Istanbul Der Bosporus

Wenn Zerhan Gökpinar mit einem Gläschen Wein an ihrem kleinen Steg sitzt und die Sonne von Europas Ufer satt herüberglüht, dann schiebt sich manchmal Ismail Akkova mit seiner "Sükran" dazwischen und stellt Gökpinar in ihrem Liegestuhl für ein paar Sekunden in den Schatten. Die "Sükran" ist meistens auf dem Weg ins Schwarze Meer, um einige Millionen Kubikmeter Flüssiggas aus der rumänischen Hafenstadt Konstanza abzuholen.

Gökpinar zuckt mit den Schultern und lacht. Die 60-Jährige liebt den Bosporus vor ihrer Haustür - mit allem, was darauf schwimmt: den schaukelnden Nussschalen der Fischer, den behäbigen vapur, den städtischen Dieseldampfern, den weißen Yachten, den Ausflugsbooten mit ihrer scheppernden Discobeschallung. Aber auch riesige Containerschiffe und Öltanker wie die "Sükran" mag sie. "Sonst wäre das Meer doch langweilig und leer!"

Leer war es auf dem Bosporus auch zu Zeiten von Zerhan Gökpinars Großvater nicht. Der hieß Hekimbas Salih Efendi, diente drei Sultanen als Leibarzt und hatte den Rang eines Paschas inne. Für die Sommermonate baute er für sich, seine dritte Frau und seine drei Töchter ein yali, eine Sommervilla aus Holz. Wenn er damals auf den Bosporus blickte, sah er die kayik vorbeifahren, schlanke Ruderboote, und die Kriegsflotte des untergehenden Osmanischen Reiches. Heute ist die dunkelrote Hekimbas-Villa, in der Zerhan Gökpinar lebt, eine der schönsten Perlen des Bosporus-Ufers.

Kapitän Ismail Akkova nimmt sie nicht wahr. Der hagere Mann mit Dreitagebart und tadellosem weißen Hemd starrt immerzu auf die Bugspitze der "Sükran", während er an osmanischen Palästen, Yachthäfen und Ausflugslokalen vorbeizieht. 3000 Bruttoregistertonnen bringt sein Tanker auf die Waage. Seit 30 Jahren fährt Akkova zur See, genauso lange kennt er den Bosporus und seine Tücken. Der Kapitän schaut seinem Steuermann über die Schulter auf die Instrumente. Er ist zufrieden - der Kurs stimmt.

Gut 30 Kilometer lang, 660 bis 3300 Meter breit, 30 bis 120 Meter tief. "Der Bosporus", knurrt Akkova, "ist schön, aber gefährlich." Heute befahren täglich bis zu 150 Schiffe die Meerenge, jedes zehnte ist ein Öltanker, die meisten kommen aus Russland. Akkova zeigt auf einen pilzförmigen Radarmast am Ufer: "Ein satellitengestütztes Leitsystem. Die Seefahrtsbehörde kann von der Einsatzzentrale aus die Route jedes Schiffes verfolgen und über Funk eingreifen, wenn es von seinem Kurs abkommt."

Eine Katastophe soll so verhindert werden. Eine Katastrophe wie sie Istanbul am 15. November 1979 traf, als das rumänische Tankschiff "Independenta " einen griechischen Frachter rammte und in Flammen aufging. Der brennende Rohölteppich tauchte die ufernahen Stadtviertel in tiefschwarze Nacht und ließ im Bahnhof Haydarpasa die Bleifassungen in den Fenstern schmelzen.

"Kennen Sie sonst noch ein Meer, an dem man das andere Ufer sehen kann?" Zerhan Gökpinar schaut aus den Butzenscheiben auf das dunkel glitzernde Wasser. Der Salon ihres Hauses ist mit Biedermeier-Mahagoni zugestellt, die Sekretäre und Anrichten sind verschwenderisch mit Perlmutt belegt. Alte Perserteppiche bedecken jeden Quadratzentimeter des Parketts, und auf einem Tisch liegt eine geöffnete Schatulle mit dem silbernen Operationsbesteck des Großvaters. Ein Foto an der Wand zeigt sein Bild: ein ernst dreinblickender Mann mit langem Bart und Fes.

Zerhan Gökpinar trägt Jeans, ihr graumeliertes Haar ist kurz geschnitten. Die Paschaerbin arbeitet als Sekretärin. Ihr Zuhause ist ein Idyll, wäre da nicht die chronisch verstopfte zweite Bosporus-Brücke, die von weitem so schlank und elegant wirkt. Gökpinar kennt sie aus der Nähe: Sie ist gewöhnt an den ununterbrochen rauschenden Verkehr, die Nerven sägenden Schwingungen der Hängekonstruktion und den Staub, der von ihr herunterrieselt. Die Regierung in Ankara will, gegen alle Einwände, eine dritte Brücke in Auftrag geben.

Ein rosa Telefon regelt die Überfahrt nach Asien

Von der Brücke der "Sükran" aus erscheint die über 60 Meter hohe Hängebrücke zum Greifen nahe. Unten an der Wasseroberfläche tosen die gefürchteten Bosporus-Strömungen, das Wasser vom Schwarzen Meer rauscht südwärts Richtung Ägäis. Kapitän Akkova nippt an dem Teeglas, das ihm sein Maat gebracht hat: "Die Strömung kann das Schiff mit bis zu sechs Knoten Geschwindigkeit zum Ufer hin drücken. Sehen Sie den Matrosen vorne am Bug? Der hat die Aufgabe, im Notfall sofort den Anker zu setzen."

Mit bloßem Auge kann der Kapitän auf der Brücke die Drinks unterscheiden, die an den Pools an Land getrunken werden - so gefährlich nahe kommt der Koloss stellenweise dem Ufer. Es gibt kaum ein Restaurant am Wasser, das nicht schon mal von einem Boot oder Schiff gerammt worden ist. "Als Kinder", erinnert sich Zerhan Gökpinar kichernd, "sind wir beim Baden wegen der Strömung immer zwei Häuser weiter unten bei Nachbarn aus dem Wasser gestiegen."

Kaum hat die "Sükran" die Hekimbas- Villa und die zweite Brücke passiert, schaukelt Gazi Baba mit seinem Kahn ins Bild. Beim Anblick des Riesen drosselt der alte Mann seinen stotternden Dieselmotor und dreht bei, gleich neben einer Terrasse, auf der sich eine Schönheit im Bikini räkelt. Der Größere hat Vorfahrt.

Alle nennen Ibrahim Sertel Gazi Baba, "Veteranen-Opa", weil er 1951 im Korea-Krieg gekämpft hat. Im Unterstand seines hellblau bepinselten Bootes hängt ein Bild, das ihn ordenbehängt zeigt. Der 76-Jährige ist auf dem Weg zur europäischen Seite, um einen Fährgast abzuholen. Am Anleger von Kanlca haben Sertel und drei Kollegen ein rosa Telefon mit Wählscheibe auf ein Resopaltischchen gestellt. Ein Anruf genügt. Die Überfahrt von Europa nach Asien kostet nur 2,50 Euro.

Die andere, die europäische Seite, sei viel lebhafter, da brumme es Tag und Nacht. "Bei uns dagegen, in Asien, ist um 22 Uhr Bettruhe." Schon als Zwölfjähriger sei er mit seinem Vater zum Fischen hinausgerudert. "Schwertfische gab's damals im Bosporus!" Der alte Mann zieht seinen Schnauzbart verächtlich nach unten. "Heute fängst du höchstens noch Heringe." Zwischendurch war er als Matrose auf hoher See, hat in Emden und Finnland angelegt. "Ich hätte in Emden bleiben können." Aber Sertel kam wieder zurück an den Bosporus. "Es gibt viele schöne Meere, aber keine schönere Meerenge."

Arnavutköy, Ortaköy, Yeniköy. Viele Ortsnamen entlang des Bosporus enden auf "-köy", also "-dorf". Noch vor einer Generation sagten die Bewohner von Albanerdorf, Neudorf oder Mitteldorf "Wir fahren nach Istanbul", wenn sie Richtung Goldenes Horn aufbrachen. Aus den Dörfern sind längst Stadtteile geworden, und die wohlhabenden Neuankömmlinge Istanbuls haben mit ihren deniz manzarali, den"Meerblick-Apartments", die Hänge zugestellt.

Doch in den Gassen hat der Dorfcharakter überlebt: Kinder spielen auf verkehrsberuhigten Straßen, Katzen dösen in der Sonne und Parkbänke stehen im Schatten von Schirmkiefern. Die Uferstraßen am Bosporus verlaufen mal vor, mal hinter den Prachtresidenzen, führen entlang an hohen Mauern, scharfen Hunden und automatischen Doppelgaragentoren. Mittendrin eine Baulücke: Platz für zwei Verliebte, Kopf an Kopf mit Blick aufs Wasser und einer Flasche Wein.

Im Sommer erobern sich die Istanbuler ihr Meer zurück. Mit ausgedienten Yoghurteimern und Angelruten stehen Rentner mit Strohhut und bloßem Oberkörper schwatzend beisammen oder werfen in Zeitlupe ihre Köder aus. Teeverkäufer verteilen randvoll gefüllte Tulpengläser. Halbstarke in Shorts hechten in die dunkelgrünen Fluten. Über ölverschmierte Schiffstaue klettern sie zurück auf ihre Betonplatten- Riviera.

Das Abendrot rutscht langsam hinter die Festung Rumeli Hisar. Zerhan Gökpinar feuert den Ofen ihres Hamams an. Ismail Akkova lenkt die "Sükran" aus dem Bosporus in die Weite des Schwarzen Meeres. Und Gazi Baba sitzt in seinen ausgebeulten Hosen neben dem rosa Telefon und wartet auf Fährgäste, die noch schnell rüberwollen nach Europa.

Autor:
Gunnar Köhne