Tirol Der Bergbauer Sepp Kahn

Als Moses vom Berg kam, schmiss er seine liebevoll gemeißelten Geschenke zu Boden und schimpfte sehr, als er sah, wie sich seine Leute wieder einmal vom Golde blenden ließen. Als Sepp Kahn von seinem Berg kam, ging er erst zum Friseur, dann zu seiner Familie und danach zurück auf seine Alm. Denn es regt ihn schon lang nicht mehr auf, was seine Leute alles aufführen, um die Erträge zu steigern, die Kosten zu senken, den Profit zu mehren. Nun könnte man meinen, alle seien froh, auf dass jeder nach seiner Façon selig werde. Weit gefehlt, denn gerade weil der eigensinnige Bergbauer Kahn einfach jeden Fortschritt ignoriert oder gar verweigert, macht er sich verdächtig. "Ich bin so rückständig, dass ich schon wieder modern bin", sagt er und spricht das schlimme Wort aus, welches manche Bauern noch mehr fürchten als die Osterweiterung der Europäischen Union: "Die denken, ich bin ein Grüner!"

Was geschieht da nun frevelhaftes in der Abgeschiedenheit auf 1600 Metern Höhe, dass solch Gerücht kursiert? Kahn hütet Kühe und Schweine und Ziegen. Aus der Kuhmilch macht er Butter und Käse für den Verkauf und den eigenen Bedarf; die Milch der Ziegen trinkt er selbst oder bietet sie Besuchern an, und die mit Molke gefütterten Schweine werden nach dem Sommer geschlachtet. Sepp Kahn verrichtet also die traditionelle Arbeit eines Senners.

In Tirol gibt es rund 2300 bewirtschaftete Almen. Doch während viele Bergbauern dem Tag entgegenfiebern, an dem sie ein planierter Weg mit der Gegenwart verbindet, damit Trecker den Beton hoch schaffen für größere Ställe, Kraftfutter ankarren für mehr Milch und Gülle hinaufbringen, damit das Gras auf den Wiesen schneller wächst, verzichtet Sepp Kahn auf all dies und geht ganz bewusst seinen steinigen Pfad. Und trotzdem verkauft er gut, nämlich alles.

Rund hundert Tage lebt er von Juni bis September allein auf seinen zwei Almen, gelegen an der Sonnenseite des Lärchenbergs im Windautal. Pro Saison käst er 300 Kilogramm Tilsiter und stampft an die 100 Kilogramm Butter. Das wissen die Leute, bestellen vor und kraxeln zu ihm hinauf, um die frische Kost gleich mitzunehmen. "Für mich ist es ja auch einfacher, das Geld nach Hause zu tragen, als die schweren Käse", sagt er schmunzelnd.

Sepp Kahn ist 51 Jahre alt, ein stattlicher Mann, hoch gewachsen und gerade wie seine Lärchen, kräftig in den Armen, wenn er das Holz hackt mit leichter Hand, flink auf den Beinen, wenn er barfüßig zur Hochalm eilt, um nach dem Jungvieh zu sehen. Geht die Sonne auf, beginnt für ihn die Arbeit, geht die Sonne unter, legt er sich schlafen. Sein Tag folgt dem festen Rhythmus des Senners: die Tiere versorgen, Wanderer bewirten. Manchmal besuchen ihn auch ein paar Freunde zum Kartenspielen. Die bringen dann immer den vierten Mann mit, sicherheitshalber, weil der Bauer zwischendurch ab und an aufspringen muss, nach dem Vieh sehen.

Auf diese archaische Weise verbrachte er nun schon 14 Sommer, und 20 sollen es noch werden. Auf die Frage, ob er eigentlich je etwas anderes machen wollte, antwortet er bestimmt mit Nein. Damals, nach dem Tod des Vaters, stellte sich die Frage gar nicht, der 17-jährige Josef erfüllte als Erbe und ältester Sohn seine Pflicht und half der Mutter. Heute, als Vater von fünf Kindern und Opa eines Enkels, will er gar nichts anderes machen. Zwar sei die Arbeit nicht wenig, aber: "Ich habe jeden Tag frei, mal mehr, mal weniger, und im Winter kann ich Skitouren gehen, wenn der Schnee fällt und nicht dann, wenn alle frei haben und es taut. Es ist gut, wie es ist." Auch, weil er sich nicht sorgen muss um die Nachfolge: Sein 23-jähriger Sohn Josef, schon heute auf dem Hof aktiv, wird die Landwirtschaft samt Berg und Almen übernehmen. Das freut den Vater. Und mächtig stolz macht ihn der Enkel, der kleine Jakob, gerade ein Jahr alt: "Der ist jetzt schon almtauglich."

An manchen Wochenenden besucht ihn seine Frau Maria, "das kann ich nie ganz ausschließen", bringt selbstgebackenes Brot mit auf die Alm und das Neuste aus dem Dorfe Itter, wo der Hof der Familie steht. Dann sitzen sie gemeinsam auf der urigen Bank vor dem urigen Holzhäuschen, dessen Alter auf gut 300 Jahre geschätzt wird und schauen hinab in die fernen, gewundenen Täler oder hinauf zu den wilden Gipfeln. Später im Sommer pflücken Sepp und Maria Preiselbeeren, suchen Pilze, die "Schwammerln", welche unter den moosigfeuchten Felsen so reichlich gedeihen, oder sie pflücken Kräuter für einen kräftigen Tee. Eine schöne heile Bergwelt, die den Senner immer wieder zu kleinen Gedichten oder Geschichten inspiriert, manchmal auch zu Romanen oder Theaterstücken - vier Bücher hat er bereits veröffentlicht. Abends beim Schein der Kerze schreibt er dann seine Gedanken auf, formt sie zu Zeilen wie diesen:

"Zu spät. / Vor dem Hause steht der Wirt: / Ob es heut' wohl schneien wird? / Er hebt empor die feine Nase, schnuppert wie ein alter Hase. / Oh ja! / Doch schon vielleicht, / leise Hoffnung ihn beschleicht. / Es wird schneien große Flocken, / er wird brauchen dicke Socken, / Gäste werden kommen, Scharen. / Lifte werden wieder fahren, / alle werden sich vergnügen, / durch den tiefen Tiefschnee pflügen, / danach dann rasten, fressen, saufen, / dicke Flaschen, ganze Haufen, / im Profit wird er versinken, / den armen Schluckern wird er winken, / danach auf Gran Canaria fliegen, / genüsslich in der Sonne liegen. / Leider ist kein Schnee gekommen, / alles hat man ihm genommen. / Den ganzen hässlichen Verdruss / hat beendet dann ein Schuss. / Erst als man stand an seinem Grabe, / hat's geschneit. / Drei volle Tage." *

Schön ist diese Bergwelt, unbestritten, aber schon lange nicht mehr heil. Spielte einst im Heimatfilm der Wilderer den bösen Buben vor großer Kulisse, so bedrohen heute die Bürokraten der EU mit ihren Vorschriften Tiroler Brauchtum. Oder die Bauern selbst verschandeln die Natur mit zementgewordener Agrararchitektur. Aber auch der Tourismus fordert seinen Tribut, wenn ehrgeizige Bürgermeister das Gesicht ganzer Orte verändern. In diesem alpinen Reality-TV in luftiger Höhe spielt Sepp Kahn die Rolle des Bergbauern im eigenen Freilichtmuseum .Wie er da so den kupfernen Kessel schwenkt über dem offenen Feuer und mit der Käseharfe durch die fermentierte Milch streicht, freut das zwar den Gast, beleidigt aber die Bürokraten. Denn das traditionelle Käsen kollidiert mit den Hygienevorschriften der EU. "Das tut schon weh", sagt Kahn. Nach europäischen Normen dürfte er den Käse nicht in den Handel bringen. Seit Österreich zur EU gehört, gibt's auf der Alm also Sünden. "Dabei waren die aus Brüssel noch nie hier", sagt Hans Augustin, Leiter der Kulturprojekte in der Landwirtschaftskammer von Tirol. Sonst gäbe es vielleicht mehr Verständnis für die Bergbauern.

Die Höfe in Tirol (acht Hektar im Schnitt) sind, verglichen mit dem europäischen Mittel (18,5 Hektar) eher klein, im Verhältnis zu Deutschland (32 Hektar) oder England (70 Hektar) geradezu winzig. Doch Ackerbau und Viehzucht im Flachland, den Gunstlagen der Landwirtschaft, diktieren die Preise. Und dort dominiert die Quantität von Gemüse, Getreide, Fleisch und Milch immer noch deren Qualität. Die meisten Tiroler Bauern reagieren auf den Preisverfall mit einer gesteigerten Produktion, aber das so erhöhte Angebot lässt die Preise weiter sinken. Um sich hiervon nicht abhängig zu machen, setzen Kahn und rund 3000 Biobauern auf Qualität: weniger Produkte, bessere Produkte, teurere Produkte. Das gibt Anlass zu vielen Diskussionen an den Stammtischen und Debatten in den Parlamenten.

Die verfolgt Sepp Kahn dann an seinem batteriebetriebenen Radio, denn Strom gibt es auf der Alm nicht. Ofen und Herd heizen mit Holz, Quellwasser erzeugt das Vakuum für die Melkmaschine, der Akku seines Mobiltelefons hält ewig, weil das Telefon so gut wie nie an ist. "Ich wollte gar keins haben, doch die Familie meinte, es sei wichtig, falls doch einmal etwas Ernstes sei - mit den Tieren", sagt er und seine blauen Augen lachen dabei. Sein Mund lacht wohl auch, doch verbirgt sich der hinter einem gewaltigen Rauschebart. Hemdsärmelig steht er in der kleinen Stube und bereitet aus Mehl, Wasser und Eiern einen Kaiserschmarrn, zu dem er Buttermilch reicht und Preiselbeer-Marmelade. Einfach und gut ist das Leben hier oben, aber auch gefährlich. Beim Mähen schräger Hänge etwa, wo sich das Gras nur per Hand schneiden lässt, weil selbst die Kletter-Kühe das Kraxeln verweigern.

Der Sensenmann arbeitet dann ehrenamtlich als Landschaftspfleger, weil Schnee zu langes Gras beugt und dies eine ideale Rutsche für Lawinen wäre. Aus denen dann wieder Touristen befreit werden müssten. Kein schönes Bild. Das vom Almabtrieb dagegen schon, das lieben alle. Die Feriengäste erfreuen sich der geschmückten Kühe, die Fremdenverkehrskönige erfreuen sich voller Kassen. "Da will wieder jeder ein Geschäft machen, das gefällt mir nicht so", sagt Kahn. Außerdem müsste er sich für die Teilnahme an dem Spektakel bereits ein Jahr vorher verbindlich anmelden und so viel Planwirtschaft von Seiten der stramm kapitalistischen Bauernschaft irritiert den vermeintlichen Grünen. Da er aber nun einmal die Angewohnheit hat, sich aus allem und auf alles einen Reim zu machen, bleibt er auf dem Berg. Während unten alles tanzt, hockt er sich in den weichen Farn unter seiner Lieblingslärche und dichtet. Zum Glück muss er die Verse nicht mehr in Stein meißeln.

* aus "Almtagebuch", Berenkamp Verlag, 2003, 16,50 Euro

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Stefan Becker