Irland Die Gärten der grünen Insel

Als das Hasenglöckchen, die Fuchsie, die Narzisse und der Rhododendron in die Welt kamen, geschah es mit dem Auftrag, vital und fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Der Buchsbaum wurde nicht als Schnörkel geboren, die Pfingstrose nicht als kohlköpfige Diva, die ohne Korsett zusammenbricht. In Irland haben die Pflanzen ihren Auftrag nicht vergessen, und Gärtner in Irland zu sein, heißt weniger, das Vorhandene zu päppeln, als dem Grünzeug seine Grenzen zu weisen. Dies gilt besonders für den Süden der Insel, der regelmäßig befeuchtet und nur flüchtig vom Frost gestreift wird. Selbst Palmen gedeihen an der vom Golfstrom umschmiegten Küste.

Als Reisender wandert man durch die Gärten von Mount Usher, Altamont, Bantry, Ilnacullin (Garnish Island) oder Annes Grove in neidloser Glückseligkeit, denn man wird voraussichtlich nie etwas dergleichen besitzen: Eibenbüsche wie Gewitterwolken, Gunnera groß wie Sonnenschirme, eine Flussaue voll blauer Hyazinthen, einen Tempel auf einem Sonnenuntergangshügel, auf dem die Schafe weiden, oder gleich eine ganze Insel, wie Ilnacullin.

Als John Annan Bryce 1910 Ilnacullin, das Eiland in der Bucht von Glengarriff, erwarb und den englischen Gartenarchitekten Harold Peto zu seiner Unterstützung berief, war der 15 Hektar große Felsbuckel mit Torf, Stechginster und Heide bedeckt. Mr. Bryce ließ Löcher hineinsprengen und Bootsladungen guter Erde herüberschaffen, um sein Anwesen für anspruchsvollere Bewohner auszupolstern: Kamelien und Magnolien, Baumfarne, Schönmalven, Stechapfel und chilenischen Flammenbaum. Ein "glückliches Tal" zwischen einem alten Wehrturm und einem Aussichtstempel auf der Klippe führt mitten hindurch. Am Rande des Areals schuf Peto einen formalen italienischen Senkgarten, in dessen Wasserbecken sich Kolonnaden, Amphoren und ein Teehaus spiegeln, das von steinernen Löwen bewacht wird. Als Mr. Bryce 1917 das Geld ausging, war Ilnacullin zum Glück vollendet. Der Garten musste nur noch wachsen und in Schach gehalten werden. Seit 1953 steht er allen Besuchern offen.

Jagd nach Pflanzen im Himalaya

Auch die Gartentore von Bantry House sind seit Jahrzehnten für weniger begünstigte Pflanzenfans geöffnet, als dies die Nachkommen des ersten Grafen von Bantry sind. Haus und Garten liegen wie eine Perle in der Auster zwischen der Bucht und den schartigen Bergen: ein Herrensitz aus dem 18. Jahrhundert, dessen hohe Räume von perlmuttfarbenem Licht erfüllt sind, eingefasst vom makellosen Grün der Rasenflächen, von Statuen, Balustraden und einem ornamentalen Buchsbaumparterre.

Die ansässige Familie Shelswell-White pflegt ein gastfreundliches Haus mit Konzerten, Ausstellungen, Bed & Breakfast und einer Teestube im Ostflügel. Aber auch ihr Unternehmungsgeist konnte in den vergangenen Jahrzehnten nicht verhindern, dass der Garten nahezu unterging. Inzwischen wurde er auch mit EU-Geldern restauriert: neue Bäume, frisch gekieste und mit Buchs gesäumte Wege. Hinter dem Haus erhebt sich wieder das blau schäumende Glyzinienspalier über dem Springbrunnen. Dahinter steigt der Garten über eine Freitreppe hundert Stufen und sieben Terrassen den Berg hinauf. Rhododendren und Azaleen haben sich von ihren angestammten Beeten ins Gebüsch geschlagen. Wenn es zu bunt wird, müssen die Kettensägen angeworfen werden.

Mr Annesley auf Annes Grove käme es nie in den Sinn, seine Schönen, die er auch "die Chorus Girls" nennt, hart anzufassen. Wenn er leicht einwärts gedrehten Schrittes durch die romantisch verwuschelte Anlage tigert, ein älterer Herr im braunen Cordjackett mit weißem Einstecktuch, und dabei über die Rücksichtslosigkeit von Frauen im Garten spricht, berührt er zugleich mit zarter Hand die Blüten seiner Rhododendren. "Männer haben Spaten, Frauen Scheren", sagt Patrick Annesley mit leise röhrender Stimme, die seine vornehme anglo-irische Herkunft verrät.

"Männer bekommen sentimentale Anwandlungen, wenn es um alte Pflanzen geht." Kaum verwunderlich; es war sein Großvater, der um 1900 eine Expedition mitfinanzierte, die im Himalaya Pflanzen "jagte". Einige der Rhododendren sind Nachkommen des Beuteguts; imposante, füllige Erscheinungen in unvorsichtigen Farben, die den Hang hinunter bis ins Tal des Flüsschens Awbeg wallen, das sich unter dichtem Grün seinen Weg sucht. Die meisten Pflanzen haben ihre ganze Kraft in die aufgerüschten Blüten gesteckt, aber "die rosafarbenen amerikanischer Abstammung duften dazu sehr stark", sagt Mr. Annesley, "so wie amerikanische Witwen, die entsprechend ihrem Umfang duften".

Der Stolz von Altamont sind ebenfalls Rhododendren. Feilding Lecky Watson, der malariakrank aus Ceylon heimgekehrt war, widmete sich vor hundert Jahren ganz seinem Garten, den er unter den Wellen von Grün vermutete, die gegen das Herrenhaus brandeten. Altamonts Gartengeschichte ist die des ständigen Kampfes gegen den überwältigenden Einkrautungswillen der Natur: der Seerosenteich, den hundert Männer mit Spaten aushoben, die Granitstufen zum River Slaney hinunter, die sie in den Wald rammten, das Roden und Pflanzen: Eichen, Mammutbäume, Magnolien, Taschentuchbäume, Hortensien, Tausende von Schneeglöckchen und immer wieder Rhododendren.

Ein erotisches Verhältnis

Lecky Watsons Tochter Corona - benannt nach einer roséroten Art - übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg Spaten und Schere und verschwand im Unterholz. Ihr Mann musste sie abends mit dem Waldhorn zum Essen rufen. Die Gärtnerin starb 1999, aber ihre Hand ist noch überall spürbar; in der Ordnung von über hundert Jahre alten zu Zapfen geschorenen Eiben, die sich wie dunkle Wächter vom Haus bis zum See rosenteich reihen. Am See unter der Sumpfzypresse steht die Bank, von der sie ihre gebändigte Wildnis betrachtete, die sich im stillen Wasser spiegelt.

Irlands romantischster Garten ist jedoch Mount Usher im Tal des Vartry; so jedenfalls hat das Magazin Gardeners' World der BBC 2010 entschieden. Manchmal dauert es eben 150 Jahre, bis champion trees, Rekordbäume aus aller Welt - Scheinulmen und Südbuchen aus Chile und Neuseeland, Eukalyptus, Palmen und das Nadelgebirge der Montezuma- Kiefer -, auf ein majestätisches Maß herangewachsen sind. Madelaine Jay, die Mount Usher vor dreißig Jahren gekauft hat, ist 89 Jahre alt und spaziert fast täglich unter den Wipfeln der Bäume und am Ufer des Vartry entlang, in dem Stufen das Wasser zum Klingen bringen.

Im Frühjahr wogen in den Hainen Narzissen, Schachbrettblumen und Hasenglöckchen, im Herbst brennen die Farben von Ahorn und Goldlärche Löcher in die Luft.

Obergärtner Sean Heffernan, botanisch ebenfalls leicht entflammbar, verbindet mit Mount Usher ein geradezu erotisches Verhältnis. Wenn er durch den Garten führt, scheinen die Regentropfen auf ihm zu verdampfen. Sind die Azaleen nicht outrageous - unerhört - in ihrem Zusammenspiel von Himbeerrot, Gelb, Violett und Orange? Dazu im Hintergrund etwas lodernder Acer palmatum! "I love it!" Und der Regen? Der ist gleich vorbei; schon schwebt heller Dunst in der Luft. In Irland nennt man diese Wetterlage auch flüssigen Sonnenschein. Pflanzen lieben ihn; Gärtner auch.

Service: Irlands Gärten


Altamont Garden
bei Tullow
ganzjährig geöffnet


Annes Grove
bei Castletownroche
geöffnet von Ostern bis September

Bantry House and Garden
geöffnet vom 5. März bis 31. Oktober


Ilnacullin (auch Garnish Island)
County Cork, geöffnet vom 1. März
bis 31. Oktober, Boot von Glengarriff


Mount Usher Gardens
bei Ashford
geöffnet vom 27. Februar bis 31. Oktober

Quelle:
Autor:
Elsemarie Maletzke