Weltreise Vier Monate auf Reisen!

Wie er uns anguckt, der kleine Americano, so stolz. Wirbelt mit den Händen in der Luft herum, plappert in einem fort, strahlt dabei und holt endlich ein selbstgebasteltes Armbändchen hervor. Es ist aus Holz, kostet nur ein paar Reals. Auf einem Parkplatz hoch über der Favela Rocinha in Rio de Janeiro, Brasiliens größtem Elendsviertel, hat er seinen Verkaufsstand aufgebaut. So viele Jungen des Slums landen eines Tages bei Drogenbossen, aber Americano hat einen Plan. "Ich will Touristenführer werden", sagt er, er beherrscht sogar schon ein bisschen englisch.

Als wir die Münzen hervorkramen, gibt er uns das Zeichen. Das brasilianische Zeichen: den gereckten Daumen. "Tudo bem!", ruft er, alles ist gut! Alles ist gut? In Brasilien, diesem Land, in dem Reichtum und Armut so nah beieinander liegen?

Rio de Janeiro hat uns Weltreisende mit offenen Armen empfangen. Nun ist der Scheitelpunkt unserer viermonatigen Tour erreicht. Und plötzlich ist es da, das Gefühl, geweckt durch dieses Kerlchen: Nicht mehr Urlauber, sondern Reisende zu sein. Zwar noch immer unterwegs, aber nicht mehr auf der Suche.

Vor Monaten hatten mein Mann und ich beschlossen, es endlich zu wagen: nach Westen zu verduften und aus dem Osten wieder aufzutauchen. Und uns mit Mitte dreißig hoffentlich wieder frei zu fühlen wie mit zwanzig. Lange hatten wir darauf gespart: Zeit und Geld. Mein Mann nahm Tonnen alten Urlaubs, und ich kann als freie Journalistin selbst bestimmen, wo ich arbeite. Wunschziele hatten wir viele, doch im Reisebüro machte man uns klar: Auch Round-The-World-Tickets haben ihre Grenzen. Einige Länder sind schlicht nicht kombinierbar. Von den USA nach Kuba? Unmöglich. Afrika? Dafür hätten wir Südamerika streichen müssen. Also lasen wir, stöberten, grübelten und stritten. Irgendwann legten wir uns fest. Froh, uns entschieden zu haben, ein wenig traurig, auch verzichten zu müssen. Die Flüge waren fix, im Notfall umbuchbar, die Übernachtungen würden wir übers Netz finden. Unser Haus hütete ein Freund. Nichts konnte uns mehr halten.

Und alles lohnte sich, in solchen Momenten, wie diesem in Rio: Bevor die Sonne untergeht, springen wir in die Wellen von Ipanema. Ganz schön kühl ist der Atlantik, die Strömung heftig. Danach sitzen wir im Sand, schlürfen die Milch einer Kokosnuss. Am Abend schweben wir mit der Gondel auf den Zuckerhut. Unter uns die wuchernde Stadt, zwischen Regenwald, Granitkuppen und Buchten. Es wird Nacht, wir sind alleine hier oben, Rio gehört uns, in diesem besonderen Augenblick. Hamburg, unsere Heimatstadt, ist Lichtjahre entfernt.

Unsere Reise begann im September in New York, weil wir dachten: Ein solches Abenteuer kann nur in New York beginnen. Gerade angekommen, stromerten wir durch Manhattan, bis wir uns fragten: Wie geht Weltreisen eigentlich? Zum Auftakt das Standard-Programm: Central-Park, Brooklyn Bridge, 5th Avenue. Vom Empire State Building blickten wir auf das grandiose Panorama. In der Sonne glitzerte der Hudson River. "Weltreisewetter", sagte ich ganz leise.

Für den Trip weiter nach Neuengland mieteten wir uns einen Wagen - Hummer futtern, das war unsere Mission. In einer Pinte bei Boothbay Harbour kostete er 14,95 Dollar, wir saßen auf der Holzterrasse am Fjord, die Herbstsonne wärmte unsere Wangen, die Lippen schmeckten salzig. Ringsum weiße Hütten, vertäute Segelboote. Ein Kutter tuckerte heran, die Fischer grinsten, ihre Styropor-Kisten platzten fast. "Nachschub", sagte mein Mann beim Kauen, dabei guckte noch ein Beinchen aus seinem Mund.

Auf dem Moped durch die Lavafelder

Im Oktober erlebten wir die Hoch-Zeit des Indian Summer, der in Vermont besonders intensiv war. Wir landeten bei Pat in Stowe, einem kleinen Skiort mit vielen Pubs und noch mehr Wäldern ringsum. Pat lebt mit ihrem Mann schon immer hier, sie führt das Bed & Breakfast Covered Bridge. Der Gedanke, um die Welt zu reisen, erschien ihr völlig absurd. "Zu Hause ist es doch am schönsten", sagte sie. Morgens um acht weckte uns der Duft dampfender Pfannkuchen. Unsere Gastgeberin schickte uns auf den Mount Mansfield. Oben fegte ein frostiger Wind über den Gipfel, die Kiefern waren mit Eistau überzogen - doch im Tal, da leuchtete es in allen Farben des Feuers.

Pat empfing uns mit einem Glas Wein: "In einigen Tagen seid ihr in der Karibik, heute habt Ihr das Fleece gebraucht. Geht das nicht alles ein bisschen durcheinander? Könnt Ihr das überhaupt genießen?" "Wir versuchen es", sagten wir, "auch für uns ist es ja das erste Mal". "Ihr könnt ja einfach hier bleiben", sagte Pat. Verlockende Idee. Wir zogen weiter.

Zusammengepfercht hockten wir einige Tage später in einem Minibus, rasten mit gefühlten 200 Stundenkilometern bei 99 Prozent Luftfeuchtigkeit durch den tropischen Dschungel von St. Lucia, vorbei an bunten Hütten. Mit dem bis unters Dach vollgestopften Toyota ging's vom Flughafen nach Gros Islet, im Nordwesten der Insel. Der Schweiß lief mir in Bächen den Rücken herunter, mein Arm klebte an den nackten Hüften einer St. Lucianerin, die lautstark in ihr Handy schrie. Reggae-Musik dröhnte aus dem Radio. Ich dachte: "Verdammt, warum hab ich den Fleece nicht einfach Pat geschenkt?". Als wir ankamen, war ich taub - mein Hintern noch mehr als meine Ohren. Von unserem kleinen Bay Guesthouse, das direkt am Wasser lag, hatten wir Blick auf Palmen, türkisblaues Meer, einen erloschenen Vulkankegel. Karibik wie gemalt. Jeden Morgen aßen wir Berge von Mangos, Papayas und Guaven. Davon hatte ich auf dem Empire State Building geträumt.

Und nun Rio, vor dem wir so viel Respekt hatten und das uns im Sturm eroberte. Die Stadt zu verlassen, fällt uns nicht leicht. Ist es ein Wahnsinn, immer so schnell weiter zu müssen? Wir fragen uns das selbst und stellen fest: Wir genießen es, dieses Treiben durch die Welt. Und der nächste Höhepunkt lockt schon: die Osterinsel. Ein Eiland mitten im endlosen Pazifik, dreimal so groß wie Manhattan.

Spät am Abend düsen wir auf einem Moped durch Lavafelder, windgepeitschte Steppen, auf der Spur der Moais, den Steinköpfen. In Rano Raraku, dem Steinbruch am anderen Ende der Insel, sind viele von ihnen in Fels gebettet. Die Götzen wurden einst zu Ehren der verstorbenen Clanführer errichtet. "Haben die Menschen damals geahnt, dass es da draußen noch andere Länder gibt, andere Völker"?, frage ich mich. Ich betrachte einen fast zehn Meter hohen Koloss, und es ist, als schaute ich der mysteriösen Vergangenheit direkt ins Auge. "Ich bin wirklich hier. Zwick mich mal", sage ich zu meinem Mann. In diesem Augenblick ist es gut zu wissen, dass es auf einige Fragen keine Antworten gibt.

Die Südsee wird zum Flop. Kaum in Tahiti gelandet, stehen wir im Stau. Die Küste um Papeete ist fast vollständig zugebaut, mit riesigen Hotels. Zu viele Menschen für zu wenig Land, alles extrem teuer, ganz selten gibt es ein Lächeln frei Haus. Zum Glück bleiben wir nur zwei Tage.

Am Flughafen von Sydney schließen uns unsere Freunde Barbara und Thomas fest in die Arme. Sie sind vor Jahren aus Hamburg ausgewandert. Vier Wochen wollen wir bleiben, in der für uns schönsten Stadt der Welt, die wir von einer früheren Reise kennen. Es ist Dezember, Hochsommer in Australien. Mit Barbaras Kindern bauen wir den Plastik-Weihnachtsbaum auf. "Seid Ihr mit Eindrücken nicht völlig zugedröhnt?, fragt Barbara. Ich muss nur kurz überlegen, nicke, antworte dann: "Wir machen jetzt mal Urlaub vom Reisen." Tagelang pendeln wir zwischen Haus, Strand und Pub.

Jetzt habe ich den Zustand erreicht, den wir uns so oft erträumten: Alles passt. Ich könnte morgen auch nach Hause fliegen. Bin einfach nur glücklich. Doch drei Flug-Tickets haben wir noch. Und somit drei Ziele: Saigon, Hongkong und - Hamburg.

Unsere Stimmung in Vietnam ist merkwürdig: Nach vier Wochen Strandleben sind wir nicht mehr so recht bei der Sache. Doch einmal stöbern wir durch eine Markthalle, ich beäuge lebende Krebse, Berge von duftendem Kaffee, die kopfgroßen Jackfruits. Immer wieder darf ich kosten, ernte ein Lächeln, auch wenn ich nichts kaufe. Eine junge Frau drückt mir eine geöffnete Kokosnuss in die Hand. Mit geschlossenen Augen trinke ich den Saft - und plötzlich liegt Rio mitten in Vietnam. Americano, dein Bändchen hab ich immer noch!

Hongkong, unser letzte Station. Stickig ist es hier. Sonne? Keine Chance. Weiß der Himmel, grau die Gebäude, gehetzt die Gesichter der Menschen. Allein durch die riesigen Werbeplakate, die zwischen den Häuserschluchten hängen, bekommt die wuselige Stadt etwas Farbe. Unvorstellbar, denke ich, hier zu leben. Wir gönnen uns, das gibt die Reisekasse noch her, ein Luxus-Hotel mit Dachterrasse im 41. Stock. Nachts fühlen wir uns hier dem Himmel ganz nah, weg von der Zivilisation. Kaum hörbar das Rauschen der Autos, das Gewimmel der Stadt. Der weite Blick geht zur Skyline des Victoria Harbour, ein Meer aus Licht.

Schließlich sitzen wir im Flieger nach Hamburg, fühlen uns wie zwischen den Welten. Im Januar kehren wir zurück, in unsere Stadt, die wir am Ende richtig vermisst haben. Vier Monate liegen hinter uns; es war die Reise unseres Lebens. Die Sehnsucht ist gestillt, ob für immer, wer weiß das schon. Doch das Gefühl einer großen Freiheit, tief in uns drin, das nimmt uns keiner.

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Autor:
Petra Barth