Island Whale Watching in Húsavik

Zuerst riechen sie ihn. Die Ausdünstungen seines Verdauungsapparats stinken nach fauligen Eiern und vergammeltem Seegras. Dann sehen sie ihn. Majestätisch hebt er seinen massigen Körper aus dem Wasser, bläst eine meterhohe Fontäne aus feinem Nebelregen in die Luft, bevor er in der Tiefe des Meeres verschwindet. Sekunden später zeigt er wieder seinen dunkelgrauen Rücken, der wie ein riesiger nasser Gummireifen aussieht, und taucht dann abermals ab. Rund eine halbe Stunde dauert die filmreife Vorstellung. Star der Liveshow ist ein Balaenoptera acutorostrata oder einfach gesagt: ein Zwergwal. Sein Publikum sind zwei Dutzend Touristen.

Es weht eine leichte Brise, die Sonne glitzert auf der spiegelglatten See. "Die Sicht könnte nicht besser sein", urteilt Christian nach einem Blick in den strahlendblauen Himmel. Als Tourguide erzählt er auf dreistündigen Ausfahrten Touristen alles, was er über Wale weiß. Es ist der zweite Sommer, den der Deutsche in Húsavik verbringt und für North Sailing jobbt, den ältesten Anbieter Islands für Whale-Watching-Touren. An diesem Septembertag hat der 27-Jährige Dienst.

Gegen 10 Uhr, als sich der Nebel langsam über den Bergen verzogen hat, finden sich Christians erste Gäste für diesen Tag im Hafen von Húsavik zusammen. Sie wollen in freier Wildbahn einen Wal sehen. In der "Hauptstadt der Walbeobachter", wie die Bewohner ihren kleinen Ort im Norden Islands nennen, haben sie sehr gute Chancen: Die Wahrscheinlichkeit, einen Wal zu erspähen, liegt nach Angaben der Tourveranstalter bei 98 Prozent.

Christian steht breitbeinig am Pier und wartet, dass alle Passagiere auf der braun-weißen "Bjössi Sör" Platz genommen haben. Das alte Fischerboot aus Eichenholz wurde in den siebziger und achtziger Jahren auch für den Walfang genutzt. Seit Mitte der Neunziger gehen auf dem Kahn Touristen auf die Jagd nach den Walen - mit der Kamera. Der Waltourismus etablierte sich Ende des 20. Jahrhunderts in Island und entwickelte sich als wichtiger Wirtschaftszweig des Landes. Seit 1995 stieg die Zahl der Walbeobachter um das 30fache an - mehr als die Hälfte aller Besucher starten ihre Fahrt zu den Meeresgiganten in Húsavik. Die beste "Wal-Zeit" ist hier von Juni bis August: In diesen Monaten herrscht Hochbetrieb in dem Städtchen, und es wird seinem Ruf als Walbeobachtungszentrum gerecht.

Außer Zwergwalen tummeln sich in der geschützten Skjálfandi-Bucht vor Húsavik Delfine sowie Orca-, Sei-, Finn-, Schwert-, Schweins- und Buckelwale. Insgesamt 15 Walarten lassen sich von Mai bis Oktober in den Futtergebieten des Atlantiks um Island blicken: Nirgendwo auf der Welt ist die Vielfalt größer. Sogar Blauwale, die größten Lebewesen der Erde, können zu Beginn der Saison gesichtet werden.

Wal auf zwölf Uhr

Kapitän Einar lässt den Motor der "Bjössi Sör" an. Christian sitzt neben ihm auf der Brücke und hält nach den Giganten des Meeres Ausschau. Bis zum Kinn hat er den Reißverschluss seines dunkelblauen Seemannstroyers hochgezogen. Trotz Sonnenscheins ist es winterlich kalt.

Als Christian einen Schwarm Silbermöwen sieht, wird er aufmerksam. Er rückt seine kleine, runde Brille zurecht. Wo Seevögel sind, sind Fische, und wo Fische sind, sind Wale - so die Rechnung. Doch Fehlanzeige: Noch ist kein Wal in Sicht. Einige Tourteilnehmer werden schon ungeduldig, einer ist seekrank. Christian rauft sich das blonde Haar.

Nach einer halben Stunde auf dem Wasser kann er durchs Mikrofon vermelden: "Ein Uhr!" Er gibt nicht etwa die Uhrzeit an, sondern die Position eines Weißschnauzendelfin-Weibchens mit ihrem Jungen. Akrobatisch reiten Mutter und Kind in den Bugwellen des Bootes. Ein seltenes Schauspiel zu See, denn normalerweise sind Delfine in Schulen aus mehreren unterwegs. Die Zuschauer sind entzückt von dem Baby und enttäuscht, als das Schiff plötzlich abdreht. "Wir wollen die Zwei nicht länger stören", rechtfertigt Reiseleiter Christian den Rückzug. Ein international gültiges Gesetz gibt es zwar noch nicht, aber alle Organisationen haben einen ähnlichen Verhaltenscodex formuliert: den Tieren nicht zu nahe zu kommen, insbesondere dem Nachwuchs. North Sailing hält sich daran. Christian betont: "Wir sind schließlich auf dem Ozean nur Besucher" - und solche halten sich zurück und bedrängen ihre Gastgeber nicht.

Eine weitere halbe Stunde ist vergangen, als eine Kanadierin wie der Experte rufen: "Wal auf zwölf Uhr!" Dieses Mal ist es tatsächlich ein Wal, sogar gleich zwei. Schweinswale, wie Christian gerade noch an der dreieckigen Rückenfinne und dem kleinen, stämmigen Körper erkennen kann, bevor das Duo dem Kutter davonschwimmt. Schweinswale, die kleinsten unter den insgesamt 80 Walarten, "zeigen wenig Interesse an Booten", sagt Christian fast entschuldigend, als die beiden Tiere bereits außer Sichtweite sind.

Auf den Touren fahren mitunter auch Mitarbeiter des 1997 gegründeten Walmuseums in Húsavik mit. Sie erfassen die Arten und die Anzahl der Wale, sowie die genauen Positionen der Sichtungen. Die Daten sollen helfen, geeignete Maßnahmen zum Schutz der bedrohten Tiere zu entwickeln. An der Fluke und an der Finne lässt sich jeder Delfin und Wal erkennen. "Das ist wie der Fingerabdruck des Menschen", erklärt Hobby-Meeresbiologe Christian, der Wirtschaftswissenschaften in Bremen studiert hat.

Meeresgigant namens "Milky Way"

Den erwachsenen Walen geben die Forscher Namen. "Milky Way" nennen sie einen Buckelwal, der eine komplett weiße Schwanzflosse hat. In einer Datenbank sind alle "Stammgäste" der Skjáfandi-Bucht mit Fotos archiviert. Nicht allein wegen dieser umfassenden Sammlung gehört das Walmuseum in Húsavik zu einem der besten seiner Art. Auf einer Ausstellungsfläche von 1200 Quadratmetern erfahren die Besucher alles über die Biologie, Lebensweise und Geschichte der Tiere: Dass sie zum Beispiel mehr als 10.000 Kilometer auf ihrer Wanderung von den Nahrungsgründen in den Eismeeren in tropische Gewässer zurücklegen. Dass die Männchen in der Paarungszeit Lieder komponieren, die bis zu einer halben Stunde lang sind. Oder dass von weltweit rund 800.000 Zwergwalen ein Viertel im Nordatlantik leben. Einst wurden sie als zu klein betrachtet, daher der Name, doch mittlerweile sind sie weltweit das Ziel der kommerziellen Walfangjäger - und ihre Bestände sind rückläufig.

Seit 2006 erlaubt die isländische Regierung wieder die Jagd auf die Zwergwale und auf Finnwale, obwohl seit 1986 ein weltweites kommerzielles Fangverbot gilt. Dennoch ist Island nie eine echte Walfangnation gewesen, stellt die Museumsausstellung dar. Die 13 Fangstationen des Landes führten die Norweger. Ihre Spuren sind noch heute auf der Insel zu sehen: Die buntbemalten und mit Wellblech gedeckten Holzhütten, die typisch für den isländischen Baustil erscheinen, stammen von den norwegischen Walfängern. Sie brachten die Fertighäuser Ende des 19. Jahrhunderts aus ihrer Heimat mit und verkauften sie am Ende der Saison.

Die Häuschen von Húsavik sind nur noch bunte Punkte in der Ferne. Die "Bjössi Sör" ist auf der Suche nach Walen bereits weit in die Bucht hinausgetuckert. Nach knapp zwei Stunden auf See bekommt Christian einen Tipp: Die Crew eines anderen Bootes hat einen Zwergwal entdeckt. "Drei Uhr", gibt er durch. Kapitän Einar steuert den Sichtungspunkt an und hält das Boot auf niedrigster Drehzahl parallel zum schwergewichtigen Säugetier. Die Touristen drängen Richtung Steuerbord, die "Bjössi Sör" kommt mächtig ins Schwanken. Dicht an dicht an der Reling gedrängt suchen die Bordgäste die silbrig-graue Wasseroberfläche nach dem Wal ab. Nichts zu sehen. Nur ein Pärchen aus Italien hat Glück. Sie sind Backbord geblieben und geben jetzt bekannt: "Wal auf 9 Uhr." Das Tier war unter dem Boot durch geschwommen. "Er spielt ein Spiel mit uns", sagt Christian lächelnd.

Ganz nah kommt der Zwergwal, den Christian auf neun Meter lang schätzt, an das Boot heran und umkreist es. Immer wieder taucht er auf, um Luft zu holen. Dreimal pro Minute atmet ein Wal, ein Mensch bis zu 15-mal. "Er ist ganz besonders neugierig", stellt Christian erfreut fest. Der Bremer hat schon etliche der Meeresgiganten gesehen - das erste Mal vor neun Jahren, selbst als Tourist in Island. Dennoch bereite es ihn jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut, wenn sich ein Wal dem Boot nähert. "Es ist wahrscheinlich ihre Größe und die Tatsache, dass wir so wenig über sie wissen", begründet er seine Faszination für die schwimmenden Kolosse.

Den Passagieren muss er nichts erklären: Minky, wie einige Tourteilnehmer den geselligen Wal getauft haben, hat sie voll und ganz in ihren Bann gezogen. Selbst der seekranke Junge, der die ganze Fahrt über zusammengekrümmt auf der Bank saß, ist nun aufgesprungen und starrt aufs Wasser. Jeder will das Naturschauspiel im Bild festhalten. Doch so mancher ist von der Anmut des Tieres derart beeindruckt, dass er vergisst, auf den Auslöser zu drücken.

Christian knipst eifrig - und schweigt. "In solchen Fällen lasse ich die Gäste einfach nur genießen", sagt er nach der Fahrt, die für ihn die schönste in diesem Sommer gewesen sei. So nah habe er in dieser Saison noch keinen Wal zu Gesicht bekommen. Da haben die Touristen "Wal gehabt", wie ein isländisches Sprichwort bei unverhofftem Glück lautet.

Autor:
Philine Gebhardt