Istanbul Das "Byzantinische Reich"

Am Ende bestand das Römische Reich nur noch aus einer Stadt, und die hieß noch nicht einmal Rom, sondern Konstantinopel. 1453, nach Jahrhunderten des Glanzes und Zeiten des Elends, wurde die Stadt am Bosporus von osmanischen Truppen erobert. Dies war nicht ihr Untergang, im Gegenteil, es war ihre Rettung: Aus dem halb zerfallenen Konstantinopel wurde Kostantiniya, die prächtigste Stadt der Welt, im türkischen Volksmund lange "Istanbul" (von griechisch eis ten polin = in der Stadt) genannt, bevor sie diesen Namen 1930 auch offiziell erhielt.

Ein Menschenalter lang war Konstantinopel von den osmanischen Feinden umzingelt, machtlos, arm und fast verlassen. Um 1400 lebten nur noch 40 000 Menschen in der Stadt, Soldaten vor allem, 200 Jahre zuvor sollen es noch 700 000 gewesen sein - neben Bagdad war Konstantinopel damals die größte Stadt der Welt. Zwei Versuche, sie mittels Kreuzzügen von der Belagerung durch die Türken zu befreien, scheiterten. Aber noch hielt die stärkste Festung der Welt wie in den 1000 Jahren zuvor - die gewaltige Landmauer des Theodosius.

Als Manuel II. Paläologos, "Römischer Kaiser" nach seinem Selbstverständnis und "Kaiser der Griechen" im Bewusstsein Westeuropas, 1400 durch Deutschland, Frankreich und England reiste, um für sein Reich um Beistand zu bitten, erntete er nicht mehr als Mitleid. Jenes glänzende und mächtige Reich, das einmal den Orient und das gesamte Mittelmeer beherrscht hatte, war damals schon lange Vergangenheit, ein goldener Schimmer ferner Geschichte.

Glanz hat das Wort Byzanz bis heute, aber ein Reich dieses Namens hat es nie gegeben. Und doch steht der Begriff "Byzantinisches Reich" bis heute für ungehemmte Prachtentfaltung, rigide Herrschaft und die unauflösliche Verbindung von Kirche und Staat. Es begann als griechische Kleinstadt am Bosporus, Byzantion, die im Jahr 330 ihren Namen verlor, als Kaiser Konstantin sie zur Residenz erhob, mit dem Ziel, ein "zweites Rom" zu installieren.

Als Kaiser Theodosius I. 65 Jahre später das Reich unter seinen Söhnen Honorius und Arcadius aufteilte, erhielt Letzterer die Macht über den Osten. Die Teilung war nicht, wie es heute oft erscheint, Zeichen beginnender Auflösung, sondern Mittel zur Optimierung der Verwaltung und vor allem der militärischen Effizienz in einem von allen Seiten bedrohten Reich. Arcadios war wie sein Bruder römischer Kaiser in einer römischen Stadt. Nach dem Untergang Westroms im Jahre 476 fühlten sich die Kaiser in Konstantinopel als Herrscher des ganzen Rom, das im Westen nur vorübergehend von Barbaren besetzt war.

Noch als Karl der Große 800 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, sah die Kaiserin in Konstantinopel in ihm einen Usurpator. Irene beharrte darauf, dass es nur einen Imperator Roms geben könne, der im übrigen die Wahl eines Papstes genehmigen musste. Mit der Ernennung Karls durch Papst Leo III. waren für sie die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt. Aber schon 812 erkannte Byzanz den Frankenkaiser an, gab damit den alten Reichsbegriff auf und ging fortan seinen eigenen Weg.

Die weitere Geschichte des Oströmischen Reiches ist seitdem kaum im Bewusstsein der (West-)Europäer angekommen. Wir kennen unsere Karls und Konrads, aber wer kennt schon all die Manuels und Michaels? Das christliche Kaiserreich im Osten war zeitweilig das flächenmäßig größte und das sowohl militärisch als auch kulturell mächtigste in Europa und Vorderasien. Zu anderen Zeiten war es zersplittert in unverbundene Teile, von Bürgerkriegen erschüttert. Aber immer blieb es Rom. Die Bewohner sprachen griechisch, wie sie es seit vorrömischer Zeit getan hatten, und nannten sich bis zuletzt romaioi, Römer: Sie lebten im Bewusstsein, Bürger des römischen Weltreiches zu sein.

Ohne Byzanz wären die Araber nach Mitteleuropa vorgestoßen

Byzanz hatte im Gegensatz zum westlichen Rom die Wirren der Völkerwanderung überlebt. Während germanische Könige Italien eroberten und die Reste des Imperiums nach und nach vertändelten, erwies sich die um 420 vollendete Mauer des Theodosius II. als Lebensversicherung der östlichen Kapitale: Schon Attilas Hunnen und später die Goten waren an ihr gescheitert und nach Westen weitergezogen. Rom hatte 429 die Kornkammer Nordafrika verloren, Ostrom aber herrschte noch lange über Ägypten, das damals der größte Getreideproduzent der Welt war, die fruchtbare Mittelmeerküste diente als Obstgarten.

Ständig musste sich Byzanz mit den umliegenden Völkern herumschlagen. Um 600 war der Balkan verwüstet, im Norden breiteten sich asiatische Reitervölker aus, im Süden machten arabische Verbände Unruhe, die Mohammed unter grüner Flagge geeint hatte. Nach 622 gingen Syrien, das Heilige Land, Ägypten und Nordafrika an die muslimischen Truppen verloren. Die neuen Herrscher ließen allerdings die Wirtschaftsstrukturen unangetastet, Byzanz konnte weiterhin ägyptischen Weizen zu Brot machen, auch viele Institutionen der byzantinischen Verwaltung blieben intakt.

Konstantinopel war für die muslimischen Heere das Tor zu Europa. Zweimal, 674 bis 678 und 716/717 lagen die Truppen vor dem Bosporus, konnten die Mauer des Theodosius aber nicht überwinden. Dies ist der Hauptgrund, aus dem sich der Islam über Nordafrika nach Westen und in den asiatischen Osten ausbreitete. Ohne die Mauer wären die Araber ohne Widerstand in ein weitgehend staats- und militärfreies Mitteleuropa vorgestoßen. Dass ihnen das nicht gelang, war für das Schicksal Mitteleuropas von wesentlich größerer Tragweite als Karl Martells Vorgehen gegen die Araber bei Tours und Poitiers.

Die Liste der Belagerungen, unter denen die Stadt zu leiden hatte, liest sich, als habe kaum ein Heer Eurasiens diese Übung auslassen mögen. Während aber Rom wieder und wieder ausgeplündert wurde, hielt sich Konstantinopel, als Haupt und Inbegriff des Reiches. Auch in Kriegszeiten musste die Stadt weder hungern noch dürsten. Ihre gewaltigen Zisternen waren mit Frischwasser gefüllt, und offenbar, so legen jüngste archäologische Erkenntnisse nahe, war die Stadt durch ein System von Tunneln stets mit Hafen und Hinterland verbunden. Der Weg für Lebensmittel und Waren war frei. Sie kamen reichlich.

Justinian war es zwar nur für kurze Zeit gelungen, einen großen Teil des römischen Territoriums wieder zu vereinen, aber auch als das Mittelmeer von Antiochia (heute: Antakya) bis Gibraltar an die Araber gefallen war, blieb der Handel zu Wasser in byzantinischer Hand. Reichtümer häuften sich, Konstantinopel war lange die mit Abstand luxuriöseste christliche Stadt der Welt. Als 1097 die ersten Kreuzfahrer hier Station machten, sahen sie Aquädukte, Bäder, Kanalisation, Kliniken, eine große Universität, selbst Polizei und Feuerwehr. Errungenschaften der Antike, die im Westen mittlerweile vollkommen unbekannt waren.

Luxus und Christentum gehörten hier zusammen. In seiner Frühzeit, unter den Kaisern Justinian und Herakleios, war Byzanz die bruchlose Fortsetzung des Römischen Reiches unter christlichem Vorzeichen. Konstantin, der die Stadt zur Residenz machte, hatte auch das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Im 6. und 7. Jahrhundert waren kirchliche und weltliche Macht am Bosporus eng verwoben. Die Kaiser sahen sich als von Gott persönlich beauftragt und entwickelten ein Hofzeremoniell, das stark sakrale Züge trug. Was nicht verhinderte, dass der Kampf um den Thron immer wieder mit Gewalt ausgetragen wurde: 30 Prozent aller Herrscher wurden gestürzt, ihre durchschnittliche Amtszeit betrug nur 13 Jahre.

Gefährlich wurde es für das Reich allerdings, wenn der ständige Streit um die Thronfolge auch die weltlichen und kirchlichen Grundlagen in Frage stellte. Der "Bilderstreit" um die Rechtmäßigkeit von Heiligen-Darstellungen erschütterte Byzanz mehr, als jeder Streit um den Thron allein es vermochte. Diese Auseinandersetzung zog sich über 130 Jahre von 711 bis 843 hin und nahm immer mehr die Form eines Bürgerkrieges an. Einzelne Provinzen sagten sich los, 823 wurde Konstantinopel sogar belagert.

Erst nach dieser Zeit erblühte die Ikonenkunst, die bis heute Inbegriff byzantinischer Kultur ist. Der Grundgedanke eines kaiserlichen Gottesgnadentums trug sich durch die gesamte Zeit des Reiches, seine im Westen als dekadent gesehene Prachtentfaltung war auch Bedingung seiner Stabilität. Und zugleich einer Erstarrung, die die Verbindung aus Antike und Orient in immer größeren Gegensatz zu "Europa" brachte.

Morden und Rauben nach Kreuzfahrerart

Heinrich August Winkler hat in seiner "Geschichte des Westens" den Unterschied herausgearbeitet: So etwas wie einen Investiturstreit, eine wenn auch nur gedankliche Trennung von Religion und Staat, einen Ansatz zur Säkularisierung hat es in Byzanz nie gegeben. Nie gab es eine Tendenz zur Gestaltung des öffentlichen Lebens durch Rationalität und Professionalität, nie gab es Kritik am Verhalten des Staates, nie Öffentlichkeit von Entscheidungen. Alle Voraussetzungen für Toleranz, Demokratie und Gewaltenteilung und schließlich zur Formulierung von Menschenrechten fehlten in der Welt der goldenen Ikonen und griechischen Kaiser, die fast Götter, aber immer Römer waren.

Als 1203 das vierte Kreuzfahrerheer vor der Landmauer auftauchte, begann das lange Ende des Oströmischen Reiches. Die Kreuzfahrer, ein marodierender Haufen, wurden von Byzanz' größter Konkurrenz Venedig finanziert. Weil sie als Winterlager eine christliche Stadt in Dalmatien geschändet hatten, waren sie allesamt vom Papst exkommuniziert worden. Unter Führung des Dogen Dandolo griffen sie in einen der vielen byzantinischen Machtkämpfe ein: Alexios III. hatte Isaak II. abgesetzt, weshalb dessen Sohn das "Lateinerheer" um Hilfe bat. Alexios floh, Isaak wurde kurz wieder auf den Thron gesetzt. Die Kreuzfahrer aber nahmen sich als Lohn für ihre Arbeit die ganze Stadt. Im Frühjahr 1204 mordeten und raubten sie ganz nach Kreuzfahrerart, schändeten Kirchen und Paläste und errichteten schließlich eine Gewaltherrschaft, die sie "Lateinisches Kaiserreich" nannten.

Die Byzantiner retteten sich in die Provinz und errichteten mehrere konkurrierende Kaiserreiche, etwa in Trapezunt (heute: Trabzon) am Schwarzen Meer und Nicäa (heute: Iznik). Dort bereiteten sie die Rückeroberung vor, die den Nicäern 1261 auch glückte. Das Reich aber blieb zersplittert, arrangierte sich in immer neuen Koalitionen, vor allem, wenn es sich gegen die Bulgaren und Osmanen wehren musste. Das gelang bis zum 29. Mai 1453.

Eines der ersten Opfer der neuen osmanischen Herrschaft war der Kaiserpalast, der sich auf einer Fläche von zehn Hektar zwischen der Hagia Sophia und dem Marmarameer erstreckte und bis zu sechs Stockwerke hatte. Die Osmanen haben sich, wie auch die moderne Türkei, nur beiläufig um die byzantinische Vergangenheit gekümmert. Ausländische Forscher waren nicht gern gesehen, oder nur, wenn sie sich mit der Antike beschäftigten. Erst in jüngster Zeit haben die Behörden umgedacht. Seitdem ist Istanbul eine Schatzkammer für Archäologen. In den nächsten Jahrzehnten könnte ihre Arbeit dem bisher wenig bekannten byzantinischen Reich zu neuem Glanz verhelfen.

Autor:
Roland Benn