Mit Stil Azubi-Tage am Flughafen

Es heißt ja häufiger mal, man solle an bestimmten Flughäfen viel Zeit für die Abreise einplanen. Uns hatte der Concierge in Tel Aviv "mindestens 3 Stunden" geraten und weigerte sich, auch nur um eine Viertelstunde mit sich feilschen zu lassen. Auf diesen Starrsinn konnten wir fünf Frauen nur mit Unverständnis reagieren: Erstens wollten wir noch so lang wie möglich am Strand vor dem abgerockten Hilton liegen. Zweitens ging es hier ja "nur" ums Ausreisen. Beim Einreisen würde es doch schließlich sehr viel mehr Sinn machen, terroristische Verschwörungen zu planen. Offensichtlich sehen das die israelischen Sicherheitsbehörden vollkommen anders.

Nach einer guten Stunde hatten wir es gerade mal bis zum dem überdimensionierten Gepäck-Scanner geschafft, in dem jeder Koffer einer Art Kernspintomografie unterzogen wird. Dann ging es zum "Random Security Check", wo anscheinend gerade Azubi-Tage waren. An mir wollte der Sicherheitsbeamte seinem jungen Kollegen mal vorführen, wie man auch völlig harmlose Touristen bis aufs Mark überprüft. Dummerweise hatte er keine Ahnung, auf welcher heiklen Mission ich in Tel Aviv gewesen war.

"Sie waren also für eine Modenschau in der Stadt?" "Das ist korrekt." "Was war das für eine Modenschau?" "Die Herbst-Winterkollektion von Castro, das ist die größte israelische Modekette, so etwas wie H&M, kennen Sie die vielleicht?" Er besprach sich kurz auf Hebräisch mit seinem Kollegen, der fragte dann, ganz investigativ: "Und was haben Sie da gesehen?" "Lange braune Lederröcke im Stil der 70er Jahre..?" "Und was noch?" Spätestens an dieser Stelle würde man jeden deutschen Sicherheitsbeamten fragen, ob das jetzt wirklich sein Ernst sei, oder ob man nicht lieber über die Kalaschnikow in meinem Handgepäck sprechen wolle. Macht man in Israel aber irgendwie nicht.

"Aviator-Jacken, auch genannt Pilotenjacken, mit Lammfell-Innenfutter." "Aha. Kann ich mal Ihre Notizen sehen?" Ich habe mir im Laufe der Zeit eine Art personalisiertes Steno angewöhnt, meine Handschrift kann keiner entziffern, was ja hier eigentlich egal gewesen wäre, weil der Beamte sowieso kein Deutsch konnte, aber das Gekrakel schien unser Vertrauensverhältnis nicht zu verbessern. Ich entschuldigte mich höflich für die Unordnung. "Arbeiten Sie immer so?" "Sie meinen meine Handschrift?" "Sie fahren irgendwo hin und schreiben dann über - Kleider?" Der Azubi stand kurz vor einem Lachanfall.

Man hätte jetzt darüber diskutieren können, was absurder ist: Sich mit der Rückkehr der 1970er Jahre in der Mode und der Trendfarbe "Camel" zu beschäftigen oder mich über meine Hauptspeisenwahl im Restaurant "Manta Ray" auszufragen (Calamari mit Schafskäse gefüllt, dazu Tabouleh), aber bitte. Also erzählte ich ihm gleich noch, was wir am nächsten Abend im Restaurant "Toto" gegessen hatten, wie toll ich die "Nanutchka Bar" in der Lilinblum Straße und den "Sublet Club" fand und dass ich einen Typen am Strand fast im Speckbrettspielen (hier eine Art Nationalstrandsport, den hebräischen Namen habe ich leider vergessen) geschlagen hatte, immer darauf vorbereitet, dass er mir entnervt meinen Pass in die Hand drücken würde, um mich endlich loszuwerden. Stattdessen sagte er nur mechanisch: "Und was haben Sie dann gemacht?"

Nach zehn weiteren Minuten, durfte ich schließlich gehen und bedankte mich artig. "Did you like it?", fragte der Sicherheitsbeamte und grinste übers ganze Gesicht. "Nein. Aber Sie beide wissen jetzt auch endlich über die Herbsttrends Bescheid."

Autor:
Silke Wichert