette reihen sie sich im Marmarameer aneinander, neun an der Zahl, fünf davon bewohnt, locken mit dem Versprechen auf Ruhe und Muße.

Büyükada, schwärmte Murat, ist die schönste Insel. Hier ist er noch zu spüren, der Prunk und der Charme einer verblichenen Bourgeoisie. Was erzählst du da, fiel ihm Serap ins Wort, Heybeliada ist die schönste, die Nachbarinsel, mit ihren Wäldern und Stränden und dem klaren Wasser. Beide sind sie stellungslose Schauspieler, Murat auf dem Sprung nach Berlin, Serap wartete auf einen Bescheid aus London. Ein weißhaariger Kellner brachte Tee und Gebäck. Die Dame schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Tapfer und zielstrebig kämpfte sich unser alter Kahn voran, legte in Kinaliada an, der "Hennafarbenen". Die Insel grüßte mit Reihen hässlicher Neubauten und einem Wald von Antennen. Das ist die Insel der armenischen Schmuckhändler, berichtete Murat. Sie liegt der Stadt am nächsten, deshalb konnten die Händler täglich hin und her pendeln. Diese Insel, entschied er, lassen wir aus.

Am Ende des 8. Jahrhunderts verbannte die byzantinische Herrscherin Irene ihren Sohn auf die Inseln im Marmarameer, um an seiner Stelle den Thron zu übernehmen. Anderen jugendlichen Adligen ging es nicht besser - verstoßene Königskinder gaben dem Archipel seinen Namen. Serap erzählte es, und so, wie sie es sagte, konnte man denken, sie würde vielleicht lieber hier in der Verbannung leben als fern in London auf der Bühne zu stehen.

Es gibt auch Schnellboote zu den Inseln, aber das, fand Murat, ist etwas für Touristen. Zum Vergnügen des Ausflugs gehört der gemächliche Ritt über die Wellen, das Knarren der alten Bänke, die schon so viele Geschichten gehört haben. Die einsame Dame mit dem Kopftuch mochte das Gleiche denken. Jedenfalls wandte sie sich plötzlich an uns. Denkt daran, sagte sie, die Prinzeninseln sind nicht nur ein Ort der Verbannung. Lange waren sie auch die Inseln der Freundschaft, wo die unterschiedlichsten Sprachen, Türkisch, Griechisch, sephardisches Hebräisch, Französisch, Englisch gesprochen und alle Religionen toleriert wurden.

Gern hätten wir ihr länger zugehört, aber das Schiff legte jetzt auf Burgaz Adasi an, für die beiden jungen Türken das Zeichen zu einem erneuten fröhlichen Wettstreit. Die Fische sind müde, das Meer erschöpft. So schrie Murat in den Wind. Die Welt riecht nach Pfirsichen und Honigmelonen. So überbot ihn Serap.

Die großen Worte des Erzählers Sait Faik, der 20 Jahre auf Burgaz Adasi gelebt hatte. Auf allen Seiten vom Meer eingeschlossen, dachte er über die Menschen und das Wesen einer Insel nach. Hier, schrieb er, hier erteilen uns Wind, Stürme, Meeresungeheuer den Befehl zur dicken Freundschaft, sie erzählen, dass uns kräftige, feste Muskeln gegeben wurden, um den Schwachen beizustehen, ein scharfer Verstand, um uns mit dem noch bescheideneren, langsameren Geist, ja selbst der Dummheit anzufreunden, dass die Suppe deshalb so herrlich duftet, damit wir sie mit dem teilen, der ohne sie auskommen muss.

Wir fuhren weiter nach Heybeliada, deren Strände und grüne Wälder Seraps Glück bedeuten. Es zog uns hinauf auf einen der beiden Hügel, dort gingen wir an hundertjährigen Holzvillen und prächtigen Gärten vorbei, und dann, oben angelangt, kamen wir zu einer dicken Mauer, deren Einlass von einem grimmigen Wärter bewacht wurde.

Das alte Kloster der Griechisch-Orthodoxen, flüsterte Serap, das geschlossene Priesterseminar. Misstrauisch näherte sich uns der wachhabende Mensch, und als er fragte, was wir hier zu suchen hätten, antworteten wir mutig, wir wollten dem Kloster einen Besuch abstatten. Es folgte ein längeres Verhör über Absichten und Herkunft, schließlich erhielten wir den Bescheid, ein Stündchen zu warten.

Man sah auf das tiefblaue Meer, man sah die Nachbarinseln, man sah Istanbul, roch die Natur, und auch sonst lohnte sich das Warten. Pater Theodor kam im wallenden schwarzen Rock, er lud uns ein, Geschichte zu besichtigen.

Im Jahr 736 waren die Mönche auf die Insel gekommen, hatten Piraten, Erdbeben und Kreuzzüge überstanden. 1840 zerstörte ein Feuer die Gebäude, das Kloster wurde neu aufgebaut, ein Priesterseminar eingerichtet.

Wir sahen die kostbaren Ikonen in der Kapelle, die alte Bibliothek mit den 60.000 Büchern und die leeren Schlafsäle und Schulzimmer, von den vier letzten Mönchen des Klosters frisch gebohnert. 1971 hatte die türkische Regierung das Unterrichtswesen verstaatlicht und private Universitäten verboten. Jetzt hoffen die Bewahrer des alten Wissens auf eine andere Laune der Politik, die es ihnen erlaubt, wieder Nachwuchs auszubilden für die 80 griechischorthodoxen Kirchen, die in Istanbul noch bestehen.

Serap und Murat waren beeindruckt. Und als Pater Theodor erklärte, dass es die reichen Griechen Istanbuls waren, welche die Prinzeninseln als Sommerresidenz entdeckt und hier ihre Villen und Landhäuser erbaut hatten, und als er sagte, dass nach dem Zypern-Konflikt 1974 die meisten Griechen weggegangen seien, da erinnerten sich plötzlich alle an die Dame vom Schiff.

Weiter nach Büyükada, Königin der Prinzeninseln. Es war nach Mittag, als das Schiff anlegte, und die Frühlingssonne wärmte die alten Hotels der Strandpromenade. Ein Fischer klaubte ein paar Sardinen aus dem Netz, eine Schar Katzen wartete hungrig. Wir aßen etwas in einem alten Kaffeehaus, und es stellte sich heraus, dass der Besitzer, Hasan Aktas, lange Jahre in Deutschland gearbeitet hatte.

Und wieder ein Spaziergang durch die Geschichte: Zehn Jahre lang hatte Hasan Aktas auf dem Münchner Friedhof Gräber geschaufelt. Mit dem sauer verdienten Geld hatte er sich das Kaffeehaus gekauft, Emer Casino mit stolzem Namen, das einem ausgewanderten Griechen gehört hatte. Auf der Insel Büyükada, auf welcher der Vater Gärtner gewesen war, und die man zu seiner Jugendzeit nur mit Handschuhen und Krawatte hatte betreten dürfen.

Nein, sagte Hasan Aktas, heute kommen Istanbuls beautiful people über das Wochenende nicht mehr auf die Prinzeninseln. Sie fliegen in den Süden. Die meisten Häuser hier wurden von sephardischen Juden gekauft, die im 16. Jahrhundert vor der spanischen Inquisition nach Istanbul geflohen waren.

Und Hasan Aktas selber? Er gehört zur Minderheit der Alawiten. Und die Pferdekutscher, welche die Gäste über die Insel fahren, sind in der Mehrzahl Kurden. Eine Arche Noah der Kulturen, sagte Murat.

Erst heute Morgen, flüsterte Hasan Aktas, ist mit dem ersten Schiff eine Dame angekommen, eine Griechin. Und sie fragte mich, denn ich spreche auch Griechisch, wo der Sohn des Apothekers sei, des türkischen Apothekers vom Dorfplatz, mit dem habe sie immer gespielt in ihrer Jugend. Aber wer weiß schon, brummte Hasan Aktas, wo der Sohn des Apothekers hingekommen ist?

Wir buchten eine Kutschenfahrt, die kleine. Überhaupt sollte man nur mit Kutschen durch die Geschichte fahren. Murat und Serap wickelten sich fest in die Wolldecken. Vorbei am Haus, in dem Trotzki von 1929 bis 1933 die Geschichte der russischen Revolution geschrieben hat. Vorbei an den Phantasien der verschiedenen Architekten. Durch duftende Pinienwälder, bis Serap und Murat, ein einziges Mal einstimmig, Halt geboten.

Hinauf darf man nur zu Fuß, sagten sie. Oben, auf 203 Meter Höhe, liegt die Hagios Giorgios, eine griechischorthodoxe Wallfahrtskirche. Aber alle, sagte Murat, ob Muslime, Juden oder Christen, dürfen sich etwas wünschen, wenn sie die steile Straße hinaufklettern. Ja, bestätigte Serap, und wenn du barfuß gehst, nicht sprichst und nie zurückschaust, geht der Wunsch auch in Erfüllung. Sie sprachen wenig, als wir hinaufgingen, und sie schauten nicht zurück. Murat auf dem Sprung nach Berlin. Serap auf dem Weg nach London. Oben gab es einen Kiosk und den Blick über das Meer.

Und dann sahen wir die Dame wieder. Auch sie hatte den Weg hinauf zu Fuß gemacht. Sie lächelte uns zu. Dann zog sie langsam Strümpfe und Schuhe wieder an.

Autor:
Ruedi Leuthold