Türkei Der Große Basar in Instanbul

Wer einen Hauch des Glanzes und der Mystik vergangener Zeiten erleben will, muss sich erst gegen eine Armada von Souvenir-, Taschen- und Jeanshändlern behaupten. Muss die gleißend leuchtenden Auslagen der Läden ignorieren, in denen unzählige Armreifen, Ketten und Ringe verramscht werden. Muss vorbei an Geschäften mit Stapeln von Teppichen oder Messingkrügen, muss die Händler passieren, die in ihren Läden Halbedelsteine in blau, grün, lila an dünnen Fäden von den Wänden hängen lassen.

Wer immer tiefer in das Innere des Großen Basars dringt, erreicht die verborgenen Winkel und gelangt zu den Menschen, die noch den Zauber ausstrahlen, den man sich von einem orientalischen Basar erhofft, fern vom touristischen Ramsch und zudringlicher Anmache. So findet man in manch einem Hinterhof, auf provisorischen Dachterrassen Händler, die in ihr Backgammon-Spiel vertieft sind oder bei einem Glas Tee zusammensitzen und plaudern. Zeigt man dann auch noch ehrliches Interesse an einem ihrer Stücke, wird einem all die Aufmerksamkeit und Gastfreundlichkeit des Orients zuteil.

Einer dieser Händler der alten Schule ist Murat Bilir. In seinem winzigen Laden im Eski Bedesten, der ersten Markthalle des Großen Basars, sitzt er hinter seinem Verkaufstisch und wartet geduldig auf Kundschaft. Um ihn herum stapeln sich kunstvoll verzierte Kupferteller, Samoware, Hamamschalen. "Ich verkaufe stumme Zeugen der Vergangenheit", sagt der elegant gekleidete Mann über seine Stücke. Seit 47 Jahren arbeitet er schon im Basar. Es bedrückt den 62-Jährigen, dass im Eski Bedesten immer mehr Läden aufmachen, die billigen Schmuck und Nippes verkaufen. Ursprünglich wurden hier nur die feinsten Stoffe und wertvollsten Gegenstände wie Seide, Waffen und Edelsteine gehandelt.

Der Große Basar, Kapali Çarsi (auch "Gedeckter Basar" genannt), ist in seinem Kern immer noch so, wie er vor mehr als einem halben Jahrtausend errichtet wurde: ein Labyrinth malerischer Ladengassen. Man hasst ihn oder liebt ihn, findet ihn hinreißend schön oder abstoßend hässlich. "Kein Verliebter kann diesen Basar durchschreiten, ohne es wie ein Unglück zu empfinden, nicht Millionär zu sein", schrieb der Italiener Edmondo de Amicis im 19. Jahrhundert. Wie er haben viele Reisende dem Basar Istanbuls über die Jahrhunderte als dunkle, verborgene Stadt voller Wunder, Schätze und Erinnerungen gehuldigt.

Mehmet II. ließ den Eski Bedesten nach der Eroberung Konstantinopels nahe dem alten Palast errichten. Dank der eisernen Tore und dicken Mauern vertrauten sogar reisende Kaufleute hier den Händlern ihr Geld zur Aufbewahrung an: Damals und bis in unsere jüngste Vergangenheit war er nicht nur Handelszentrum, sondern ein komplexes Sozial- und Raumgefüge im Schatten der Moschee.

Bald darauf ordnete der Herrscher den Bau einer zweiten Markthalle an, nach und nach wuchsen um die beiden Gebäude herum Holzbuden und Läden. Über die Jahrhunderte wurde der Konsumtempel immer wieder von Feuern und Erdbeben beschädigt. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erlangte der Große Basar seine heutige Architektur: Mit mehr als 3300 Geschäften, mehr als 60 Straßen, Lagerhäusern, einer Post, Banken, mit Moscheen, Brunnen und Restaurants ist der Komplex eine Stadt in der Stadt. Hier arbeiten mehr als 20.000 Menschen, hier schlägt das Herz des türkischen Goldmarktes und der Devisenbörse, der "Börse mit Füßen": Die heißt noch immer so, weil die rund 40 Devisenhändler auf offener Straße ausländische Währungen handeln, so wie sie es einst illegal und heimlich taten.

Durch die mehr als zwanzig Tore des alten Gemäuers strömen jeden Tag bis zu eine halbe Million Touristen und Einheimische. Der Basar wächst immer weiter. Ständig werden neue illegale Hütten und Verschläge auf den Dächern und in den Hinterhöfen dazugestückelt. Die Läden werden nach Lust und Laune umgebaut, die Wände ausgehöhlt, um noch ein paar Zentimeter zusätzliche Verkaufsfläche zu gewinnen. Auch die Istanbuler Stadtverwaltung hat ihren Teil dazu beigetragen, dass der Basar immer baufälliger geworden ist: In den 1980er Jahren ordneten die Behörden an, den Bleibelag auf den Dächern durch Ziegel zu ersetzen. Seitdem leckt es hier und da, Wasser rinnt an den Wänden herunter, die elektrischen Leitungen sind überfordert.

Jeden Tag gehen Wissen und Tradition verloren

"Wenn ein Erdbeben kommt, bricht hier alles zusammen", sagt der Textilhändler Aziz Özcan. Keiner scheint sich verantwortlich zu fühlen. Ein Teil der Geschäfte gehört der Stadt, ein weiterer dem Staat und diversen Stiftungen, andere sind in Privatbesitz. "Die Basaris sind wie eine Herde ohne Schäfer", sagt Süleyman Ertas von der Basarvereinigung und fügt hinzu: "Den Menschen fehlt der Mut, etwas zu unternehmen." Er verkauft in sechster Generation Hamam-Textilien - und sein Geschäft kennt noch keine Krise.

Vielen anderen Basaris geht es nicht so gut. Die Mieten sind gestiegen, von vielen Waren gibt es mehr als genug, das Angebot übersteigt die Nachfrage, und zeitaufwendige Handarbeit rechnet sich im Basar nicht mehr. Der Kunststopfer Altan Örme sieht für sich keine rosige Zukunft. "Viel zu tun habe ich nicht mehr. Wer zahlt schon zehn Lira dafür, dass ich seine Hose flicke, wenn ein ganzer Anzug nicht viel mehr kostet", klagt der 72-Jährige.

Mehdi Çardak hat seine Weberei im oberen Stockwerk des Büyük Valide Han nahe dem Großen Basar bereits schließen müssen. Mit einem traurigen Lächeln steht er nun in einem feuchten, leeren Raum und erzählt die Geschichte des Bauwerks: Zu osmanischen Zeiten war es die größte Herberge für reisende Händler. Oben schliefen die Menschen, unten waren die Kamele und Pferde untergebracht.

Im Basarviertel sind die meisten Geschäftsgebäude, han genannt, in einem erbärmlichen Zustand - und dennoch lohnt es sich, sie zu erforschen. Mehdi Çardak klettert voraus auf das Dach. Der Blick über das Gewirr der Gassen, das Goldene Horn und den Bosporus ist atemberaubend. Zur Gebetszeit, wenn sich der Gesang der Muezzine aus den umliegenden Moscheen über den Dächern verliert, nimmt man Istanbul von hier oben aus mit allen Sinnen wahr, begreift das volle Ausmaß des geschäftigen Treibens im Viertel um den Großen Basar. Unten, in engen Gassen, herrscht heilloses Durcheinander. Die Träger, hamallar, schleichen - gebückt von schweren Lasten auf ihren Rücken - die steilen Straßen bergan. Um sie herum spielende Kinder, verschleierte Frauen, grölende Marktschreier. Autos versuchen sich im Gedränge einen Weg zu bahnen, es wird gehupt, geschrien, geschimpft.

Eigentlich plant die Stadtverwaltung das Viertel zu sanieren, will die vielen Fahrzeuge verbannen, die versteckten, oftmals illegal errichteten Werkstätten schließen. Bisher aber ist kaum eine der offiziellen Ankündigungen realisiert worden - und so ist das Basarviertel noch weitgehend unangetastet. Alte und neue Waren halten sich in der Händlervielfalt des Basars die Waage, doch jeden Tag gehen Wissen und Traditionen verloren. Männer, die in unendlicher Geduld Kupferkessel ausschlagen oder Kerzenständer drechseln, werden zu Strandgut in den globalen Handelsströmen.

"Den Kapali Çarsi gibt es seit 550 Jahren. Aber wir schaffen es noch, ihn zu zerstören", schimpft Süleyman Ertas. Seine Hoffnung ist seine 26-jährige Tochter. "Frauen schaffen alles besser. Mit unseren alten Hirnen geht das nicht. Es muss eine neue Generation her." Der 50-Jährige seufzt - und wendet sich dann wieder geduldig seiner Kundschaft zu.

 

Autor:
Laura Salm-Reifferscheidt