Indien Tempel, Paläste und das Symbol der Liebe

Merian.de: Herr Frank, Sie waren acht Wochen lang in Delhi. Für viele ist die Hauptstadt nur eine kurze Durchgangsstation. Warum waren Sie so lange dort?
Alexander Frank:
Ich habe ein Praktikum bei einer politischen Stiftung gemacht. Zudem wollte ich intensiv in das indische Leben eintauchen, mal eine andere Seite des Landes kennenlernen als der normale Urlauber.

Und, haben Sie eine andere Seite kennengelernt?
Auf jeden Fall. Ich hatte meine eigene Unterkunft – ein Zimmer zur Untermiete bei einer indischen Familie, bin jeden Tag mit der Motorrad-Rikscha zur Arbeit gefahren, habe mich abends mit Freunden getroffen, das Nachtleben erkundet und musste auch mit Dingen wie den täglichen Stromausfällen oder Mäusen im Zimmer zurechtkommen.

Wie waren für Sie die ersten Tage in dieser fremden Kultur?
Nach dem ersten Kulturschock, den hier vermutlich fast jeder hat, habe ich mich ziemlich schnell eingelebt. Am Anfang habe ich versucht, immer alles zu verstehen. Das bringt aber nichts, denn die indische Kultur ist einfach zu komplex und ich, als Ausländer, stehe sowieso außerhalb ihrer Gesellschaft. In den ersten Tagen ist man oft unsicher und weiß nicht, wie man sich verhalten soll, zum Beispiel gegenüber bettelnden Kindern. Obwohl ich mich im Vorfeld gut informiert hatte, war es nochmal etwas anderes, die Armut mit eigenen Augen zu sehen – oft genug verstörend. Doch mit der Zeit wurde ich innerlich ruhiger und gewöhnte mich an vieles. So hatte ich das Gefühl, von Woche zu Woche die Abläufe und Verhaltensweisen immer ein Stück mehr zu verstehen.

Sie sind groß und blond. Da sind Sie sicher aufgefallen?
Ich stand ständig im Mittelpunkt – ein seltsames Gefühl. Man wollte Fotos mit mir machen, die Leute berührten mich, kamen mir nahe, starrten mich an. Den privaten Raum, so wie wir ihn in Deutschland kennen, gibt es in Indien nicht. Das war teilweise sehr anstrengend. Gleichzeitig war es aber auch schön zu sehen, mit welchem Interesse die Leute auf einen reagierten, wie freundlich und hilfsbereit sie waren.

Smog, Verkehrschaos, Menschenmassen – das steht für Delhi. Bei über 17 Milionen Einwohnern auch nicht wirklich verwunderlich. Wie haben Sie Delhi erlebt?
Ich kann verstehen, dass Delhi auf Urlauber abschreckend wirkt. Doch die Stadt hat durchaus ihre Reize. Der Chandni Chowk-Markt zum Beispiel, im alten Teil von Delhi. Dort schlummert für mich der Charme der Stadt: verstopfte Straßen, dunkle Gassen mit alten Havelis und köstliches Essen an Straßenständen. Ich war begeistert. Überall steigen einem Gerüche – nicht immer wohlriechend - in die Nase. In der Luft liegt eine Mischung aus Straßenstaub, Wasserdampf und verbrannten Rotis (indisches Brot). In jeder Ecke wird leckerer Chai (Gewürztee mit Milch) verkauft. Zudem sieht man Gotteshäuser vieler Religionen: Da gibt es buddhistische Tempel, Tempel der Sikhs, christliche Kirchen, hinduistische Götterstatuen. Gleich nebenan befindet sich die Jama Masjid Moschee, umgeben von einem riesigen Markt mit Früchten, Teppichen, Kleidung und vielem mehr. Zusammengefasst: Jede Indien-Vorstellung kann hier angefasst, in den Mund gesteckt und durch die Nase gezogen werden.

Nach Ihrem Aufenthalt in Delhi sind Sie noch zwei Wochen durch den Norden Indiens gereist…
Zuerst ging es in die Gangesregion nach Haridwar und Rishikesh, neben Varanasi zwei bedeutsame Pilgerstädte für Hindus. Vor allem Rishikesh besticht durch seine landschaftliche Schönheit. Der Ganges, der heilige Fluss, verlässt hier den Himalaja. Anschließend reiste ich nach Rajasthan in die Städte Jaipur und Jodhpur - dort, wo die pompösen Maharadscha-Paläste stehen.

Wie sind Sie hauptsächlich von A nach B gekommen?
Mein Haupttransportmittel war der Zug. Man kommt zwar nur langsam voran, muss lange Wartezeiten und Verspätungen einplanen – und manchmal strandet man auch mitten in der Nacht an irgendeinem Bahnhof - aber meiner Meinung nach darf man Indien nicht verlassen, ohne einmal mit dem Zug gefahren zu sein. Die Nähe zu den Einheimischen, die Verkäufer im Zug, einfach die Atmosphäre, es ist ein ganz besonderes Erlebnis.

Sie haben auch das Taj Mahal besucht, das Wahrzeichen von Indien und Symbol der Liebe. Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich vor diesem Prachtbau steht?
Beim Anblick des Taj Mahal habe ich eine Gänsehaut bekommen. Ich konnte gar nicht mehr aufhören, es anzuschauen, der weiße Marmor, die Gartenanlagen. Einfach fantastisch. Das Taj Mahal sollte jeder, der nach Indien reist, besuchen.

Sie haben viel gesehen und erlebt. Was zählt zu Ihren Höhepunkten?
Ganz klar der Goldene Tempel der Sikhs in Amritsar im Bundesstaat Punjab. Die heilige Stätte hat alles übertroffen, was ich bisher gesehen habe. Nachdem ich - wie es sich gehört - die Haare bedeckt, die Schuhe ausgezogen und meine Füße gewaschen hatte, ging es zum Tempel, der in der Mitte eines Sees liegt und von einer Palastanalge umgeben ist. Wohin man auch blickte, sah man Pilger, immer wieder zischte es am Himmel und Feuerwerkskörper explodierten. Das gesamte Gelände war mit Lichterketten geschmückt. Am eindrucksvollsten war der Besuch im Inneren des Tempels: Blattgold ziert dort alle Wände und Decken, Gläubige erfüllen ihre religiösen Pflichten, Verse werden aus dem Heiligen Buch rezitiert, Gesänge sind über Lautsprecher zu hören. Rund um die Uhr wird die Anlage gereinigt, gefeudelt und poliert. Für mich ein wahrlich magischer Ort.

Trotz aller Wahrzeichen, Tempel und schönen Erlebnissen ist man in Indien gefühlsmäßig vielen Extremsituationen ausgesetzt. Haben Sie jemals daran gedacht, Ihren Aufenthalt zu verkürzen oder gar abzubrechen?
Natürlich gab es viele Momente, die meine Nerven stark strapaziert haben. Der ständige Lärm aus hupenden Autos, bellenden Hunden und schreienden Menschen - egal wo man ist - hat mich oft an meine Grenzen getrieben. Doch dann gab es immer wieder diese besonderen Momente. Als ich zum Beispiel eines Nachts in Delhi auf dem Heimweg von einer Feier war, erlebte ich tatsächliche so etwas wie Stille: keine Autos auf den Straßen, nur ein paar Nachtschwärmer waren unterwegs. Über mir funkelten die Sterne und plötzlich lief ein bunt bemalter Elefant an mir vorbei. Es war fast wie in einem Traum. Das hat mir gezeigt: Die Stadt, das Land, kann einen 24 Stunden nerven, aber es genügt ein kleiner Moment wie dieser und alle Unannehmlichkeiten sind vergessen. Daher: Nein, an Abbruch habe ich während meiner Zeit in Indien nie gedacht.

Wenn Sie Indien in Stichworten beschreiben müssten, welche wären das?
Faszinierend anders, verstörend schön, gelebtes Chaos.

Autor:
Susanna Bloß