Indien Delhi, eine Stadt für alle Sinne

"Money please!", fordert mich das Mädchen mit den tiefbraunen Kulleraugen stirnrunzelnd auf. Ihre dunkle, kleine Hand streckt sich mir energisch entgegen. Sie möchte Geld. Das Kind ist mager, Kleidung und Haare sind vom Dreck schon ganz verfilzt. Sie schaut mich aus so traurigen Augen an, dass mir das Herz butterweich wird. Mitleid ist ein zu harmloser Ausdruck für das, was ich in diesem Moment empfinde. Ich versuche, mich an das zu halten, was mir so viele vor meiner Indienreise mit auf den Weg gegeben haben: "Wahre Distanz – vor allem emotional." Also straffe ich die Schultern, stelle mich aufrecht hin und sage laut auf Hindi "nej" - nein.

Es ist sieben Uhr dreißig am Morgen. Die Ameisen in meinem Hotelbett haben mich nicht in Ruhe schlafen lassen. Ich bin hundemüde und ein bisschen gereizt. Das Mädchen zerrt ungeduldig an meinem Ärmel. "No!" entfährt es mir - vielleicht einen Tick zu laut. Direkt neben uns muht es, unwillkürlich zucke ich zusammen: Eine große, schwarz-weiße Kuh stöbert in einem immensen Müllberg aus Flaschen, Plastiksäcken und Bioabfällen. Die Schecke frisst einen undefinierbaren, bräunlichen Brei. Vielleicht sind es Reste von Dhal, dem typisch indischen Linsencurry. Eine Kuh bedeutet für viele Inder die Nahrungsgrundlage: Sie liefert fettreiche, nahrhafte Milch. Ganze Familien zehren davon. Geschlachtet wird das Tier allerdings nicht, selbst wenn der Hungertod droht - denn Kühe sind in Indien heilig.

In Delhi stinkt es. Die Luft scheint zu stehen, heute sind es wohl so um die 40 Grad Celsius. Hitze, Smog, ich bin in einen langen Shalwar Kamiz gekleidet, neben dem Sari ein traditionelles Frauengewand. Es besteht aus einer langen Hose, einem Hemd und einem Schal. Ich laufe durch das Viertel Chandni Chowk, quetsche mich an Händlern, Bettlern und Rikschas vorbei.

Mehr als zwölf Millionen Menschen leben in der indischen Hauptstadt. Es riecht nach Fäkalien, Gewürzen und Räucherstäbchen. Trotz einheimischer Kleidung falle ich als Weiße natürlich sofort auf. Jeder möchte mir seine Dienstleistungen anbieten. Einige Mädchen möchten mein Haar berühren.

Delhi ist Wirrwarr und Genuss zugleich

Ich bleibe einen Moment stehen und lasse auf mich wirken, was ich sehe: In einer Ecke verkaufen Frauen Gemüse und Obst, in die andere uriniert ein Mann. Kinder laufen kreuz und quer durch die Gassen. Auf dem Boden liegen die Überreste von ausgespucktem Paan, dem indischen Kautabak, der von der Farbe her ein bisschen an Blut erinnert. Aus den Augenwinkeln sehe ich etwas hängen: lose Elektrokabel an einem verfallenen Kolonialbau - ein Überbleibsel der Engländer.

Auf meinem Rundgang durch die Stadt steht als nächstes der Shish-Ganj-Tempel auf der Liste. Hier gibt es ein kostenloses Mittagessen für alle - auch für Obdachlose. Ich nehme an dem gemeinsamen Mahl zwischen den verschiedensten Menschen der unterschiedlichsten Kasten teil. Es gibt Kürbisgemüse mit Reis und Dhal.

Mit einem "Tuk-Tuk", dem einheimischen motorisierten "Dreirad", lasse ich mich zum nächsten U-Bahnhof fahren. Mein Fahrer Harish erklärt mir, dass es U-Bahnen in Delhi erst seit Ende 2002 gibt. In seinem gebrochenen Englisch erklärt er mir auch die Grundregeln des indischen Straßenverkehrs. Man brauche vor allem "a good horn, good brakes and good luck" - eine gute Hupe, gute Bremsen und jede Menge Glück. Er lacht - ein zahnloses Lachen. Und genauso erlebe ich es auch: Wer zuerst kommt, fährt zuerst. Oder: Wer am lautesten hupt, kommt eben durch.

Am U-Bahnhof kaufe ich eine "Fahrkarte" in Form eines runden Plastikchips. Ich steige gleich in den ersten Wagen - und sehe nur Frauen. Ich erfahre von einer Frau mit farbfrohem Sari, dass das ein Waggon speziell für das weibliche Geschlecht ist. Männer haben keinen Zutritt. Station Central Secretariat. Vor mir baut sich ein 42 Meter hoher Triumpfbogen auf: das India Gate. Auf ihm stehen die Namen von 85.000 indischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Drumherum: riesige, grüne Parkanlagen. Alles ist groß, sauber und extrem weitläufig. Kaum eine Menschenseele ist zu sehen. Was für ein extremer Gegensatz zum überfüllten, hektischen und schmutzigen Chandni Chowk.

Thali: Delikatesse mit Überraschungen

Achtzehn Uhr. Ich bin zurück in "meinem" Viertel. In einem Restaurant bestelle ich "Thali". Ich habe keine Ahnung, was das ist, aber die Überraschung ist angenehm: Man serviert mir eine Platte mit verschiedenen Metallschälchen. Darin: verschiedene einheimische Kleinigkeiten wie Reis, Gemüse, Joghurt und Rahmkäse.

Satt und zufrieden betrete ich die Straße, und da ist sie wieder: ein Schatten ihrer selbst. Ich hatte sie schon fast vergessen: die Kleine von heute Morgen. Ich habe gerade üppig und gut gegessen, sie wird Hunger haben. Soll ich ihr doch Geld geben? In meinem Reiseführer habe ich gelesen, dass an der nächsten Straßenecke bereits die Eltern lauern, um ihren Kindern das Geld gleich wieder abzunehmen. Das investieren sie nicht selten in Drogen.

Ich schaue mich um. Ein paar Meter weiter gibt es einen Laden, in dem man Getränke und Backwaren kaufen kann. Die "Creme Rolls" sehen gut aus. Ich bedeute dem Mädchen, mir zu folgen. Wenige Sekunden später überreiche ich ihr eine süße Blätterteigrolle mit Sahnefüllung. Sie starrt mich ungläubig an.

"No, madam. Paise please!", sagt sie bestimmt. Und da ist es wieder, dieses energische Stirnrunzeln. "Rupee!" Nicht eine Sekunde wendet sie ihren intensiven Blick von mir. "No money!", sage ich. "Eat." Die kleine Inderin schaut die Süßigkeit skeptisch an. Sie hebt den Zeigefinger und will über die Sahne streichen. Ein hupendes Tuk-Tuk lässt sie zusammenzucken. Ich nicke ihr mit einem Lächeln zu. "It's okay. Eat." Noch ein Versuch, dann klebt die Sahne an ihrem Finger. Vorsichtig leckt sie daran. Die Lippen schließen und öffnen sich, schmecken die ungeahnte Köstlichkeit. Ihre Augen weiten sich. Zögerlich schaut sie sich um, wie um sich zu vergewissern, dass niemand sie sieht. Dann verschlingt sie die Rolle hastig und ehe ichs mich versehe, läuft sie bereits zum nächsten Passanten. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht.

Und dann wird es dunkel - so schnell, dass ich dabei zusehen kann. Irgendwie hat sich die Sonne dem hektischen Lebensrhythmus Delhis angepasst.

Autor:
Anja Polaszewski