Nachgeschenkt Die Wüste lebt

Margalit Winery

Der Wüstensand hat alles Leben erstickt, Wachstum muss hier unmöglich sein. Da tauchen plötzlich Rebstöcke auf, mitten in der Wüste, in Israel. Der kleinen Delegation von deutschen Winzern erscheint der Weinberg wie eine Neuauflage biblischer Wunder. Seitdem ist Israel nicht nur für Reinhard Löwenstein das Land, in dem Dinge funktionieren, die es gar nicht geben dürfte. "Diese Grundstimmung fasziniert mich, Sachen zu machen, von denen alle sagen: Kann unmöglich gehen. Es herrscht eine ansteckende positive Energie." Löwenstein, der ruhelose Intellektuelle unter den deutschen Winzern, ist wie geschaffen dafür, einer Gruppe wie Twin Wineries Impulse zu verleihen, in der sich israelische und deutsche Weingüter austauschen.

Alles begann im Frühjahr 2008. Löwenstein saß in Winningen und wachte darüber, dass seine Rieslinge ungestört zu großer Brillanz reifen können. Da klingelte das Telefon, die Israelin Renée Salzman, die auch einige Jahre in Deutschland gelebt hatte, fragte, ob sie spontan mit einigen israelischen Winzern vorbeikommen könne. Aus dem Blitzbesuch erwuchs ein freundschaftlicher Austausch und das Netzwerk Twin Wineries. Heute pflegen sieben deutsche Weingüter enge Kontakte mit Israel.

Als die deutschen Winzer 2009 zum Gegenbesuch in Israel eintrafen, war es an der Zeit, lieb gewonnene Vorstellungen zu verabschieden. Und neue Erkenntnisse zuzulassen. Israel, nicht ganz so groß wie Hessen, ist das Land der Gegensätze und Widersprüche. Neben Wüsten erheben sich hier grüne, bergige Landschaften wie im Tessin. Im Winter wird dort Ski gefahren. Aber vor allem die israelischen Weine überstiegen die Vorstellungskraft und den Erfahrungshorizont der Winzer. "Ich hätte nicht geglaubt, dass man in der Wüste Wein machen kann, der fruchtbetont und elegant ist und gar nicht breit schmeckt", sagt Löwenstein. Die Formel, dass viel Sonne fette, opulente Weine ergibt, gilt hier nicht mehr. Nachts kühlt es so ab, dass die Weine eine ungewöhnliche Eleganz ausbilden können im Kontrast der Tages- und Nachttemperaturen.

Das Territorium des heutigen Israels ist eines der ältesten Weinanbaugebiete - aber auch eines der jüngsten. Nach einer Zwangspause von mehreren Jahrhunderten, in denen der Weinbau unter islamischer Herrschaft keine Rolle spielte, haben israelische Winzer erst vor wenigen Jahren begonnen, ihre Möglichkeiten auszuloten und zu perfektionieren. Ihre Weinkultur pflegte das jüdische Volk in der Diaspora auch in anderen Ländern. "Das Weinland Israel ist noch auf der Suche nach sich selbst", sagt Renée Salzman, die israelische Repräsentantin der Twin-Wineries. "Aber so viel Aufbruchstimmung wie hier findet man selten." Es sind vor allem die Winzer des Netzwerkes "Twin Wineries" die zur schmalen Qualitätsspitze zählen und in den Anbaugebieten oberes Galiläa, den Bergen Jerusalems und den Golanhöhen nach der bestmöglichen Weinqualität schürfen.

Es sind die israelischen Rotweine, die begeistern können. Im Ertrag stehen vor allem französische und italienische Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot, Carignan, Syrah, Sangiovese oder Barbera. Gerade die Carignan gilt als die Rebsorte, die perfekt in die israelischen Verhältnisse passt. Ihre Weine erreichen so viel Persönlichkeit und Format, dass sie die französischen Originale übertreffen können. Bei Vitkin Winery und Avidan Winery erreicht der Carignan internationale Klasse. Margalit Winery, das wohl beste israelische Weingut, erzeugt Cabernet Franc, der sogar in Frankreich Neid hervorrufen dürfte. Er reift besser aus als dort und besitzt eine aristokratische und kühle Noblesse. Auch die frankophilen Cuvées aus Cabernet und Merlot würde man kaum im nördlichen Galiläa erwarten. Die Weine von Margalit kennen ihren Wert, sie können auch im Preis mit großen Franzosen konkurrieren.

Mit der Golan Heights Winery ist ein Weingut unter den Twin Wineries, deren Produktion gänzlich koscheren Gesetzen folgt. Mit modernster, satellitengesteuerter Technologie werden Bodenanalysen durchgeführt. Im Keller passt ein Rabbiner auf, dass kein Ungläubiger den Weinfässern zu nahe kommt. "Wenn ich die berühren würde, müssten die 50.000 Liter wegleeren", schildert Reinhard Löwenstein den Alltag in einem Land, in dem zusammenlebt, was scheinbar nicht zusammenpasst. "Die Gegensätze und Konflikte zwischen orthodoxen Juden und modernen Israelis sind größer als die zwischen Palästinensern und Israelis", hat Löwenstein erkannt. "Es wird über alles kontrovers diskutiert, da gibt es keine Tabus."

Auch in der Winzergruppe "Twin Wineries" sind Debatten an der Tagesordnung, über die aktuelle Politik Israels und die Geschichte des israelischen Volkes, auch der Holocaust wird dabei nicht ausgeklammert. "Diese Gespräche kommen aber ohne posthume Moralnummer aus", sagt Löwenstein. "Der Wunsch ist: Lasst uns Freunde sein, damit so etwas nicht mehr passiert." Im Dezember präsentierten die israelischen Winzer der Initiative ihre Weine in Deutschland, bei vollen Weingläsern wurden die Kontakte weiter vertieft. Inzwischen absolvieren israelische Nachwuchswinzer ihre Praktika an der Mosel oder in der Pfalz. Und deutsche Jungwinzer lernen, wie es möglich ist, Wüstenwein zu erzeugen.

Informationen und Adressen

Die israelischen Weingüter und ihre Bezugsquellen in Deutschland:

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Die deutschen Weingüter:

Heymann-Löwenstein,

Blankenhorn,

Georg Breuer,

Kloster Eberbach,

Georg Mosbacher,

von Racknitz,

Prinz Salm,

Autor:
Rainer Schäfer