Hongkong Das billigste Hotel der Stadt

3 Uhr nachts. Gedämpfte Frauenstimmen dringen durch die dünne Zimmertür. Sie klingen afrikanisch. Meine Nachbarinnen telefonieren mit der Heimat. Die Klimaanlage im Zimmer brummt. Trotzdem ist es stickig, klebt die feuchte Luft auf der Haut. Das Bett, auf dem ich liege, füllt den engen Raum aus. Irgendwo draußen zwischen den dunklen Häuserwänden ist ein Lachen zu hören. Kurz ist es still. Dann ein Stöhnen. Mir gehen die Zeitungsberichte durch den Kopf. Der Mord vor zwei Jahren im "Mandarin"-Gästehaus, ein paar Stockwerke weiter unten. Die Brandkatastrophen in den achtziger Jahre. Triadenkämpfe. Die erste Nacht, heißt es, schläft jeder in Chungking Mansions schlecht.

Die Ankunft. Eine indische Familie, die Frau in weite Gewänder gehüllt, zerrt zwei braune Koffer durch das Menschengewirr. Amerikanische Rucksacktouristen stöbern in Kisten mit raubkopierten CDs. Dampfende Garküchen, Läden mit chinesischem Plastikspielzeug, Elektronikhändler, Pornoverkäufer - der Eingang zu Chungking Mansions wirkt wie ein etwas heruntergekommener Basar. Der Geruch von Currygerichten und Männerschweiß liegt in der Luft. Links und rechts der überdachten Einkaufspassage leuchten die Kurstafeln der Geldwechsler. Zwei junge Hongkongerinnen spielen gelangweilt mit ihren Handys. Weiter hinten kommen die Geschäfte der indischen Händler, der nepalesische Kleidershop, eine düstere Internetbar.

"You need room! You need room!", ruft der Mann, der plötzlich vor mir steht. "Sie brauchen ein Zimmer!" Aus der Hosentasche zieht er eine Visitenkarte, die er mir vors Gesicht hält. "Fortuna Gästehaus" steht darauf. Während ich mir noch die Karte anschaue, hat er mit einer Hand schon meinen Koffer genommen. Lee sei sein Name, sagt er auf dem Weg zu den Aufzügen. Auf kleinen, länglichen Schildern über dem Lifteingang stehen die Namen und Stockwerke der Gästehäuser. "Carlton, 15. Stock", "Aladdin's, 9. Stock". Herr Lee zieht mich sanft in den Aufzug. "My place very cheap", erklärt er. Kurz darauf stehe ich in einem winzigen Zimmer mit rosa Wänden. Neben der Tür hängen zwei Kleiderbügel aus verbogenem Draht. Das Bad ist mit einer Schiebetür aus Plastik abgetrennt, der Duschkopf hängt direkt über der Toilette. "Good Room, has own window", hatte Lee bei der Preisabsprache gesagt. Ich lege mich auf das schmale Bett. Durch die kleinen Fenster sind grauschwarze Betonwände zu sehen.

Die grüne Fassadenbemalung des Häuserblocks ist ausgebleicht. Alte Schilder werben für Geschäfte und Produkte, die es seit Jahrzehnten nicht mehr gibt. Von außen ist Chungking Mansions ein unscheinbarer Bau. Wie ein abgewrackter Dampfer liegt das 17 Stockwerke hohe Gebäude an der belebten Nathan Road, der "Golden Mile" in Kowloon. Eingerahmt von grell beleuchteten Elektro-Shops, Edelboutiquen und Modeläden, aus denen laute Popmusik dröhnt. Auf der anderen Straßenseite liegen die Hotels "Hyatt"und "Peninsula".

Chungking Mansions ist stets dunkel, als ob es sich verstecken wollte. In den engen Gängen und Wohnungen leben die Armen und Glücksuchenden der Stadt. Indische Köche, philippinische Prostituierte, Rucksacktouristen aus Japan und Europa. Für viele, die in den vergangenen Jahrzehnten nach Hongkong kamen, war Chungking Mansions die erste Anlaufstation und der Beginn einer Karriere. Für manche ist es die Endstation.

Ein lautes Summen ertönt, als ich in den Fahrstuhl steige. "Zurück, Mann!", sagt der junge Afrikaner und drückt mich sanft an die Aufzugwand. Der Warnton verstummt. Auch die anderen drei Leute im Lift pressen ihre Körper an die Stahlwand der winzigen Kabine. Aus Sicherheitsgründen wurden vor einigen Jahren Sensoren in die alten Aufzüge eingebaut, die bei Überladung Alarm schlagen. Der Sensor funktioniert jedoch nur in der Mitte des Fahrstuhls. Ein zweiter Afrikaner im blau glänzenden Jogginganzug, eine Goldkette um den Hals, steigt zu. Auf Zehenspitzen balanciert er seinen großen Körper an den äußersten Rand des Aufzugs. Wir halten den Atem an. Die Tür schließt ohne Alarm.

5000 Menschen sollen in Chungking Mansions leben. Die genaue Zahl kennt niemand. Das in fünf Blöcke unterteilte Gebäude ist ein Gewirr aus Gästehäusern, Massagesalons, indischen Kantinen und Hinterhoffabriken. Manche der Bewohner bleiben nur ein paar Tage, andere übernachten hier über Jahre in einem Stockbett. "Unser längster Gast war vier Jahre hier, ein Brite", sagt William. Der junge Hongkonger trägt ein blaues Superman-T-Shirt, hat kurz geschnittene Haare, und arbeitet seit fünf Jahren im "Traveller Hostel". Das Gästehaus umfasst den ganzen 16. Stock. Die Wände und Böden sind aus leicht abwaschbaren Steinplatten. 60 Hongkong-Dollar kostet ein Schlafplatz im Mehrbettzimmer, umgerechnet gut sechs Euro.

Die meisten Gäste sind junge Europäer und Amerikaner. Ein Mann schlurft in Shorts und Badelatschen in Richtung Gemeinschaftsküche. Sein Bauch leuchtet weiß im Neonlicht.

Das "Traveller Hostel" war vor 30 Jahren eins der ersten Gästehäuser in Chungking Mansions. Die zentrale Lage und der niedrige Preis machten es bei Reisenden so populär, dass bald darauf weitere Pensionen eröffneten. Immer mehr Wohnungen wurden in kleine Billighotels oder Schlafsäle umgewandelt. Bordelle und illegale Spielhallen machten auf. Mehrmals brach in den engen Wohnungen und Treppenhäusern Feuer aus, bei denen auch Touristen ums Leben kamen. Heute sind die 970 Zimmer der Gästehäuser in Chungking Mansions vor allem ein Quartier für Reisende aus der Dritten Welt. Die meisten Bewohner sind Inder, die in den engen Gängen, Läden und Hinterhofwohnungen Restaurants, Spezialitäten-Shops, Wäschereien und Handelsgeschäfte betreiben. Tagsüber sieht man arabische Geschäftsmänner in weißer Landestracht und mit Aktentasche aus den Aufzügen steigen. Hochgewachsene Afrikaner, die in Hongkong als Kleinhändler Geschäfte machen, tragen Ballen mit Kleidung durch die schmalen Gänge.

Gangster schüchtern Mann ein! ...

Auf dem Parkettboden stapeln sich Zeitungen. Der Geruch von Leder und Klebstoff liegt in der Luft. Ein Radio spielt alte Schlager. Als junger Mann war Chiang Tak Wong 1950 vor den Kommunisten aus Shanghai nach Hongkong geflüchtet. 72 Stunden dauerte damals die Zugfahrt in die britische Kolonie. Chiang ließ sich als Schuhmacher nieder. 1969 kaufte er sich eine Wohnung im achten Stock der Chungking Mansions und machte sie später zu seiner Werkstatt. "Damals war das Gebäude recht angesehen und modern", sagt Chiang. Der 75-Jährige trägt Hemd und dunkle Weste, er spricht ein weiches Hochchinesisch. Die Beine seiner Hose hat er hochgekrempelt. Nach vorne gebeugt hämmert er auf einer Sohle.

Chiang ist heute ein reicher Mann. Seine handgemachten Schuhe werden in den besten Läden der Stadt verkauft. Einer ist direkt gegenüber im "Peninsula", Hongkongs edelstem Hotel. Seine Werkstatt hat Chiang jedoch bis heute in Chungking Mansions. Der große helle Raum mit den Pflanzen vor den Fenstern wirkt wie aus einer anderen Zeit. An der Decke rattert ein Ventilator. Auf langen Regalen lagern die hölzernen Leisten.

Die ersten Eigentümer von Wohnraum in Chungking Mansions waren Flüchtlinge aus Shanghai, erzählt Chiang. Hat er nie überlegt, die Werkstatt zu verkaufen oder ein Gästehaus daraus zu machen? Herr Chiang lächelt. "Ich habe damals 80 Hongkong- Dollar bezahlt", sagt er. So viel kostete Ende der sechziger Jahre ein Quadratfuß, rund ein zehntel Quadratmeter.

Heute liegt der Preis bei 1700 Hongkong-Dollar. "Nirgendwo auf der Welt lassen sich so gut Geschäfte machen wie in dieser Stadt", sagt Chiang.

1994 drehte der Regisseur Wong Kar-Wei den Film "Chungking Express", eine nachdenkliche Hommage an das Leben in den Hinterhofgassen von Chungking Mansions. Der Film, für den Wong indische Laiendarsteller aus den Gästehäusern anheuerte, machte Chungking Mansions im Westen bekannt. Wongs Geschichten aus den schmuddeligen Pensionen erzählen von einem anderen, einem armen, lebendigen Hongkong. Doch auch der kurzzeitige Ruhm durch den Film konnte die Stadt nicht mit Chungking Mansions versöhnen.

Ein architektonischer Schandfleck sei das Gebäude, sagen Hongkongs Stadtplaner und fordern den Abriss. Die veraltete Struktur und die schmalen Treppenhäuser seien gefährlich, warnen Polizei und Feuerwehr. Die Zeitungen verbreiten Schreckensberichte aus den Gästehäusern. Mit seinen engen und dunklen Wohnungen erinnert Chungking Mansions die Hongkonger an ihre Vergangenheit; vielleicht ist es deshalb bei vielen so unbeliebt.

Frau Jin stellt Pappbecher mit Jasmintee auf den Couchtisch. Mit ihrem Mann Wang lebt sie im 15. Stock. Die enge Wohnung des Rentnerpaares ist voll gestellt mit Pflanzen und Möbeln. Es herrscht eine gemütliche Unordnung aus Büchern und Plastiktaschen. An der Wand steht eine alte Singer-Nähmaschine. Jin und Wang kamen in den siebziger Jahren aus Shanghai nach Hongkong. Frau Jin fand Arbeit in einer Kleiderfabrik, diente sich bis zur Vorarbeiterin hoch. Als das Werk geschlossen und die Produktion nach China verlagert wurden, legten Jin und Wang ihre Ersparnisse zusammen und kauften 1997 eine Wohnung in Chungking Mansions. "Das war unser Fehler", sagt Herr Wang.

Es war das Jahr, in dem für viele Hongkonger die Träume platzen. 1997 zogen die Briten ab, die Stadt schien auf ihrem Höhepunkt zu sein. Hongkongs Aktienmarkt glich einem gewaltigen Casino, in dem es nur Gewinner zu geben schien. Die Immobilienpreise waren höher als in New York oder Tokio. Mit der neuen Wirtschaftsmacht China an der Seite, was sollte für Hongkong noch schief gehen? Kurz darauf platze die Blase. "Unsere Wohnung ist nur noch die Hälfte wert", sagt Frau Jin und lächelt tapfer. Das Ehepaar hält sich mit den Einnahmen aus der Zimmervermietung über Wasser. In einer zweiten Wohnung nebenan betreiben sie das "Kyoto Guesthouse". "Wir gehen kaum noch raus. Meistens nur um einzukaufen", sagt Frau Jin. Wang deutet auf die schmalen vergitterten Fenster. "Wir können sogar ein bisschen Meer sehen."

Eigentlich dürfte es Chungking Mansions nicht mehr geben. Schon vor Jahren wollten Immobilienspekulanten das 1962 erbaute Haus abreißen lassen, um an der Stelle ein modernes Hochhaus zu bauen. Die Pläne scheiterten daran, dass sich die vielen Eigentümer der Wohnungen nicht einigen konnten. Chungking Mansions ist im Besitz von mehreren hundert Familien. "Es gibt einfach zu viele unterschiedliche Interessen", sagt Wang. Vor zwei Jahren habe nebenan im Ballsaal des Holiday Inn die letzte Eigentümerversammlung stattgefunden. Auf Druck vieler Wohnungsbesitzer habe man die Sicherheit verbessert, Feuermelder und Kameras in den Aufzügen installiert. Auf einen Anstrich der Fassade konnte man sich nicht einigen. "Chungking Mansions wird sich nie verändern", sagt Frau Jin.

Mein letzter Abend. In der Nanak Kantine im vierten Stock treffe ich Corina. Sie isst Tandoori-Hühnchen. "Die Inder sind das beste hier", sagt sie. Ihre blonden Haare hängen als Rastazöpfe vom Kopf. Corina ist 21, kommt aus der Schweiz, und ist auf Reisen. "Eine lange Reise", sagt sie. Seit zwei Wochen wohnt sie in Chungking Mansions und sucht einen Gelegenheitsjob in Hongkong: "Vielleicht kann ich in einem Sandwich-Laden arbeiten oder so was." Gefunden hat sie bisher nichts. Ihr Tage verbringt sie damit, in Chungking Mansions andere Leute zu treffen. Wie lange sie bleibt, weiß sie nicht. "Vielleicht noch ein, zwei Wochen, wenn ich keinen Job finde."

Samer sitzt auf der Treppe. Zwei Tage habe die Flugreise aus Lagos gedauert, erzählt er. Samer ist Händler aus Nigeria. "Textilien, kleine Mengen", sagt er. Wir treffen uns im Treppenhaus von Block A. Er ist Ende 40, trägt ein weiß-rot gestreiftes Polo-Shirt, eine goldene Uhr, schwarze Lederschlappen, sitzt auf dem Boden und raucht. In der Ecke stapeln sich Küchenabfälle. Dreimal im Jahr komme er nach Hongkong, um Nachschub einzukaufen, erzählt Samer. Gerade hat er 10.000 Jeanshosen nach Nigeria verschifft. "Die Konkurrenz ist hart." Die meisten Nigerianer in Chungking Mansions leben vom Kleiderhandel. Samer zieht an seiner Zigarette. "Hongkong ist eine hässliche Stadt, aber gut zum Geschäftemachen", sagt er.

Nachts höre ich wieder die Stimmen der Frauen. Der Gang vor meinem Zimmer ist voll gestellt mit Taschen und Plastiksäcken voller Kleidung. Einige der Afrikaner aus den Nachbarzimmern werden morgen ausziehen.

Am Nachmittag kam Herr Lee mit zwei deutschen Touristen im Schlepptau in das Gästehaus, um ihnen die Zimmer zu zeigen. "Good room, very cheap", hatte er gesagt. Die Abendluft, die durch das Fenster hereinweht, riecht nach Curry, die Klimaanlage brummt, draußen im Gang ist es jetzt still.

Autor:
Harald Maass