Indien Der ewige Gentleman

Am Ende gratulierte sogar die britische Queen höchstpersönlich: Als Mohan Singh Oberoi 1998 seinen 100. Geburtstag feierte, kam ein Glückwunschtelegramm aus London. Jetzt, spätestens jetzt, konnte der Hotelier beruhigt abtreten - schließlich war es Herrn Oberoi nie nur darum gegangen, edle Hotels zu betreiben, sondern immer auch darum, seiner anglophilen Ader genüge zu tun.

Dabei hatte Mohan Singh Oberoi bis in seine Mittzwanziger nie einen Engländer zu Gesicht bekommen. Dann jedoch nahm Oberoi, der aus einem kleinen Dorf im heutigen Pakistan stammt, in der indischen Stadt Shimla einen Hilfsjob als Page an. Das Hotel wurde betrieben von einem Briten, frequentiert von Briten, die sich während der Kolonialherrschaft dort aufhielten - und es weckte in Oberoi die Liebe zu den britischen Sitten und Vornehmheit.

Noch viel später, in seinen späten 1990ern, erschien Mr. Oberoi stets in edlen Savile-Row-Anzügen und Filzhut zu offiziellen Anlässen und Interviews. In den 1930ern jedoch war es zunächst einmal der zunehmende Rückzug der britischen Kolonialherren, der Oberoi zu ersten Erfolgen verhalf: 1934 übernahm Oberoi in Shimla ein Hotel von scheidenden britischen Besitzern (und verpfändete angeblich den Schmuck seiner Frau, um das Geld aufbringen zu können). Der Grundstein für die spätere "Oberoi Group" war gelegt. 1938 profitierte anglophile Herbergsvater von einer Cholera-Epidemie in Kalkutta und sicherte sich mit dem Grand Hotel das erste große Haus unter seiner Ägide.

Während des Zweiten Weltkriegs beherbergte Oberoi große Zahlen britischer Soldaten im Grand Hotel, das zu diesem Zweck komplett umgestaltet und mit 1500 Betten ausgerüstet wurde. Der Lohn: 1941 hatte sich Oberoi im gesamten Land einen Namen als Hotelier gemacht, die indische Regierung verlieh ihm den Ehrentitel eines Rai Bahadur. Zwei Jahre darauf war Oberoi vorläufig am Ziel angekommen: Er wurde Vorsitzender der Organisation "Associated Hotels of India", der alle Top-Hotels in der Region gehörten, inklusive des Hotel Cecil in Shimla, jenem Haus also, in dem Oberois Karriere einst begonnen hatte.

Aus dieser Position heraus startete Oberoi in Indien eine einzigartige Karriere, die bis zu seinem Ableben im Jahr 2003 währen sollte - und die ihm am Ende als erfolgreichen Hotelier und Transformator des modernen Indiens einen Platz in den Geschichtsbüchern sicherte: 1965 eröffnete Oberoi in Zusammenarbeit mit der bekannten Hotelkette Intercontinental das Oberoi Intercontinental in Delhi, Indiens erstes modernes 5-Sterne-Luxushotel. Weitere Häuser kamen im gesamten Land nach und nach hinzu. Sie machten sich durch ihren ausgezeichneten Service einen Namen, aber auch anderweitig setzte M. S. Oberoi Akzente: So war das Haus in Delhi das erste in ganz Indien, das weibliche Zimmerbedienstete einsetzte. Bis heute fördert die Oberoi Group philanthropische Gesellschaften im Land und unterstützt beispielsweise die Erziehung geistig und körperlich behinderter Menschen.

Kaum überraschend daher, dass M.S. Oberoi auch Ausflüge in die indische Politik machte: Von 1962 - 1978 war der Hotelier Mitglied im Oberhaus des indischen Parlaments, von 1972 - 1978 hielt Oberoi einen Sitz im Unterhaus. Unterstützt wurde der Magnat bei seinen geschäftlichen wie gesellschaftlichen Aktivitäten stets von seiner Frau, Ishran Debi. Nach ihrem Tod kam ihrem gemeinsamen Sohn, PRS "Biki" Oberoi, eine zunehmend wichtige Rolle im Führen der Geschäfte zu. Biki Oberoi verpasste den Häusern eine Extravaganz und einen Stil, die jene des Vaters bei weitem übertrafen.

Heute betreibt die Oberoi Group 28 Hotels und drei Luxus-Cruiser in fünf Ländern, allesamt auf höchstem Niveau und vielfach ausgezeichnet, zuletzt beispielsweise von den Lesern des US-Magazins "Travel + Leisure", die 2008 drei Oberoi-Häuser unter die sechs weltbesten Hotels außerhalb der Vereinigten Staaten wählten. Rund 12.000 Angestellte arbeiten für die Gruppe, die ihre Häuser unter dem Dach luxuriöser "Oberoi"-Häuser sowie der 5-Sterne-Marke "Trident" betreibt. Neben dem klassischen Hotel-Business ist die Oberoi Group in weiteren Bereichen aktiv: Flug-Catering, Flughafen-Restaurants, Reise- und Tourplanungen, Autovermietung, Projektmanagement und Firmenreisen.

Die Häuser der Kette finden sich aktuell neben Indien in Saudi-Arabien, Indonesien, Mauritius und Ägypten. Auch Anläufe in Australien und Ungarn gab es schon. Auf dem englischen Markt hingegen konnte M. S. Oberoi nie Fuß fassen, es mangelte an Zugang zu entwickelten Kapitalmärkten, um Unternehmungen in Übersee zu finanzieren; auch die steifen indischen Währungsgesetze waren ein Hinderungsgrund. Umso mehr dürfte sich Mohan Singh Oberoi über das Geburtstagstelegramm von der Queen gefreut haben. Seine Dienste an den britischen Soldaten im 2. Weltkrieg waren auch Jahrzehnte später nicht in Vergessenheit geraten. Wer brauchte da schon ein Hotel in England?

Autor:
Nico Cramer