Tee aus dem Himalaya Darjeeling-Ernte im Hochgebirge

Pünktlich um zwölf Uhr schlägt der Gong. Und vier Dutzend Frauen verwandeln sich. Auch die ältesten, die an die 60 sind, denen ein ganzes Arbeitsleben an den Flanken des Himalaya Falten in die gebräunten Gesichter gegraben hat, beginnen aufgekratzt zu kichern. Ein Schwatzen und Giggeln wie auf dem Schulhof füllt die halb offene Fabrikhalle. Im Nu binden die Pflückerinnen ihre Schürzen auf, die erste schüttet den Inhalt ihrer Kiepe auf die alte Waage. Zweieinhalb Kilo saftig grüne Blättchen, lanzettförmig und so lang wie ein kleiner Finger. Unter dem Blechdach und den uralten Balken riecht es wie nach frisch gemähtem Gras.

In Darjeeling beginnt im März die Tee-Ernte. Das Pflücken ist seit jeher Frauensache. Morgens um halb acht wickeln sie sich müllsackartige Plastikfolie von den Knöcheln bis zur Hüfte um den Leib. Dann falten sie ein Tuch in mehrere Lagen und legen es auf den Kopf. Dieses Polster mildert den Druck des Riemens, an dem ihr einziges Werkzeug hängt: eine aus Bambus geflochtene Kiepe, die auf dem Rücken getragen wird. Jede Pflückerin hat einen Regenschirm in der Kiepe und eine Plastikflasche, gefüllt mit Tee. Mehr gibt's nicht für die nächsten viereinhalb Stunden, kein Pausenbrot und keine Pause.

In Gruppen arbeiten sich die Frauen die Hänge hinauf. Auf einer Bergtour würde man den Weg in Serpentinen gehen, so steil ist das Gelände. "Two and a bud" lautet die Regel: Zwei Blättchen und eine Knospe werden gepflückt und über die Schulter in die Kiepe geworfen. Die Teebüsche reichen den Frauen bis zur Hüfte. In den dichten Zweigen hängt die Feuchtigkeit vom letzten Regen, ohne den Müllsack wären die Pflückerinnen nach fünf Minuten nass bis auf die Haut. Und von den wuchernden Brennnesseln gequält, die auch durch Stoff stechen.

Wäre der Himmel nicht mit grauen Wolken verhangen, könnte man die Hauptkette des Himalaya sehen. Der Kanchendzonga, mit 8586 Metern der dritthöchste Berg der Erde, thront in ewigem Weiß über Darjeeling. Die Stadt, die dem berühmten Tee den Namen gibt, liegt 2185 Meter hoch. Die Plantage Goomtee liegt mit 1250 Metern vergleichsweise niedrig. Für ihren Besitzer Ashok Kumar ist das ein Vorteil: Er kann früher mit der Ernte des begehrten First Flush beginnen, auf den die Teegenießer in Deutschland sehnsüchtig warten.

Ashok Kumar empfängt auf der Veranda seines Bungalows. Ringsum blühen Magnolien und Azaleen, Bambus wuchert mit Baumfarnen um die Wette, Verbene und Bougainvillea feiern leuchtende Orgien in Rot und Lila. Vier Gärtner kümmern sich um Mandarinenbäumchen und Rosen, mit Erfolg: Eine Bronzemedaille der Royal National Rose Society hängt an der holzgetäfelten Wand. "Die Engländer waren clever", sagt Kumar mit einem feinen Lächeln, "sie haben für die Bungalows der Pflanzer die schönsten Plätze ausgesucht."

Kumar ist 62 Jahre alt, trägt eine feine Goldrandbrille und spricht ein geschliffenes Englisch. Er lehnt sich aus dem Korbsessel, drückt auf den diskret am Sprossenfenster angebrachten Knopf eines Summers, und sechzig Sekunden später serviert ein Boy Tee und Kekse. Kumar stammt aus einer Hindufamilie aus Bihar, sein Vater hat ihn zwecks besserer Bildung zu den Jesuiten in Darjeeling aufs College geschickt.

Seit 1956 gehört Goomtee der Familie Kumar. Die Plantage ist 200 Hektar klein, doch dank der Akribie des Unternehmens gehört sein Tee zu den besten. "But my two boys are not in tea", sagt Kumar bedauernd, "sie mögen zwar das Geld, aber der eine ist Arzt in Amerika, der andere Ingenieur in der Autoindustrie."

Die Engländer wählten Darjeeling als Sommerfrische. Wer es sich leisten konnte, floh im Sommer vor der brütenden Hitze von Kalkutta ins gemäßigte Klima der Berge. Bald gab es dort nette Hotels im Kolonialstil, Clubs fürs gesellschaftliche Leben sowie eine Pferderennbahn. 1841 pflanzte der britische Sanitätsoffizier Dr. Archibald Campbell die ersten Teesträucher. Seither ist Darjeeling in die Weltspitze aufgestiegen.

Ein Euro Lohn pro Tag

Das Städtchen am Himalaya steht als Synonym für feinsten Schwarztee. Ähnlich wie beim Champagner gelten auch in Darjeeling strenge Regeln: Jedes Blatt wird von Hand gepflückt, anschließend folgen in der Fabrik mitten im Teegarten fünf Verarbeitungsschritte. Auf langen Trögen werden die Blätter gewelkt. Große Ventilatoren blasen von unten warme Luft unter die Tröge, höchstens 29 Grad. Das Welken dauert zwei bis drei Stunden, dabei wird den Teeblättern bis zu 60 Prozent ihrer Feuchtigkeit entzogen.

Nach dem Welken kommt das Rollen. In alten, gusseisernen Maschinen englischer Herstellung werden die Zellen der Teeblätter vorsichtig aufgebrochen. Dabei tritt der Zellsaft aus und die Blätter beginnen, mit dem Sauerstoff der Luft zu oxidieren. Dieser Prozess setzt sich im Fermentationsraum fort. Der Leiter der Plantage bestimmt, ob die Fermentation nur eine halbe oder zwei Stunden dauert. Entsprechend wird der Tee: Kurze Oxidation bedeutet leichten Geschmack und eine helle Tassenfarbe, längere Fermentation einen kräftigen, dunklen Tee.

Im vierten Schritt wird der Tee getrocknet. Er läuft auf einem Fließband etwa 20 Minuten lang durch einen Ofen. Die Wärme bricht den Fermentationsprozess ab, der oxidierte Zellsaft mit allen wertvollen Inhaltsstoffen trocknet am Blatt. Im letzten Arbeitsgang werden die Blattgrade sortiert. Einen Tag nach der Ernte wird die beste Qualität für den Export in Sperrholzkisten verpackt, die innen mit Alufolie ausgeschlagen sind. Die Krümel kommen in Teebeutel, der Staub wird zusammengekehrt und billig an die Teebuden an den Straßen Indiens verkauft.

Wenn der First Flush geerntet wird, steht Ashok Kumar jeden Morgen um fünf Uhr in seiner Fabrik. Er prüft die Feuchtigkeit in den Teeblättern, für das Trocknen hat er eine Idealkurve aufgezeichnet. "Wenn das Blatt zu schnell Feuchtigkeit verliert, wird der Tee bitter." Die penible Überwachung der fünf Arbeitsgänge ist entscheidend für die Qualität des Tees.

An den Maschinen, die unter dem großen Blechdach auf alten Holzdielen stehen, hat sich nichts geändert, seit die Dampfmaschinen durch Elektromotoren ersetzt wurden. Für die Produktion braucht Kumar auch keinen Computer. "Wozu?" fragt er, "da würden wir doch nur ein paar Arbeitsplätze verlieren." Die Teegärten funktionieren heute noch nach feudalistischen Prinzipien. Der Plantagenbesitzer hat seine Arbeiter von der Wiege bis zur Bahre in der Hand.

Eine Pflückerin verdient am Tag knapp einen Euro. Mit ihrer Familie lebt sie auf dem Gelände der Plantage. Sie zahlt keine Miete, der Plantagenbesitzer versorgt sie mit Weizen und Reis zu subventionierten Preisen. Die Männer arbeiten in der Teefabrik. Hindus, Christen und Buddhistenleben in den Siedlungen zwischen den Teebüschen einträchtig zusammen.

Wer derart altertümliche Verhältnisse mag, findet in Darjeeling hinter jeder Kurve weitere Attraktionen. Am Eingang der Plantage von Goomtee hält die Schmalspurbahn. Seit 1881 schlängelt sie sich in unzähligen Kurven aus dem Ganges-Tiefland bis hinauf zum Bahnhof Darjeeling. Die Wagen der ersten Klasse sind an der Decke mit Bambusornamenten auf weißem Samt geschmückt, und die dicke Dampflok schnauft so langsam bergauf, dass die indischen Jungs sich einen Spaß daraus machen, während der Fahrt aufzuspringen und ein Stück auf dem Trittbrett mitzufahren.

Zur vollen Stunde erklingt am Rathaus von Darjeeling der Westminsterschlag, von einem Tonband mit Gleichlaufschwankungen. Im Oxford Bookstore stapeln sich die Bücher bis unter die Decke, auf dem obersten Regal steht eine Plastikschüssel, es tropft durch die Holzdecke. Auf der Promenade streiten die Affen mit den Hunden. Im Kolonialstilhotel "Mayfair" liegt am Abend eine heiße Wärmflasche im Bett, und im Gästepavillon der Plantage Tumsong klopft frühmorgens der Butler und serviert den early morning tea auf dem Nachttisch.

"Die Deutschen sind Genießer, die verstehen was vom Tee", schmeichelt Gopal Somani. Er ist 51 Jahre alt, trägt vier goldene Ringe an seinen dunklen Händen und leitet die Plantage Tukvar, eine der ältesten. Sie produziert seit 1852. Deutschland und Frankreich, Japan und die Vereinigten Staaten sind die wichtigsten Märkte für Darjeeling. Engländer trinken lieber den kräftigen Assam, und auch die Inder, die Tee mit Milch und Zucker bevorzugen, haben nicht wirklich Geschmack gefunden an den feinen Nuancen dieses Gewächses aus dem Hochgebirge.

Ein Dutzend Probiertassen steht vor Gopal Somani im grau gestrichenen Tasting Room. "Man muss kräftig schlürfen, den Tee mit 90 bis 100 Stundenkilometern einziehen. Über die Zunge rollen lassen, und dann sendet er seine Signale ans Gehirn." Bei ihm hört sich das energisch an, das laute Schlürfen genauso wie das Spucken in den Blechnapf. Seine Geschmacksnerven liefern klare Botschaften: "Blumig und voll, schmeckt nach Pfirsich." Noch heute schickt Gopal Somani Proben von diesem First Flush an seinen Makler in Kalkutta.

"Die Handelsbeziehungen nach Darjeeling sind bestens eingespielt. Da brauch ich nicht eigens hinzufahren", sagt Jan-Berend Holzapfel, Geschäftsführer des Teehauses Ronnefeldt in Frankfurt. Seine Firma handelt mit Premium- Tees aus der ganzen Welt, hauptsächlich beliefert sie Hotels und die gehobene Gastronomie. Per Luftpost schicken die Teegärten vom Himalaya Proben nach Deutschland, wo Holzapfel sie verkostet und bei Gefallen ordert. Ein Kilo First Flush kostet im Einkauf bis zu 1000 Euro, und diese Ware genießt Vorzugsbehandlung: Sie wird per Luftfracht exportiert.

Aber auch der Klassiker wandelt sich. Seit in Europa die Nachfrage nach grünem Tee gestiegen ist, bieten viele Plantagen in Darjeeling auch diese Spezialität an, bei der die Blätter nicht fermentiert werden. Spitzenpreise erzielen die Produzenten für weißen Tee. Dessen Aroma ist noch feiner als das eines First Flush, die Blätter werden ganz langsam an der Sonne gewelkt. Ashok Kumar, der Tüftler unter den Teegärtnern von Darjeeling, möchte bald eine neue Farbe ausspielen. In seiner Probierstube holt er ein Glas aus dem Regal, öffnet den Deckel und lässt riechen. Die filigranen Blättchen duften süß und intensiv. Ashok Kumar lächelt. "Das ist gelber Tee. Mehr verrate ich nicht."

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Autor:
Johannes Schweikle