Island Kreativ aus der Krise

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Bauamt von Reykjavík eine "Elfenbeauftragte" beschäftigt. Angeblich soll sich die nette Dame um die Belange des unsichtbaren Volkes kümmern. Doch auch wenn nun eine allzu romantische Vorstellung zerplatzt: Der kuriose Beruf ist nur eine Erfindung. In einem Artikel der Frankfurter Rundschau wurde einst die Klavierlehrerin Erla Stefánsdóttir, die von sich behauptet, mit den Spitzohren sprechen zu können, scherzhaft als "offizielle Elfenbeauftragte" bezeichnet. Seitdem gibt es dieses kleine Missverständnis.

Wirft man einen Blick in ein isländisches Telefonbuch, dann erscheint einem der Job als "Elfenbeauftragte" allerdings überhaupt nicht mehr abwegig. Es finden sich in dem Nachschlagewerk jede Menge Astronauten, Geisterjäger und sogar Alienzähmer. Im Telefonbuch kann nämlich jeder Bewohner nicht nur seinen Namen, sondern auch den Beruf eintragen. Allerdings lassen dort die Isländer ihrer Fantasie gerne freien Lauf. Die wahnwitzigen Berufsbezeichnungen dienen nämlich vor allem der Unterscheidung von Namensvettern.

Wenn es um das Arbeiten geht, sind die Isländer außergewöhnlich. Wo sonst gibt es heutzutage noch hauptberufliche Wikinger oder Reiseleiterinnen, die sich mit ihren Gästen durchs Hochland stricken? Durch den Finanzcrash in 2008 hat die Kreativität der Insulaner noch einmal einen Schub bekommen. Statt sich selbst zu bemitleiden, schlagen sie einfach neue Wege ein - und setzen auf moderne Tradition.

Ein gutes Beispiel dafür ist Bergthora Gudnadóttir. Sie hat sich mit ihrer Firma "Farmers Market" den Strickwaren aus der heimischen Lopi-Wolle verschrieben. Die einstige Chefdesignerin der isländischen Outdoormarke "66° North" schwor dem Fleece und anderen synthetischen Textilien ab. 2005 gründete sie mit ihrem Mann, dem Musiker Jóel Palsson, ihr eigenes Mode-Label.

Das Markenzeichen der Firma, die zu 95 Prozent natürliche Materialien verwendet, sind die Lopapeysa - Pullover, Jacken und andere Wollwaren mit den typisch isländischen Zackenmustern an Ärmeln und Kragen. Das klassische Design stammt aus den 1950er Jahren. Heute sind Lopapeysa wieder en vogue in Island. Jeder trägt sie: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Großeltern.

Vor zehn Jahren galten die traditionellen Wollsachen allerdings noch als ziemlich verschroben. Garnhersteller von der isländischen Wollfabrik bekamen jedes Jahr weniger Aufträge und warfen die Wolle teilweise sogar weg. Seit wenigen Jahren erleben die Lopapeysa mit moderneren Schnitten ein Comeback. "Wenn man eine Sache selbst sehr mag, ist es leicht, andere ebenfalls dafür zu begeistern", sagt die Textildesignerin. "Die Zeit war reif für Kleidung, die traditionell und lokal ist", fügt sie hinzu.

Bergthora setzt bei ihrer Mode auf altbekannte Muster und moderne Schnitte. "Ich denke, wenn man sich weiterentwickelt, wird das Interesse an traditionellen Designs nicht abreißen", sagt die 39-Jährige. "Farmers Market" ist ein Familienbetrieb. Bergthora macht alles selbst - vom Entwurf bis zum Vertrieb. Und nebenbei betreibt sie auch noch ihren kleinen Laden in Reykjavík.

Rockstars der Strickbranche

Es passt perfekt zur Firmenphilosophie, dass die Models für ihre Mode Freunde und Verwandte sind. Auch wenn die Idee dazu durch einen finanziellen Engpass geboren wurde. "Bei der Firmengründung investierten wir unser ganzes Geld in das Atelier und den Laden", sagt Bergthora. Die Not machte erfinderisch: "Mein Bruder ist zum Glück Fotograf und hat eine sehr hübsche Familie, die er natürlich gerne ablichtet". Inzwischen könnte es sich Bergthora leisten, professionelle Models zu buchen. Doch das steht erst einmal nicht zur Diskussion. "Wir fotografieren weiterhin Menschen mit unseren Designs, die uns am Herzen liegen."

Auch die ehemalige Krankenschwester Ragnheiður Eiríksdóttir sah in der Lopi-Wolle ihre Zukunft. Als die Finanzkrise in Island ihren Höhepunkt erreichte, gründete sie mit Hélène Magnússon "Knitting Iceland". Ragnheiður strickt seit sie acht Jahre alt ist. Kein Wunder, steht doch in isländischen Schulen das Stricken auf dem Lehrplan. Über die Jahre hat die 39-Jährige ihren eigenen Stil entwickelt, den sie bei "Knitting Iceland" inzwischen an andere weitergibt. "Wie lassen uns sehr von der Tradition inspirieren, aber verwenden moderne Muster und Schnitte", sagt sie. Dabei beschränken sich die Damen von "Knitting Island" nicht nur auf Lopapeysa. Auch die alten Rosenmuster und traditionellen Bortenschals wurden wiederentdeckt und mit neuen Designs versehen.

Neben Mustern, Lopi-Wolle und reichlich Handarbeiten werden seit dem Sommer 2010 bei "Knitting Island" auch Strickreisen angeboten. Das hat nichts mit langweiligen Kaffeekränzchen im Bus zu tun. Stattdessen werden die reisenden Strickfreaks von professionellen Lehrern aus der ganzen Welt angeleitet. "Manche von ihnen sind geradezu Rockstars in der Strickbranche", erzählt Ragnheiður. Auf den Touren von "Knitting Island" wird allerdings nicht nur der Handarbeit gefrönt, sondern auch das Land in Augenschein genommen. Wanderungen, Museumsbesuche und das Relaxen in den heißen Quellen im Schein der Mitternachtssonne stehen ebenfalls mit auf dem Programm. ""Wir zeigen den Leuten Islands einmalige Natur", sagt die 39-Jährige. "Unser Land kann einen beim Stricken sehr inspirieren."

Der studierte Kriminologe Gunnar Olafsson hat mit Stricken nichts am Hut. Aber auch er schwört auf die Traditionen von Island. Auch wenn im Grunde alle Isländer auch Wikinger sind, ist Gunnar womöglich das Vorzeigeexemplar. Er hat einen Bart wie ein Wikinger, kann kämpfen wie ein Wikinger und wenn es auf Island Wildschweine gäbe, würde er sicherlich auch ein ganzes für sich zum Abendessen beanspruchen. Doch vor allem setzt er sich für die Kultur seiner Vorfahren ein. Als Oberhaupt der Wikingergruppe "Einherjar" führt der ehemalige Polizeibeamte interessiertem Publikum Kampfszenen vor und besucht Schulen, um den Kindern die Geschichte des legendären Volkes näher zu bringen.

Als echter Nachfahre der Wikinger hat Gunnar auch Visionen: "Touristen auf Island werden häufig nur in einen Bus gesteckt und auf dem kürzesten Weg zu den Wasserfällen gebracht. Nebenher werden ihnen durchs Mikrofon ein paar Geschichten erzählt. Unsere Idee ist, Expeditionen zu besonderen Orten auf Island anzubieten, die als überlieferte Schauplätze in den Sagen vorkommen und vor Ort zu erzählen, was dort passiert ist", sagt der 49-Jährige.

Und noch ein Projekt läuft bei dem Wikinger des 21. Jahrhunderts auf Hochtouren. Er möchte auf der 16 Hektar großen, unbewohnten Insel Engey eine Wikingersiedlung nachbauen. Auf originalgetreuen Schiffen sollen die Touristen segelnd oder rudernd binnen weniger Minuten vom nahen Reykjavík zur Insel gelangen. "Wir wollen kein "Herr-der-Ringe"-Fantasiedorf bauen", sagt Gunnar. Mit Hilfe von Archäologen soll das Dorf genauestens rekonstruiert werden.

Obwohl die Genehmigung noch nicht erteilt wurde, hat das Baby schon einen Namen. Es soll "Reykjarvík" heißen - so wie die isländische Hauptstadt früher geschrieben wurde. Erst durch den späteren Einfluss der Dänen fiel das "r" weg. "Die Finanzkrise ist eine sehr gute Chance für die Wikingerkultur. Wir haben alles verloren, aber wir haben immer noch unser Land", sagt Gunnar. So klingen halt Isländer. Wären sie nicht so flexibel und hart im Nehmen, wäre die schroffe Insel sicherlich schon längst wieder unbesiedelt.

Autor:
Katharina Müller-Güldemeister