First Class Versaut in alle Ewigkeit

"Mr. Krah, hätten Sie etwas dagegen, wenn wir Sie in die First Class upgraden?" Im ersten Moment hatte ich etwas dagegen. Schließlich bin ich in einem strengen Gewerkschafterhaushalt aufgewachsen - und das prägt bis ins Erwachsenenalter. Wer bei uns in der Familie nicht SPD beim Urnengang ankreuzt, wird von der Oma ("Willy wählen!") aus dem Testament gestrichen. Deshalb überlegte ich kurz, ob ich die Faust gen Himmel strecken und rufen sollte: "Entweder fliegen wir alle First Class oder keiner!" Ein spontaner Sitzstreik am Flughafen kam mir auch noch in den Sinn.

Die Solidarität mit den Mitreisenden hielt ungefähr drei Sekunden, dann siegte die Bequemlichkeit. 13 Stunden Flug standen mir bevor - im Angesicht dieser Strapaze nimmt man einfach alles mit, was geht. "Sehr gerne!", entgegnete ich also der netten Dame am Schalter von Cathay Pacific.

Knapp 8000 Euro kostet ein One-Way-Flug der asiatischen Airline von Hongkong nach Frankfurt am Main. Keine Ahnung, wer sich das leisten kann. Ich auf jeden Fall nicht. Es sei denn, meine Wohnung würde komplett niederbrennen. Dann könnte ich mir vielleicht von der Versicherungssumme solch ein Ticket gönnen.

Beim Betreten der riesigen First-Class-Lounge "The Pier" am Flughafen Hongkong rechnete ich dementsprechend mit allerhand bekannten Multimillionären und Filmstars. Weit gefehlt. Die Klientel war eher unscheinbar. Zwei junge Asiaten (wahrscheinlich Internet-Milliardäre) kauerten über einem Laptop, ein sichtlich erschöpfter Geschäftsmann (wahrscheinlich CEO von irgendeinem großen Unternehmen) hielt ein Nickerchen und ein Herr mit Cowboy-Hut (wahrscheinlich im Genuss eines Upgrades) schlürfte an seinem Champagnerglas. Promis waren nicht in Sichtweite. Nicht einmal unser MERIAN.de-Kolumnist Tyler Brûlé schaute auf ein großes Hallihallo herein. Dafür umsorgte mich aber sofort eine Art Butler mit allerlei Gratis-Köstlichkeiten.

"Noch ein Whisky? Lieber einen Gin-Tonic? Wie wäre es mit einem kostenlosen Dinner in unserem Restaurant? Oder wollen Sie sich durch unsere internationale Bier-Selektion trinken?" Für jemanden, der es gewohnt ist, am Flughafenkiosk für ein labbriges Käse-Schinken-Baguette gefühlte 20 Euro löhnen zu müssen, ist solch ein Service eine wahre Götterdämmerung. Insbesondere dann, wenn man sich wie dabei wie ein in die Jahre gekommener Playboy in einer ledernen Couchgarnitur lümmeln darf. Hörte ich nicht auch von irgendwo her ein leises Kaminfeuer knistern?

Der Pöbel der Business Class

Natürlich musste ich mich bei all den Annehmlichkeiten fragen, warum Menschen, die sich einen 8000 Euro Flug leisten können, alles umsonst bekommen, während dem kleinen Mann, der leider draußen bleiben muss, ständig in die Tasche gegriffen wird. Mein soziales Gewissen hielt mich nur kurz auf. Während einer erfrischenden Dusche im edlen Nassbereich der Luxuslounge verschwand es wieder spurlos. Leider gab es anschließend keine Massage aufs Haus - aber man kann schließlich nicht alles haben.

Nachdem ich mit meinem First-Class-Ticket nicht ein einziges Mal auf dem Weg zum Flieger Schlange stehen musste, dachte ich, dass es eigentlich nicht mehr besser werden könnte. Bis zu dem Zeitpunkt, als mich die Stewardess zu meiner Suite führte. Sie haben richtig gelesen: Suite, nicht Sitz. Kein schnöder Sessel, sondern eine Kammer mit kleinem Tischchen und einem überhaupt nicht kleinen Fernsehmonitor, schön mit einer schwungvollen Trennwand von der Außenwelt abgekapselt. Ein winziges Königreich inklusive einer Heerschar dienstbarer Geister. Kein Wunder, dass man an Bord die First Class dezent mit einem Vorhang vom Pöbel der Business Class abschirmt. Sozialneid kann man hier nun wirklich nicht gebrauchen.

Ein süßes, handgeschriebenes Zettelchen begrüßte mich namentlich auf meinem Platz und wünschte mir einen angenehmen Flug. Danach wurde ein ausgiebiges, mehrgängiges Mahl serviert. Der Kaviar (vielleicht war es sogar Beluga, da muss ich einfach mal Tyler Brûlé fragen) war fantastisch, die Weinauswahl hervorragend und ich befand mich 10.000 Meter über dem Meeresspiegel im siebten Himmel. Der Höhepunkt war erreicht, als eine der Flugbegleiterinnen die Frage des Tages stellte: "Darf ich Ihnen Ihr Bett machen, Mr. Krah?" Sie durfte. Ich entschwand kurz auf die Flugzeugtoilette (wohl riechend, genug Platz für einen übergewichtigen Reiseredakteur) und fand nach meiner Rückkehr eine perfekt angerichtete Schlafstätte vor. Designer-Pyjama inklusive. Das Licht wurde in der Kabine gedimmt, zehn Stunden später erwachte ich ausgeruht irgendwo über Deutschland. Ein Traum.

Leider hatte das Upgrade einen entscheidenden Nachtteil. Ich bin versaut in alle Ewigkeit. Eine Rückkehr in die komfortfreie Enge der Economy Class ist mir nicht mehr möglich. Kein Bett zum Schlafen, keine handgeschriebenen Liebesbriefe der Kabinencrew, kein Kaviar - wie soll das gehen? Wenn demnächst meine Wohnung brennt, soll sich bitte niemand wundern.

Autor:
Denis Krah