Tirol Tradition der Schützen

Es ist der Vorabend des 46. Oberinntaler Regimentsfestes und Bataillonsschützenfestes Starkenberg in Imst, Glenthof. Es ist Sommer, und es ist so heiß, dass man sich ins nächste Freibad stürzen will.

Stephan Zangerl, stellvertretender Landeskommandant des Tiroler Schützenbundes, graumelierter Vollbart, zeigt seine historische Waffensammlung. Zwei Armbrüste prangen im Eingang seines Hauses. In einem Schrank in der Stube hängen, der geschichtlichen Entwicklung nach geordnet, 30 Säbel, darunter asiatische Raritäten mit Goldtauschierung und Rang anzeigenden Portepees. Zangerl sagt: "Der europäische Säbel ist in der Klingenführung gerader als der türkische."

Zangerl präsentiert ferner einen k.u.k.- Infanterie-Säbel, einen Linkshanddolch sowie einen gotischen Streitkolben aus dem 13. Jahrhundert. "Als Nahkampfwaffe sehr effizient." Zangerl sagt, dass in Raum und Zeit viel verloren ginge. Er sagt das sehr ernst.

Gestern ist heute, und heute ist gestern. Die Geschichte lebt in Tirol. Die glorreichen Schlachten, die Treue zum Vaterland, die alten Helden, die Demut vor Gott. Ein Tiroler Schütze ist so eine Art wandelndes Zeitfenster, die vergangenen Jahrhunderte ins Herz gebrannt.

Zangerl, im Berufsleben Personalangestellter der Innsbrucker Postdirektion, bindet sich einen silberbestickten Bauchranzen um, früher wichtiges Schutzschild gegen Unterleibsverletzungen, und legt seine Majorsjacke an. Heute keine Stiefel, keine Stutzen. Heute nur die legere Ausgehtracht.

Rudolf Mantel-Mussack, Hauptmann der Schützenkompanie Polling, feiert heute seinen 55. Geburtstag. Sie werden ihm eine Ehrensalve schießen. Zangerl fährt zehn Minuten ins Nachbardorf, die Sonne steht rot hinter der steilen Martinswand, ein sehr warmer Wind streicht durch die Bergidylle, und so feiern sie hier Geburtstag: 20 Uhr Treffen im Schützenheim.

20.30 Uhr Abgang von 30 Schützenkameraden durchs Dorf bis zum Haus des Jubilars.Aufstellung direkt vor dem Gartenzaun, Nachbarn lehnen aus den Fenstern. Mantel-Mussack tritt vor sein Haus und verfolgt die Zeremonie. Der Kompanieführer: "Kompanie auf mein Kommando! Habt acht! Recht richt' euch! Schultert!" Die Befehle kommen schnell. "General de Charge! Laaaaa-det! Hoch an - und Feuer!" Ein Donnern hallt durch das stille Tiroler Oberland mit seinen saftigen, grünen Berghängen und den adretten Bauernhäusern. "Präsentiert! Habt acht! In die Hand!" Die Steyr-Mannlicher M-95, Infanteriegewehre der Österreicher aus dem Ersten Weltkrieg, werden jetzt exakt fünf Zentimeter über dem Boden gehalten. "Bei Fuß, Kompanie en route!"

Es folgen Gratulationen, eine Flasche Sekt wird überreicht. Rückmarsch zum Schützenheim. Hauptmann Mantel-Mussack wird später zum geselligen Beisammensein hinzustoßen, wird sich über Brauchtum, Kirche und das morgige Bataillonsfest unterhalten, wird eigenhändig und in Schürze Würste, Schnitzel und Kartoffelsalat servieren und wird sagen: "Ein Tiroler unter hundert Kilo ist ein Krüppel." Dabei wird er herzhaft lachen, sein Gesicht rot wie eine Alpenrose.

Ein paar Nachbardörfer weiter sitzt Major Dr. Otto Sarnthein im Garten seines Anwesens bei Rotwein und Käse. Sarnthein ist Landeskommandant, frei gewähltes Oberhaupt der rund 20 000 Schützen aus Nord- und Südtirol sowie dem Trentino.

Oberhaupt von 25 Bataillonen, Dutzenden Regimentern, 233 Kompanien, 14.000 aktiven Waffenträgern, alles straff militärisch organisiert. Sarnthein sagt: "Jeder kann Schütze werden, bei uns stehen Maurer und Manager Seite an Seite." Sarnthein wird beim morgigen Großfest vor mehr als tausend Schützen die Ansprache halten. Dabei wird er von der Treue zu Gott reden, von der Würde des Menschen, vom Schutz des Vaterlands, von der geistigen und kulturellen Einheit Tirols und von der Freiheit. Sarnthein wird sich auf die Ansprache nicht groß vorbereiten. Gute Reden, sagt Sarnthein, funktionieren nach einem simplen Prinzip. Sie sollen sein wie ein Minirock. Kurz und beschaulich.

Sarnthein trägt Hirschlederhosen, Lodenjacke, Bauchranzen und einen Hut mit Adlerfeder. Stellt man Sarnthein die Frage, worin die Aufgaben der Tiroler Schützen heute bestehen, gibt er diese Antworten: Die Kompanien rücken bei Jubiläen aus, Stadtfesten, kirchlichen Veranstaltungen. Im Juli und August fast jedes Wochenende. Überall in Tirol. Käme es allerdings zu einem Angriff, würden die Schützen auch zur Landesverteidigung hinzugezogen werden. Sarnthein guckt mit ernstem, festem Blick. Die Schützen sind noch immer bereit.

Kaiserjägermarsch, Ehrensalven und dann Schnaps vom Fass

Wie alle Schützen besitzt Sarnthein ein Gewehr. Und wie alle Schützen kann er damit umgehen. Sie trainieren an den landesweiten Schießständen, etwa dem alten Platz in Hötting. Hier werden mit Kleinkaliber Fünfzehner- Serien auf 100 Meter entfernte Papierscheiben geschossen. Hier wird jedes Jahr der Schützenkönig ermittelt. Der Schützenkönig wird auf einer Namenstafel verewigt und bekommt eine schwere Schützenkette um den Hals gehängt. "Das ist kein Rummelplatz hier", sagt Heinz Wotschitzky, Schützenmajor mit felsgrauen Haaren. Und dann fügt er hinzu, dass Schießen ein Konzentrationssport sei und dass man lange mit den Tirolern spielen könne. Aber irgendwann sei Schluss.

Spielen. Damit meint er dumme Entscheidungen aus Wien. Dumme Beschlüsse aus Brüssel. All solche Beschlüsse, die Tirol als eigenständiges Land untergraben. Und er meint die Sache mit Italien. Diese Grenze, Wotschitzky winkt ab, es ist heiß, ein großes Bier steht auf dem Tisch, ja, diese Grenze, die Tirol zerschneidet wie Schmach, wie Frevel. Da war 1919, ein Datum wie eine offene Wunde: Italien bekommt Südtirol, das Land wird geteilt. Wotschitzky blickt wie alle Schützen bei diesem Thema. Verbittert Eine Wespe surrt über das Glas, und dann schweigt Wotschitzky, weil man für diese Teilung Tirols vor Wut keine rechten Worte finden kann. Sie sitzt tief, diese Teilung. Bis heute.

Hinter der Martinswand ist die Sonne untergegangen. Erwin Zangerl, Bruder von Stephan Zangerl, Major, Adjudant von Landeskommandant Sarnthein und Chef der Innsbrucker Postgewerkschaft, geht heute früh zu Bett. Auf dem Weg ins Schlafzimmer kommt er an einem zwei mal drei Meter großen Ölgemälde vorbei. Das Gemälde zeigt Kaiser Maximilian in einer Bergnische kauernd, lebensgroß.

Zangerl kennt die großen Figuren der Vergangenheit auswendig. Alle Schützen kennen die historischen Höhepunkte, schon die jungen Hülsenbuben. Erwin Zangerl steht vor Kaiser Maximilian und erzählt. Da war 1511: Maximilian erlässt das Landlibell, das Hauptdokument für die Tiroler Wehrhaftigkeit. Seitdem zog die freiwillige Armee in die Schlachten, entzündete in den Bergen Kreidefeuer und läutete die Sturmglocken, sobald Bedrohung anrückte. Da waren die großen Befreiungskriege am Bergisel in Innsbruck, 1809: ein Jahr wie ein Paukenschlag. Zangerl guckt mit stechenden, zornigen, traurigen Augen. "Dreimal haben wir die Franzosen und die Bayern damals in die Flucht geschlagen. Napoleon marschierte mit mehreren tausend Berufssoldaten an, aber wir haben seinen Marschall Lefebvre in die Knie gezwungen." Wir. Sie sagen noch immer wir. Ein 500 Jahre altes Wir-Gefühl mit Kaiser Maximilian an der Spitze.

Feuernde Bajonettgewehre, Schnaps reichende Marketenderinnen, die ihre von Kugeln durchlöcherten Fässer mit den bloßen Händen zuhalten, über Zäune hängende, tote Franzosen, heroische Fahnenträger, blutiges Kampfgetümmel und Rauchsäulen über Wäldern und Tälern: Man kann die dritte, die größte aller Schlachten noch heute sehen. Auf einem tausend Quadratmeter großen, runden Monumentalgemälde.

In allen Details, mit stürmenden Gebirgsjägern und Priestern, die Sterbenden die letzte Ölung verabreichen. Jeder Schütze kennt das Riesenrundgemälde in Innsbruck. Jeder. Zangerl erzählt weiter. Und dann war da Andreas Hofer.Wenn er von Hofer spricht, nimmt Zangerl wie automatisch Haltung an. Weil Andreas Hofer damals legendärer Landeskommandant war.Weil Andreas Hofer kämpfte bis zum Ende, die vierte Schlacht aber verlor, weil die Franzosen ihn exekutierten und weil der schwerbärtige, tapfere Andreas Hofer bis heute Volksheld Nummer eins ist.

Da ist Glut in den Herzen. Für Gott, Kaiser und Vaterland. Über seinem Grab in der Hofkirche steht Andreas Hofer aus weißem Stein gemeißelt. An seiner Schulter hängt ein Trauerflor. Zangerl blickt zu Maximilian auf und sagt: "Der Trauerflor wird hängen, bis Tirol wieder ein geeintes Land sein wird." Dann geht Zangerl schlafen.

Es ist der Morgen des 46. Oberinntaler Regimentsfestes und Bataillonsschützenfestes Starkenberg in Imst, Glenthof. Es ist August und Tirol bereits um 8.30 Uhr ein Backofen. Schützenformationen aus allen Landesteilen treffen am Jonak- Platz ein. Querflöten, Pauken, Gewehre, Hüte, Stiefel und Säbel werden aus Kofferräumen gekramt. Hier und da kracht ein Schuss. Schaulustige säumen die Straße. Am Rand stehen historische Kanonen, feuerbereit. Einige Schützen tragen Holzsensen und Äxte. Heute keine Ausgehtrachten. Heute volle Montur.

Um Punkt neun, die Luft flirrt, stehen 60 Kompanien, Talschaften und Bataillone in Reih und Glied. Schweigen. Landeskommandant Major Otto Sarnthein schreitet die Formationen ab, die Handkante zum militärischen Salut an die Stirn geworfen. Bürgermeister, Nationalratsabgeordnete, Bezirkshauptmänner, Stadträte und Träger des Ehrenkreuzes, alle Honoratioren sind versammelt. Neben dem Rednerpult ist ein großes Kreuz aus Birkenstämmen errichtet. Die Kirche ist

selbstverständlich auch da. Es folgt die Festansprache von Landeskommandant Major Dr. Otto Sarnthein. Es ist brutal heiß.

Sarnthein begrüßt die hohe Geistlichkeit, spricht von der Wichtigkeit, Tradition und Moderne zu verbinden, Motto: "Mit Laptop und Lederhose". Er beschwört das Schützentum als zutiefst demokratische Vereinigung, die Sonne brennt steil von den Bergen herunter, und nach zehn Minuten schließt Sarnthein seine Ansprache mit den Worten: "Schützen heil." Seine Ansprache war kurz und knackig. Wie ein Minirock.

"Ich habe gesündigt durch meine Schuld, meine Schuld, meine Schuld." Die still stehenden Schützen sprechen diese Worte leise nach. Der Stadtpfarrer von Imst ,Alois Oberhuber, hält die Messfeier ab. Er sagt in die Hitze:"Wir feiern hier auch die Befreiung durch Jesus Christus." Und dann folgen die Fürbitten, und dann folgt die Lesung aus dem Buch Exodus, dann beginnt der Pfarrer im grünweißen Talar zu singen, und dann, es ist 11.30 Uhr mor- Nummer sicher: Bei Übungen an Freiluft-Schießständen werden Wanderwege abgesperrt gens, krachen Gewehre und donnern Kanonen, Schweiß rinnt wie Wasser auf Bärten und Gesichtern, und schließlich kommt die Marschmusik.

Mehr als 1000 Mann schreiten zum Festumzug durch die Stadt Imst, mit feierlicher Defilierung. Eine Stunde lang schiebt ein Meer aus Trachten, Stiefeln, Hüten und Hahnenfedern durch die Straßen, vorbei an der Eisdiele Venezia und am Haus der Mode Bilgeri. Imst bebt und brütet.

Um 12.30 Uhr fluten 2000 Menschen die Festhalle. In der Festhalle herrschen 40 Grad. Die Imster Stadtmusik gibt ein Frühschoppenkonzert, mit der Bürgermusik Tarrenz und dem Entertainer Sigi. Sigi blickt von der Bühne hinab auf ein Menschengewimmel, das an Biertischen sitzt, vor Hendl, Knödeln, Brezen, Würschtln und Schnäpsen, mit Lodenjacken, Bauchranzen und bester Laune. Sigi ruft ins Mikrofon: "Lachen sollt's, lachen ist g'sund!" Bekanntes Liedgut schallt von der Bühne, darunter der Tiroler Kaiserjägermarsch.

Erwin Zangerl, schweißüberströmt, hält ein Glas Bier in der Hand und singt mit einigen hundert Schützenkameraden: "Du bist das Land, dem ich die Treue halt, mein Tiroler Land". Dann beginnt die Festhalle von Imst, Starkenberg, zu kochen. Es ist ein ganz normaler Sommertag in Tirol.

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Autor:
Marc Bielefeld