Irland Einsame Inseln und Perlen vor der Küste

Die hoheitlichen Pflichten Seiner Majestät des Königs werden täglich vom Fahrplan der Fähre bestimmt. Für Patsaí Dan Mac Ruairí (anglisiert: Patsy Dan Rodgers) ist es selbstverständlich, alle Besucher der Insel Tory persönlich zu begrüßen. Wenn er mal eine Schiffsankunft verpasst, ist die Chance einer Begegnung mit ihm aber noch nicht vertan. Man trifft den König am Wochenende im Pub, wo er für seine Untertanen Akkordeon spielt, oder in Dixon's Art Gallery, wo einige seiner naiven Gemälde ausgestellt sind. Seit den fünfziger Jahren gibt es auf Tory eine kleine, aber rührige Kolonie "primitiver" Künstler, nachdem einheimische Fischer zur Farbpalette griffen.

Die Sympathie der etwa 150 Bewohner von Tory für ihren gewählten Monarchen und die naive Kunst, der Stolz auf eine mehrtausendjährige Siedlungsgeschichte und auf die Mythen der Insel sind enorm. Das hatten die hinter dem Meer sitzenden Verwaltungsfunktionäre einfach vergessen, als sie die Insulaner in den 1970er Jahren aufs mehr als zwölf Kilometer entfernte Festland umsiedeln wollten. Der Widerstand war so massiv, dass man schnell wieder die Finger davon ließ und Tory stattdessen endlich ein bisschen Infrastruktur bescherte.

Die wenigen Sehenswürdigkeiten, ein runder frühmittelalterlicher Schutzturm, zwei Kirchenruinen und ein steinernes Hochkreuz in der seltenen T-Form (Taukreuz), befinden sich gleich am Hafen, die Basstölpel, Sturmvögel und Papageitaucher im klippenreichen Osten von Tory. Das eigentliche Inselerlebnis aber sind die Insulaner selbst mit ihrer gälischen Lebensart. Man muss den Leuten von Tory nur zuhören, mehr über das alte Irland kann man gar nicht erfahren.

Perle im Norden: Inishbofin

Brian Hughes lädt zum Picknick. Vor einer Grotte am Strand von Inishbofin packt er Köstliches aus: Wildlachs, Sandwiches mit frisch gefangenen Garnelen, Champagner, Guinness und Erdbeeren zum Nachtisch. Und dann erzählt er von Don Bosco, einem spanischen Piraten, und der mächtigen irischen Clan-Chefin Grace O'Malley, die im 16. Jahrhundert vor der Küste Connemaras Handelsschiffe plünderten: "Die Piratenkönigin ließ den Naturhafen hier einfach mit einer Kette sperren, und dann war Wegzoll fällig, aber mindestens."

Brian führt fünftägige Wandertouren seiner "Connemara Safari" über vier Inseln. Die erste ist Inishbofin. Schon von fern kann man auf See die Umrisse von "Cromwell's Barracks" ausmachen. Der puritanische englische Revolutionär ließ 1656 auf den Ruinen von Don Boscos Burg ein Fort errichten und dort katholische irische Priester einkerkern. Der Umgang mit Menschen vom Festland ist heute sehr viel freundlicher. Gern zeigt man ihnen die curraghs, die alten keltischen Boote. Ihre Holzkonstruktion ist mit Leinwand, früher mit Tierhäuten, bespannt und geteert. Fischer benutzen die leichtgängigen Wassergefährte bis heute, und Brian lädt seine Gäste bei ruhiger See zu einem kurzen Ausflugstörn mit dem curragh ein.

Danach geht es weiter durch Gräser und Moos der bergigen Insel, deren Klippen jäh in den Atlantik abstürzen. Im Wasser von höchstens 13 Grad Wärme mögen sich die dicht vor der Küste in zwei Kolonien siedelnden Seehunde wohlfühlen, aber nur wenige badelustige Gäste - trotz der verlockenden Strände. Wassersportfreunde weichen auf Tauchen, Windsurfen und Hochseefischen aus. Aufwärmen kann man sich in gemütlichen, klangerfüllten Pubs - Inishbofin ist ein Zentrum der traditionellen irischen Musik.

Paradies der Vögel: Rathlin Island

Er war begeistert, als er ein Alpenkrähen-Paar entdeckte, das zwischen den Klippen seine Küken großzog. Das gelang 2007 auf Rathlin erstmals seit 18 Jahren, und es war in ganz Nordirland der einzige Nachwuchs von Pyrrhocorax pyrrhocorax. Liam McFaul ist Vogelwart der Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), der größten europäischen Organisation für den Schutz von Wildvögeln. Für die RSPB ist Rathlin ein äußerst spannender Stützpunkt, die Insel beherbergt eine der größten Vogelpopulationen Europas. Von Mai bis Juli brüten hier 280.000 Vögel, und viele Felsen sind schneeweiß.

Während die Vorfahren von Liam McFaul die Vogeleier gesammelt haben, schützt der Nachkomme heute die Brut. "Als Kind beobachtete ich einmal einen am Himmel tanzenden Alpenkrähen-Schwarm", erinnert er sich. "Die verblüffenden Possen dieser intelligenten und geselligen Vögel an einem der windigsten Tage des Jahres faszinierten mich. Vielleicht bin ich deswegen hier RSPB-Wart geworden." Eissturmvogel, Papageitaucher, Dreizehenmöwe, Tordalk und Kiebitz sind die Stars auf einer Vogelbeobachtungstour. Ein Minibus bringt Besucher zum neuen Seabird Centre. Er fährt am Hafen von Church Bay ab, wo fast das ganze Jahr über Seehunde faulenzen und sich von Passanten nicht irritieren lassen. Viele Menschen gibt es auf der heidebewachsenen, ungeschminkten Inselschönheit ohnehin nicht, knapp hundert Einwohner zählt sie. Die Gäste, überwiegend Wanderer, Radler, Sporttaucher und Hochseeangler, können zwischen einem Bed&Breakfast, einem Manor House und einem Hostel wählen. Für die Vogelsaison von April bis August müssen sie sich rechtzeitig darum kümmern.

Wildnis im Süden: Cape Clear Island

Es war einmal ein Einwanderer. Der ließ sich von den Alten der Insel berichten, wie es war, wenn sich abends eine Küche mehr und mehr mit Nachbarn füllte und dann einer anfing zu erzählen, oft bis in die Nacht hinein. Und dass es damit ein Ende hatte, als auch in der letzten Kate von Cape Clear der one-eyed storyteller zu flimmern begann. Chuck Kruger, Poet, Rundfunkautor und Lektor, der hier 1986 ein Cottage als Refugium bezogen hatte, fand das schade. Er forschte der Tradition des gälischen und englischen Geschichtenerzählens nach, fand Kontakt zu professionellen Erzählern in Irland, Britannien und Amerika, und 1994 gelang es ihm, das erste Cape Clear Island International Storytelling Festival zu veranstalten. Seither kommen jährlich am ersten Septemberwochenende einige Hundert Liebhaber der geschliffenen Erzählung, des versponnenen Fabulierens und der theatralischen Darstellung her, genießen entspannt einiges an anderen Kulturangeboten und freuen sich besonders über gute Musik.

Natur- und sportbewegte Fans werden von den 120 Insulanern zum Walking-Talking Weekend (Mai), zur Cape Clear Regatta (August) und zum Bird Watching Festival (Oktober) in den Bed&Breakfasts, im Hostel, auf dem Campingplatz, in Pubs und Restaurants erwartet. Cape Clear, die südlichste Insel Irlands, liegt am Rand der oft sturmbewegten Roaring Waters Bay. Hier tummeln sich Wale, und die Delfine ziehen den Inselfähren nach. Der Leuchtturm des im Meer gelegenen Fastnet Rock war als teardrop of Ireland, Träne Irlands, das letzte Stück Heimat, das irische Auswanderer auf der Schiffsreise nach Amerika erblickten.

Gut für fette Beute: Insihturk

Das Prachtstück ist etwa sechzig Zentimeter lang und vier Kilogramm schwer, das Scherenpaar beeindruckend. Die meisten Hummer fängt Jack Heanue in den Sommermonaten, im Winter ziehen sich die großen Krustentiere in größere Tiefen der felsenreichen Küste von Inishturk zurück. Damit es aber ein ganzjähriges Angebot gibt, werden die Hummer mit zusammengebundenen Scheren in Lattenkisten aus Holz gehalten. "Diese Behälter werden ins Meerwasser gesenkt und mit markierten Bojen versehen", sagt Jack Heanue. Inishturk, wörtlich "Insel der Eber" (vermutlich ein Name aus den Zeiten einstigen Wald- und Wildreichtums), ist eher die Insel der Hummer, und Jack Heanues Familie fängt diese seit Generationen.

Natürlich werden in den drei freundlichen Bed & Breakfasts, die auch Hauptmahlzeiten anbieten, neben irischen Lammgerichten immer wieder Krebsscheren mit ihrem zarten Fleisch serviert. Anglern gibt Jack Heanue gern Tipps, an welchen Felsen oder Anlegern mit gutem Fang zu rechnen ist. Vogelfreunde kommen in den frühen Sommermonaten zu den besten Schnappschüssen, Sonnenanbeter lassen sich an den idyllischen Stränden von Tranaun und Curraun nieder. Hochseefischer finden ein passendes Boot und Taucher Tauchgründe. Wanderer können sich die kleine Insel mühelos erschließen, reizvoll ist der Cliff Walk, nahe dessen Route sich ein mehr als 200 Jahre alter Wachturm - einer von gut 80 "Napoleonischen Signaltürmen" entlang der irischen Küste - 210 Meter über dem Meeresspiegel erhebt. Von hier aus hat man einen schönen Panoramablick auf die See - wer aber Wale beobachten will, der muss sich schon unten am Hafen den Bootsleuten der Insel anvertrauen.

Quelle:
Autor:
Tibor M. Ridegh